# taz.de -- Rechtslastige Polizeigewerkschaften: Hier spricht die Polizei
       
       > Die Gewerkschaften DPolG und GdP tragen populistische Narrative in die
       > Medien und die Politik. Wie schaffen sie das? Eine Datenrecherche.
       
 (IMG) Bild: Polizist*innen nehmen an einem Schweigemarsch für einen durch einen Messerangriff zu Tode gekommenen Kollegen teil
       
       Provozieren können sie bei der Deutschen Polizeigewerkschaft, und das sehr
       erfolgreich. Rainer Wendt war bis vor Kurzem noch DPolG-Vorsitzender und
       Fernsehkolumnist bei Welt TV. Die Idee, Nacktzelte für die Durchsuchung
       einiger Fußballfans vor Stadien aufzubauen, kommentierte er einst mit
       folgenden Worten: „Absolut richtig und vernünftig.“ Wendt behauptete im
       rechten Blog Tichy’s Einblick, dass queere Menschen „uns ihre sexuelle
       Orientierung ständig aufdrängen und in unseren Alltag übertragen“ wollen
       würden.
       
       Heiko Teggatz, seit April 2026 Wendts Nachfolger als DPolG-Vorsitzender,
       forderte Verhandlungen mit den Taliban, um Menschen nach Afghanistan
       abschieben zu können. Sein Kollege Manuel Ostermann, ebenfalls
       Bundesvorsitzender der DPolG und in den sozialen Medien für seine
       umstrittenen Beiträge bekannt, kommentierte in einem Podcast des
       Bayerischen Rundfunks die Kritik an seiner politischen Haltung mit
       folgendem Satz: „Wenn die das so haben möchten, dann bin ich gerne ein
       Rechtsextremist, dann bin ich gerne rechtsradikal, und meinetwegen bin ich
       auch ein Nazi.“
       
       Prominente Vertreter der DPolG sorgen regelmäßig für öffentliche Aufregung.
       Zufall ist das nicht. Die [1][DPolG] ist eine Kommunikationsmaschine. Und
       auch die zweite große Polizeigewerkschaft, die [2][Gewerkschaft der
       Polizei] (GdP), steht ihr darin kaum nach. Ein Blick hinter die Kulissen
       offenbart, wie groß die diskursive Macht von DPolG und GdP in Deutschland
       ist. Und wie die beiden Gewerkschaften die deutsche Innenpolitik
       beeinflussen.
       
       Für diese Recherche wurden Tausende Beiträge der Gewerkschaften gesammelt
       und analysiert: die Pressemitteilungen von GdP und DPolG aus den Jahren
       2024 und 2025, Beiträge auf X (ehemals Twitter) und Facebook unter anderem
       von Wendt, Teggatz, Ostermann und den offiziellen Accounts der beiden
       Gewerkschaften im selben Zeitraum und die Berichterstattung im Zusammenhang
       mit GdP und DPolG vor allem auf dem Springer-Portal welt.de.
       
       ## Mehr als 30 Prozent der Pressemitteilungen handeln von Migration
       
       Ein zentrales Ergebnis vorweg: Ein Schwerpunkt in der
       Kommunikationsstrategie der DPolG ist das Thema Migration. Mehr als 30
       Prozent der Pressemitteilungen handeln davon. Das ist doppelt so häufig wie
       bei der GdP. Häufig geht es dabei um Grenzkontrollen, mehr Befugnisse bei
       Abschiebungen oder „Ausländerkriminalität“. Rainer Wendt bemühte während
       der Ende 2025 von Bundeskanzler Friedrich Merz losgetretenen
       Stadtbild-Debatte zum Beispiel in seiner Welt-TV-Fernsehkolumne ein
       vielsagendes Bild: „Kein Hausbesitzer käme auf die Idee, seine
       Besucherinnen und Besucher mit Verwahrlosung und Kriminalität zu
       empfangen.“
       
       In einer Pressemitteilung der DPolG vom 1. Oktober 2025 heißt es: „Toxische
       Männlichkeit, Ehrverletzungen, Rachegedanken, Geltungssucht und
       subkultureller Habitus führen insbesondere bei ausländischen Tätern zu
       Gewaltorgien, die mittlerweile nur mit Großaufgeboten von Polizeikräften
       unterbunden werden können.“ Auf X schreibt Heiko Teggatz von
       „Messermännern“, ein Begriff, der von der AfD geprägt wurde. Sein Kollege
       Ostermann kritisierte die Grünen abermals im Bundestagswahlkampf und
       behauptete während der anschließenden Koalitionsgespräche: „Deutschland
       öffnet den Terroristen großzügig die Arme.“
       
       Die diskursive Macht der GdP und DPolG – also die Kapazität, mit Aussagen
       wie diesen die öffentliche Meinung zu prägen – sei signifikant, sagt Tobias
       Singelnstein, Polizeiforscher an der Universität Frankfurt.
       Vertreter*innen der Gewerkschaft seien Dauergäste in klassischen
       Medien, da Redaktionen sie zu jedem denkbaren Thema anfragen würden. Da
       sich die Polizei selbst nicht zu allgemeinpolitischen Vorgängen äußern
       darf, würden Gewerkschaften diese Rolle in den Medien übernehmen.
       
