# taz.de -- Sachbücher über Opfer: Schmerz und Handlungsmacht
> Opferkult oder neue Härte? Zwei Sachbuchautorinnen betrachten aus
> verschiedenen Perspektiven den Umgang mit verwundbaren und verwundeten
> Menschen.
(IMG) Bild: Systemische Gewalt lässt sich mit Solidarität beantworten
Opfererzählungen sind in aller Munde. Die von gesellschaftlichen
Missständen, von Ausgrenzung und Unterdrückung Betroffenen erheben Anspruch
auf Mitgefühl und Zustimmung. Nicht selten wird ihnen als Opfer eine
moralische Überlegenheit zugeschrieben, nicht allein gegenüber dem Täter,
sondern ebenso im Vergleich zum Publikum. In jüngster Zeit sind
Opfererzählungen auch zunehmend Gegenstand von Kritik: Die Opferrolle werde
übertrieben, missbräuchlich in Anspruch genommen, führe zu irriger
Identitätspolitik. Das Opfer erfreut sich also eines breiten kulturellen
Interesses. Im Abstand weniger Wochen sind zuletzt zwei Bücher erschienen,
die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven angehen.
Betont sachlich und unaufgeregt bewegt sich die Philosophin
[1][Maria-Sibylla Lotter] auf dem Minenfeld der Opfererzählungen und setzt
dabei das wissenschaftliche Besteck ihrer Profession ein. Ihre Überlegungen
gehen von dem Skandal um die angebliche antisemitische Beleidigung des
Sängers Gil Ofarim durch den Mitarbeiter eines Leipziger Hotels aus. Diese
erwies sich zwar später als der Fantasie Ofarims entsprungen, aber da hatte
eine entrüstete Öffentlichkeit ihr Urteil bereits gefällt. Lotter fragt:
Wie konnte das passieren? Warum wurden nicht zumindest die Zeugenaussagen
abgewartet?
Sie konstatiert in den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten eine
verbreitete therapeutische Haltung gegenüber wirklichen oder vermeintlichen
Opfern, die vernünftigen Zweifel von vornherein verbietet. Sich
vorbehaltlos auf die Seite eines Opfers zu schlagen, bringt ihrer
Wahrnehmung nach außerdem einen Distinktionsgewinn mit sich, der erklärt,
warum zahlreiche Kommentator:innen auf die Vorwürfe Ofarims umgehend
mit einer moralischen Vorverurteilung des Hotelangestellten reagierten.
## Erhöhtes Bewussstsein für Verwundbarkeit
Rationales Überlegen und Prüfen ist also dringend angezeigt, wenn Personen
oder Gruppen einen Opferstatus für sich beanspruchen oder er ihnen
zugeschrieben wird. Lotter betreibt kein Opfer-Bashing und sie stellt auch
keinesfalls in Abrede, dass es Opfer gibt. Es geht ihr um kulturelle Bilder
und Denkgewohnheiten und um die Frage, welche Folgen das erhöhte
Bewusstsein der Gegenwart für Verwundbarkeit hat. Und so inspiziert sie
nacheinander die Bereiche, in denen der gesellschaftliche Diskurs
regelmäßig Opferdynamiken erkennt: Mobbing beispielsweise, Rassismus,
Gewaltverbrechen, Hate Speech.
Den Beginn des modernen Opferverständnisses verortet Lotter im Konzept der
strukturellen Gewalt, das Opfer auch dort erkennt, wo eindeutige Täter
nicht auszumachen sind. Wenn es systemische Mechanismen sind, die einzelne
gesellschaftliche Gruppen schädigen, rücken statt der Täter die Opfer in
den Fokus der Aufmerksamkeit. Für das Verständnis gesellschaftlicher
Ungerechtigkeit sieht Lotter hier einen wichtigen Fortschritt; dennoch
möchte sie dort, wo ein Täter zu identifizieren ist, die Berücksichtigung
seiner Absichten nicht aufgeben. Die Frage, ob eine Verletzung planvoll
oder unabsichtlich geschieht, findet sie weiterhin wichtig.
