# taz.de -- Forscherin über Rassismus und Krankheit: „Rassismus ist chronischer Stress“
       
       > Mahssa Behdjatpour forscht darüber, wie Rassismus krank macht. Sie kann
       > das an ihrer Familiengeschichte festmachen.
       
 (IMG) Bild: Rassismus wirkt sich vielfach aus im Leben und sollte deshalb bekämpft werden
       
       taz: Ihr Buch heißt „Du lachst ja gar nicht mehr“. Woher stammt das Zitat,
       Frau Behdjatpour?
       
       Mahssa Behdjatpour: Das sind die Worte meiner Oma. Sie hat das zu meiner
       Mutter gesagt hat, als sie uns das erste Mal in Deutschland besucht hat.
       Meine Eltern sind vor meiner Geburt aus Iran nach Deutschland gekommen. Bei
       dem Besuch ist ihr aufgefallen, dass meine Mutter nicht mehr lacht.
       
       taz: Wissen Sie noch, wie das für Sie war? 
       
       Behdjatpour: Ich war verwirrt. Meine Oma meinte, dass meine Mutter immer so
       laut gelacht hat, dass man das sieben Häuser weiter gehört hat. Deswegen
       ist ihr die Veränderung auch so aufgefallen. Mir ist in dem Moment klar
       geworden: Ich habe meine Mutter nie so lachen gehört.
       
       taz: Wie steht es derzeit um Ihr Lachen?
       
       Behdjatpour: Eigentlich ganz gut.
       
       taz: Gibt es bereits Forschung dazu, dass Rassismus krank macht?
       
       Behdjatpour: Ja. Es gibt Untersuchungen dazu, dass Rassismus psychische und
       physische Auswirkungen hat. Rassismus ist chronischer Stress. Das
       beeinträchtigt direkt das Immunsystem und fördert so Krankheiten. Der
       Cortisolspiegel steigt. Eine Forschung aus den USA zeigt, dass die
       Wahrscheinlichkeit, an Asthma zu sterben, für ein Schwarzes Kind sechsmal
       höher ist als für ein weißes Kind. Aber auch psychische Krankheiten wie
       Angststörungen und Depressionen kann Rassismus befördern.
       
       taz: Wie sind Sie auf Ihr Forschungsthema gekommen?
       
       Behdjatpour: Ich habe Public Health studiert und mir ist dabei aufgefallen,
       dass das Thema gar nicht vorkommt. Zu Ableismus oder queerer Gesundheit gab
       es ein ganz bisschen, zu Rassismus gar nichts. Also habe ich mich
       entschieden, das selber anzuschauen. Ich verknüpfe persönliche Erlebnisse
       mit der Forschung.
       
       taz: Hat sich der Studiengang dadurch verändert?
       
       Behdjatpour: Während des Studiums, als ich auf die Lücke aufmerksam gemacht
       habe, gab es viel Widerstand von Kommiliton:innen. Das Thema gebe es nicht,
       oder ich sei nicht objektiv genug, haben sie gesagt. Nach meiner
       Masterarbeit wurde das Thema aber aufgenommen.
       
       taz: Welche Erlebnisse haben Ihr Leben denn in der Hinsicht geprägt?
       
       Behdjatpour: Ich habe bei meiner Forschung schon vor meiner Geburt
       angefangen und mich mit transgenerationalem Trauma befasst. Ich bin Tochter
       von politisch Geflüchteten. Geboren 1992, im Jahr der Pogrome, in dem
       Flüchtlingsheime gebrannt haben und Angst geschürt wurde. Dann über
       Kindergarten, Schule, Uni bis heute. Auch Menschen in meinem Umfeld kommen
       in den Untersuchungen vor. Beim Vergleich mit der vorliegenden Forschung
       habe ich gemerkt: Das sind keine Einzelfälle. Tatsächlich haben sich
       inzwischen viele Menschen gemeldet und gesagt: Wir erkennen uns in dem Buch
       wieder.
       
       taz: Hat Sie Rassismus krank gemacht?
       
       Behdjatpour: Rassismus ist ein großer Stressfaktor für mich. Man erlebt
       Abwertung, das schürt Angst. Das beschreibe ich auch in dem Buch. Aber es
       gibt auch Bewältigungsmethoden! [1][Empowerment], Kunst – alles, was sich
       positiv auf die Gesundheit auswirkt. Wie auch das Schreiben. Das kann sehr
       heilsam sein.
       
       taz: Über Ihre Mutter haben Sie schon berichtet. Wie erging es Ihrem Vater?
       
       Behdjatpour: Er hat jahrelang aufgrund von Schmerzen verschiedene
       Ärzt:innen aufgesucht. Er wurde nicht ernst genommen. Ihm wurde gesagt,
       dass er Heimweh habe oder wehleidig sei. Das Phänomen gibt es öfter:
       [2][Morbus Mediterraneus ist ein rassistischer und abwertender Ausdruck]
       dafür, dass migrantisch gelesene Menschen angeblich sehr wehleidig seien.
       Ein Vorurteil. Das hat dazu geführt, dass der Nierenkrebs meines Vaters
       erst in einem späten Stadium entdeckt wurde.
       
       taz: Rassismus in der Medizin also. 
       
       Behdjatpour: Genau, das ist dann die indirekte [3][Wirkung von Rassismus],
       eher schwer greifbar. Deswegen ist Rassismus so eine Doppelbelastung: Er
       macht krank, indem man ihn erfährt – und dann wird er auch noch
       [4][strukturell fortgeführt].
       
       27 May 2026
       
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