# taz.de -- Philosophin über Verletzlichkeit: „Der Gewaltbegriff hat sich enorm erweitert“
> Seit Traumatisierbarkeit und Verletzbarkeit den Diskurs prägen, wächst
> die Cancel Culture. Aber auch die fruchtbare Selbstermächtigung von
> Opfern.
(IMG) Bild: Hat anhand individuellen Leids gesellschaftliche Missstände benannt: Vergewaltigungsopfer Gisèle Pelicot
taz: Frau Lotter, seit wann ist der Opferbegriff positiv besetzt?
Maria-Sibylla Lotter: Tatsächlich wurden Opfer historisch meist abgewertet.
Insbesondere vergewaltigte Frauen waren stigmatisiert. Erst die
öffentlichen Bekenntnisse der [1][frühen Frauenbewegung] machten Gewalt
sichtbar: Frauen befragten in den USA Gewaltopfer und veröffentlichten die
Ergebnisse in einem medizinischen Kontext, um die Situation Betroffener vor
Gericht zu verbessern.
taz: Gelang das?
Lotter: Bis in die 1960er Jahre bedienten sich Verteidiger wirksamer
Opferstereotype: Frauen, die nach einer Vergewaltigung ihren Alltag
fortführten – der Regelfall –, galten als unglaubwürdig. Auf Grundlage der
Studien von Ann Burgess und Lynda Holmstrom wurden diese Stereotype
widerlegt. Jurys änderten ihre Bewertung, die [2][Verurteilungsraten]
stiegen.
taz: Und weitere Opfergruppen gingen in die Öffentlichkeit.
Lotter: Ja, auch die Schwarze Bürgerrechtsbewegung und die Schwulenbewegung
prangerten ungerechte Verhältnisse an. Dabei trat das Opfer als handelndes
Subjekt in Erscheinung: Es macht sein [3][individuelles Leid] zum
Ausgangspunkt, um für gesellschaftliche Veränderungen einzutreten.
taz: Welche Rolle spielten Holocaust-Überlebende?
Lotter: Unser Opferbild ist auch Folge der Neubewertung der Berichte von
Holocaust-Überlebenden, die nach dem Krieg gegenüber Widerstandskämpfern
wenig Anerkennung fanden. [4][Elie Wiesel] setzte sich bereits Ende der
1960er für ihre Aufwertung ein. Mit der breiten Rezeption ihrer Zeugnisse
seit den späten 1980er Jahren verschob sich das Paradigma: Opfer gelten
seither als traumatisiert, als Zeitzeugen mit besonderer moralischer
Autorität, denen man therapeutisch begegnet. Dies steigerte zugleich die
öffentliche [5][Attraktivität der Opferrolle].
taz: Außerdem betrachten sich immer mehr Menschen als verletzt. Wie kann
das sein?
Lotter: Seit den 1990er Jahren haben sich nicht nur psychiatrische
Kategorien wie Trauma und Depression stark ausgeweitet, sondern auch die
Definition dessen, was als verletzend gilt. So wurde der Gewaltbegriff von
körperlicher über psychische hin zu verbaler und struktureller Gewalt
erweitert.
taz: Das sensibilisiert das Umfeld, blockiert aber auch Resilienz. Wann
begann die Aufwertung der Verletzlichkeit?
Lotter: Mit der 1980 eingeführten Posttraumatischen Belastungsstörung.
Zuvor ging man davon aus, dass eine Minderheit nach extremen Ereignissen
Traumafolgen entwickelt. In den 1980ern führten US-Psychiater die Probleme
von [6][Vietnam-Veteranen] auf Kriegserfahrungen zurück, die jeden
traumatisieren würden – auch, um Ansprüche auf Therapie und Renten zu
begründen. So fand die Annahme allgemeiner Traumatisierbarkeit Eingang ins
psychiatrische Handbuch. Sie ist längst empirisch widerlegt, wirkt aber
fort: Wer Schlimmes erlebt oder davon hört, gilt als traumatisiert. Die
Begriffe Trauma und Depression dehnen sich längst auf alltägliche
Lebenslagen aus.
taz: Was unter anderem zu Triggerwarnungen führt.
Lotter: Ja. Triggerwarnungen entstanden nach 2000 auf feministischen
Websites und wurden auf Initiative von Studierenden von progressiven
US-Colleges übernommen. Dahinter stand die Idee: Menschen sind verletzlich,
benachteiligte Gruppen besonders – und sollten geschützt werden. Heute wird
der Glaube an die enorme psychische Verletzlichkeit durch Worte zunehmend
zum Problem für die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit: [7][Vorträge
werden abgesagt], um vulnerable Gruppen vor Kritik zu bewahren. Aber geht
so nicht die Fähigkeit zur Konfliktbewältigung verloren?
20 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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