       Zudem nutzten Journalist*innen gern, dass die Bereitschaft bei GdP und
       DPolG groß ist, jede Anfrage anzunehmen. Besonders häufig passiert das zum
       Beispiel bei welt.de. In den Jahren 2024 und 2025 sind im Zusammenhang mit
       den Polizeigewerkschaften dort mehr als 570 Beiträge erschienen. Das heißt,
       im Schnitt wird alle 1,3 Tage ein neuer Beitrag veröffentlicht, in dem
       Polizeigewerkschafter*innen zu Wort kommen oder deren Meinung
       zitiert wird. Auch hier ist Migration mit Abstand das häufigste Thema. Es
       kommt in 45 Prozent der Beiträge auf welt.de im Zusammenhang mit GdP, DPolG
       oder ihren Vertreter*innen vor.
       
       ## Hoher Organisierungsgrad
       
       Der Einfluss der Polizeigewerkschaften hat aber noch einen weiteren Grund,
       weiß Singelnstein. „Der Organisierungsgrad in der Polizei ist ziemlich
       hoch, auch im Vergleich zu anderen Branchen. Das macht die Gewerkschaften
       schon zu machtvollen Playern.“ Zwar gibt es keine öffentlich einsehbaren
       Statistiken dazu, er schätzt allerdings, dass mindestens 80 Prozent der
       rund 330.000 Polizist*innen in Deutschland Mitglied in einer
       Polizeigewerkschaft sind.
       
       Das bedeutet: DPolG und GdP können gegenüber der Politik und in der
       Öffentlichkeit durchaus behaupten, für viele, sogar für alle
       Polizeibeamt*innen zu sprechen. Auch wenn viele ihrer Mitglieder den
       Antrag während der Ausbildung ausfüllten, um Vorteile wie Sportangebote
       oder spezielle Versicherungen zu genießen.
       
       In ihrer Kommunikation stellen DPolG und GdP Polizist*innen zugleich
       als Opfer und als Helden dar. Dieses Muster hat Diana Perrot von der
       Universität Regensburg aufgedeckt, indem sie die Mitgliederzeitschriften
       von GdP und DPolG analysiert hat. Laut den Gewerkschaften sei die Polizei
       Opfer eines Mangels an Respekt, von angeblichen Einsparungen bei der
       inneren Sicherheit und sowieso einer vermeintlich zu linken und
       polizeifeindlichen Politik. Die Polizei sei zugleich Heldin: bei
       Großeinsätzen, in Ausnahmesituationen und manchmal auch Lokalpossen, also
       der klassischen Rettung der Katze, die nicht mehr vom Baum herunterkommt.
       
       Im Interview mit [3][Jochen Kopelke], Vorsitzender der GdP, wird dieses
       Paradoxon deutlich. Auf die vielen dokumentierten tödlichen Schüsse durch
       Polizist*innen in den vergangenen Jahren angesprochen, antwortet er:
       „Der Polizist ist Opfer!“ – und meint damit, dass die Beamt*innen damit
       leben müssten, einen Menschen erschossen zu haben und danach ein
       Strafverfahren durchlaufen zu müssen.
       
       ## So viel Aufmerksamkeit wie möglich
       
       Mit diesem simultanen Opfer-Helden-Narrativ versuchen GdP und DPolG so viel
       Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu lenken und den Zusammenhalt nach
       innen zu stärken. Die DPolG setzt zusätzlich auf die beschriebene
       Provokation und eine Personifizierung ihrer Kommunikation.
       
       Die GdP kommuniziert in den sozialen Medien hauptsächlich über die
       offiziellen Gewerkschaftsaccounts. Die DPolG setzt viel mehr auf Gesichter.
       Ihre Vertreter posten mit privaten Accounts, die DPolG Gewerkschaft teilt
       dann diese Posts. Damit erreichen sie viele Menschen: Manuel Ostermann hat
       allein auf Facebook 150.000 Follower, bei Rainer Wendt sind es mehr als
       115.000.
       