Ihre Argumentation erinnert in ihrer Struktur an Svenja Flaßpöhlers Buch
„Sensibel“ von 2021. Wie [2][Flaßpöhler] sieht auch Lotter die gesteigerte
Sensibilität für menschliches Leid in den modernen Gesellschaften
grundsätzlich als Gewinn. Wie ihre Kollegin weist sie aber auch auf die
Kosten eines Denkens hin, das Menschen vor allem als Verletzte begreift. So
sieht sie in den Opferdiskursen der Gegenwart das Bewusstsein für die
eigene Handlungsmacht und die vorhandenen Handlungsspielräume schwinden.
Lotter erinnert an den Mut und die Tapferkeit von Schwarzen Bürgerrechtlern
in den 1950er und 60er Jahren und kontrastiert deren Haltung mit dem Bild
vom ohnmächtigen Opfer, das die Debatten um die Black-Lives-Matter-Bewegung
dominiert. Was sie dabei nicht berücksichtigt: Die damaligen Aktivisten
waren Teil einer breiten und machtvollen Bewegung, auf deren Unterstützung
sie in jedem Moment zählen konnten. Das mindert ihre persönlichen
Verdienste in keiner Weise, aber den Schwarzen Menschen, die heute zu
zufälligen Opfern weißer Polizeigewalt werden, fehlt in aller Regel ein
solcher Rückhalt.
Deutlich besser geeignet, auch skeptische Leser:innen zu überzeugen,
sind Lotters Überlegungen zu den immer öfter erhobenen Vorwürfen von Hate
Speech und zu den zunehmenden sprachlichen Regelungen, die vulnerable
Gruppen schützen sollen. Diese haben den fatalen Nebeneffekt, dass sie die
Furcht befördern, aufgrund einer unbeabsichtigten Verletzung von
Opfergruppen an den Pranger gestellt zu werden. Das lässt Lotter zufolge
die demokratische Debatte verarmen, die doch gerade dazu dienen sollte,
eigene Sichtweisen zur Debatte zu stellen und sie gegebenenfalls zu
revidieren.
Lotter geht von mündigen Individuen und einer idealtypischen demokratischen
Öffentlichkeit aus. Für die jenseits formaler Strukturen existierenden
hegemonialen Verhältnisse, in denen die Möglichkeiten, eigene Standpunkte
zu Gehör zu bringen, ja durchaus unterschiedlich verteilt sind,
interessiert sie sich kaum. Aber ihr Konzept lenkt den Blick auf die
wichtige Fähigkeit der oder des Einzelnen, Einspruch einzulegen, Opposition
und Widerständigkeit zu üben, statt sich in der Rolle eines passiven Opfers
einzurichten.
## Belege für opferfeindlichen Diskurs
Während Lotter sich um einen abständigen Blick auf aktuelle Opferdynamiken
bemüht, schreibt die Journalistin und Podcasterin [3][Alice Hasters],
Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters, aus der
Perspektive einer Betroffenen. Sieben Jahre nach ihrer Aufsehen erregenden
Streitschrift „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber
wissen sollten“, hat sie soeben den Essay „Anti Opfer“ veröffentlicht, in
dem sie einen zunehmend opferfeindlichen Diskurs beklagt.
Als Anti-Opfer bezeichnet sie diejenigen Kräfte auf der politischen
Rechten, die jede Rücksicht auf die Opfer gesellschaftlicher
Ungerechtigkeit bekämpfen und sich in einer grotesken Verkehrung der realen
Machtverhältnisse als die Opfer der Opfer definieren. Mit ihren diskursiven
Interventionen besonders in den sozialen Medien versuchen sie, ein Recht
des Stärkeren wiedereinzusetzen.
Hasters sieht eine neue Kälte und Härte am Werk, die sich an die Stelle der
eigentlich gebotenen Empathie mit gesellschaftlichen Opfergruppen zu setzen
droht.
Ihr Essay bekräftigt noch einmal den Anspruch der verschiedenen
Opfergruppen auf Anerkennung und Beseitigung ihrer Zurücksetzung:
Betroffene von Kolonialisierung ebenso wie die des Holocaust,
Palästinenser:innen, Schwarze, Frauen, Arme, Traumatisierte. Ihre genauen
Beobachtungen und scharfsinnigen Analysen reiht Hasters locker aneinander,
fügt persönliche Impressionen und selbstreflexive Überlegungen ein.
Einen Opferstatus immer von den Gefühlen der Betroffenen her zu begründen,
lehnt auch Hasters ab, geht dabei allerdings einen anderen gedanklichen Weg
als Lotter. Anlässlich der Umbenennung der Berliner Mohrenstraße verwahrt
sie sich gegen die Begründung, man wolle vermeiden, Schwarze Menschen zu
verletzen. Darum gehe es nicht, so Hasters, sondern um den Kontext der
ursprünglichen Benennung: die Versklavung Schwarzer Menschen und deren
Verwendung als „Kammermohren“ durch den preußischen Adel. „Die eigentliche
Frage ist also nicht, wie es Schwarzen Menschen damit geht, sondern wie es
uns als Gesellschaft damit geht.“
Wenn Hasters die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung
nachzeichnet, liest sich das streckenweise wie eine Gegenerzählung zu
Lotter. Ja, der gewaltlose Flügel der Bürgerrechtsbewegung erkämpfte durch
das Ertragen von Polizeigewalt das offizielle Ende der Segregation. Aber
obwohl die Aktivisten auf diese Weise Geschichte schrieben, blieben
Schwarze Menschen weiterhin Bürger zweiter Klasse und vielfach bis in die
Gegenwart hinein Opfer von Polizeigewalt. Schließlich vereinnahmte Donald
Trump bei seiner zweiten Amtseinführung die berühmte Rede Martin Luther
Kings „Ich habe einen Traum“ für einen Angriff auf die „Wokeness“, sodass
sich für Hasters die Frage stellt, ob King und seine Mitstreiter ihre
Opferposition wirklich haben überwinden können.
## Wirkung von Trauer und Schmerz
Dem wiedererwachten [4][Härtediskurs der Rechten] setzt Hasters am Ende
ihres Essays die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Schmerz und Trauer
entgegen. Die erlittenen Wunden bedürfen der Aufmerksamkeit und Fürsorge,
um zu heilen. Mit diesem Schluss wird jedoch die Debatte um das Opfersein
ohne Not enggeführt. So wichtig Trauer auf individueller Ebene sein mag –
für gesellschaftliche Veränderung braucht es anderes. Neben Schmerz und
Trauer könnte für die Opfer systemischer Gewalt und Zurücksetzung etwas
Drittes treten: Zorn beispielsweise, der sich zu widerständigem Handeln
weiterentwickelt.
Das wäre vermutlich eine andere Widerständigkeit als das von Lotter
gemeinte souveräne Handeln des mündigen Individuums. Aber Autonomie und
Handlungsmacht lassen sich besonders gut in Gemeinschaft mit anderen
Betroffenen entwickeln, alle bedeutenden gesellschaftlichen Bewegungen
zeugen davon.
19 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Philosophin-ueber-Verletzlichkeit/!6167910
(DIR) [2] /Buch-ueber-demokratische-Gesellschaft/!5996414
(DIR) [3] /Autorin-Alice-Hasters-ueber-Rassismus/!5966659
(DIR) [4] /Nachdenken-ueber-Faschismus/!6156910
## AUTOREN
(DIR) Renate Kraft
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Diskriminierung
(DIR) Polizeigewalt
(DIR) Gewalt gegen Frauen
(DIR) Black Lives Matter
(DIR) PTBS
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
(DIR) Philosophie
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Lesestück Interview
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Forscherin über Rassismus und Krankheit: „Rassismus ist chronischer Stress“
Mahssa Behdjatpour forscht darüber, wie Rassismus krank macht. Sie kann das
an ihrer Familiengeschichte festmachen.
(DIR) Philosophin über Verletzlichkeit: „Der Gewaltbegriff hat sich enorm erweitert“
Seit Traumatisierbarkeit und Verletzbarkeit den Diskurs prägen, wächst die
Cancel Culture. Aber auch die fruchtbare Selbstermächtigung von Opfern.
(DIR) Schwarze Bürgerrechtler in den USA: Die Black Panthers sind zurück
In US-Städten protestieren bewaffnete Mitglieder der „New Black Panther
Party“ gegen die Einwanderungsbehörde ICE. Das wirft alte Fragen über
gewaltfreien Widerstand auf.
(DIR) Autorin Alice Hasters über Rassismus: „Man könnte effizienter streiten“
In ihrem neuen Buch beschäftigt sich Alice Hasters mit Identitätskrisen.
Ein Gespräch über komplexe Menschlichkeit und Festhalten an der eigenen
Erzählung.