       Typische Gewerkschaftsthemen tauchen in ungefähr jedem vierten
       Social-Media-Beitrag der DPolG auf. Ein anderer thematischer Schwerpunkt in
       den Kanälen liegt wieder auf Migration, 18 Prozent der Beiträge auf
       Facebook und X handeln davon. Rainer Wendt spricht sogar in mehr als jedem
       vierten Beitrag auf Facebook darüber.
       
       Ein Algorithmus, der an der Universität Stuttgart ursprünglich für die
       Analyse von AfD-Bundestagsdebatten entwickelt wurde, hilft auch bei der
       Auswertung der Daten der Polizeigewerkschaften. Er analysiert die
       verwendete Sprache auf populistische Codes. Der Algorithmus bescheinigt vor
       allem Wendt eine Tendenz zu einer antielitären Sprache: „Wir“ gegen „die da
       oben“. Damit wird der sowieso aufgeheizte Streit rund um Sicherheits- und
       Migrationspolitik emotionalisiert, Fakten spielen oft eine untergeordnete
       Rolle.
       
       ## Bekannte Köpfe für Social-Media-Selbstinszenierung
       
       Dass die DPolG anders als die GdP stark auf bekannte Köpfe setzt, anstatt
       als Institution aufzutreten, verstärkt eine antielitäre und populistische
       Kommunikation, analysiert Sozialpsychologe [4][Andreas Zick] von der
       Universität Bielefeld. „Wir leben in Welten der
       Social-Media-Selbstinszenierung“, sagt Zick und meint damit, dass Themen
       der Sicherheits- und Innenpolitik über die personifizierte Kommunikation
       stark zugespitzt und für eine rechte, politische Agenda genutzt werden.
       
       Die Polizeigewerkschaften sind in den klassischen und sozialen Medien also
       sehr präsent und beeinflussen die öffentliche Meinung, teils mit
       provokanter Kommunikation. Doch wie viel Einfluss haben sie auf Regierungen
       und Parlamente? Lobbyarbeit ist allgemein schwer zu belegen und zu
       dokumentieren, weil die Gespräche oft hinter verschlossenen Türen
       stattfinden. Viele für diese Recherche interviewte hochrangige
       Politiker*innen in der Innenpolitik auf Bundes- und Landesebene
       redeten zwar im Hintergrund kritisch über die GdP und vor allem die DPolG,
       zitieren lassen wollten sich die meisten damit aber nicht.
       
       Auch die Auswertung Kleiner Anfragen aus dem Jahr 2025 ergibt erst mal
       nicht viel. Im Berliner Abgeordnetenhaus und in der Hamburger Bürgerschaft
       informieren die Innenverwaltungen nur allgemein, dass sie in Kontakt mit
       GdP und DPolG stünden. Clara Bünger, sie ist innenpolitische Sprecherin der
       Linken im Bundestag, hat nachgefragt, wie oft sich Vertreter*innen des
       [5][Bundesinnenministeriums] mit DPolG und GdP treffen.
       
       Die Antwort der Bundesregierung: „Aufgrund der Vielzahl der von der Frage
       betroffenen Fachreferate einschließlich der Hausleitung sowie der rechtlich
       nicht gebotenen Erfassung der Daten ist es nicht möglich, die erbetenen
       Informationen nachträglich belastbar zu ermitteln.“ Wie oft dort die
       Polizeigewerkschaften ein- und ausgehen oder welche Kontakte wie geknüpft
       und gepflegt werden, kann oder will das Ministerium nicht mitteilen.
       
       ## Regelmäßige Treffen zwischen sächsischem Innenministerium und
       Polizeigewerkschaften
       
       Doch in Sachsen schickte das Staatsministerium des Inneren als Antwort auf
       eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Rico Gebhardt von der Linken eine
       Tabelle. Dort kann man ablesen, dass sich sowohl Minister als auch
       Staatsminister und Abteilungsleiter*innen regelmäßig mit
       Vertreter*innen der Polizeigewerkschaften treffen. Oft geht es um die
       Beschäftigten im Polizeidienst oder um Tarifverhandlungen – das
       Kerngeschäft jeder Gewerkschaft.
       
       Die Themenliste ist aber länger: Da wurde bei einem Austausch der
       Doppelhaushalt 2025/26 besprochen, auch die [6][umstrittenen
       Grenzkontrollen] standen auf der Agenda oder die Modernisierung der
       Rechtsgrundlage für die Polizei. Es liegt nahe, dass diese engen
       Verbindungen zwischen Innenministerien und Polizeigewerkschaften auch in
       anderen Bundesländern und auf Bundesebene gepflegt werden.
       
       Ein Politiker äußert sich dann doch ausführlich zu diesem Phänomen. Niklas
       Schrader von der Fraktion der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus
       kritisiert allgemein einen zu großen Einfluss von GdP und DPolG im
       Parlament, aber auch konkret in der Regierungsarbeit: „Man macht es daran
       fest, dass sich polizeigewerkschaftliche Positionen sehr oft dann auch in
       Äußerungen oder in konkretem Handeln von Ministerien und auch von
       Koalitionen wiederfindet.“
       
       Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD auf Landesebene in
       Berlin saß 2023 auch eine Vertreterin der GdP am Tisch der Arbeitsgruppe
       Inneres und Justiz. Das gaben CDU und SPD selbst bekannt. Danach fanden
       sich einige GdP-Forderungen im Koalitionsvertrag. Schrader beschreibt vor
       allem einige Vertreter*innen der DPolG als rassistisch, die
       Gewerkschaft pflege „eine offene Flanke Richtung AfD“, sagt er. Damit
       konfrontiert, weist die DPolG diesen Vorwurf entschieden zurück.
       
       ## GdP verzichtete bislang auf Eintrag ins Lobbyregister
       
       Die Organisation LobbyControl fordert mit Blick auf den Einfluss der
       Gewerkschaften mehr Transparenz. Im Bundestag ist die DPolG im
       Lobbyregister eingetragen. Die GdP verzichtete bisher darauf.
       Gewerkschaften müssen sich per Gesetz nicht verpflichtend ins Lobbyregister
       des Bundestags eintragen. Es sei denn, sie machen über die
       Interessenvertretung ihrer Mitglieder hinaus auch allgemeinpolitische
       Arbeit, so ähnlich wie Parteien. LobbyControl sieht genau diese Art von
       allgemeinpolitische Arbeit in der Funktionsweise von beiden
       Polizeigewerkschaften als gegeben an.
       
       Ein Eintrag ins Lobbyregister informiert automatisch über das Budget, das
       eine Organisation in die Lobbyarbeit steckt und wer im Parlament aus
       welchen Interessen Politiker*innen zum Café, auf ein Bierchen oder
       allgemein Gesprächsterminen in den Büros des Bundestags trifft. Auf die
       Frage, warum die GdP dort nicht als Lobbygruppe aufgelistet ist, antwortet
       der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke, dass es „fast niemanden
       interessiert“, wer im Register eingetragen sei.“ Außerdem sei das „schon
       teuer, wenn man den Verpflichtungen des Lobbyregisters nachkommen möchte“.
       
       Und was sagt die DPolG zu den Ergebnissen dieser Datenrecherche? „Ich finde
       das erstaunlich, dass das Thema Migration bei unseren Mitbewerbern so eine
       geringe Rolle spielt“, kommentiert Teggatz die Ergebnisse. Teggatz gefallen
       sie gleichzeitig. Er lächelt breit und nickt zustimmend. Diese Analyse
       bescheinigt vor allem der DPolG hohe Reichweite mit ihren Themen sowohl auf
       Social Media als auch in klassischen Medien.
       
       Beide, Heiko Teggatz von der DPolG aber auch Jochen Kopelke von der GdP,
       sagen, dass sie in den vergangenen Jahren immer mehr Steuergelder,
       Befugnisse, Ausrüstung und politische Anerkennung für die Polizeibehörden
       in Deutschland erzielt hätten. Die Gewerkschafter zeigen sich im Gespräch
       dementsprechend optimistisch und zufrieden. Nur bei einem Thema ist die
       Stimmung schlecht.
       
       ## Gespräche über Rechtsextremismus selten
       
       Die Datenanalyse hat auch gezeigt, dass GdP und DPolG nur selten über
       Rechtsextremismus in den Reihen der Polizei sprechen. Innerhalb von zwei
       Jahren zum Beispiel nur in zwei Pressemitteilungen der DPolG. Die
       Begründung von Heiko Teggatz: „Weil das Thema Rechtsextremismus in der
       Polizei eigentlich kein Thema ist, weil mir keine Fälle bekannt sind, aus
       denen man tatsächlich ein strukturelles Problem ableiten kann.“
       
       Das steht im Widerspruch zu den vielen bekanntgewordenen Fällen von
       Rechtsextremismus bei der Polizei und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen
       zum strukturellen Charakter des Rechtsextremismus unter Polizeibeamt*innen.
       
       In den Interviews mit den Vorsitzenden von DPolG und GdP wird ebenfalls
       klar, dass die beiden Gewerkschaften in großer Konkurrenz stehen. Sie
       kämpfen mit ihren unterschiedlichen Kommunikationsstrategien um
       Deutungshoheit und Einfluss – auch gegeneinander. Jochen Kopelke von der
       GdP beschreibt die DPolG zum Beispiel mit zwei Worten: „Anders und Blau.“
       Ob er damit das Blau der AfD meint, wollte er nicht verraten.
       
       6 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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