# taz.de -- 30-Jähriger nach Polizeigewalt im Koma: Polizeiforscher kritisiert Staatsanwaltschaft
> Seine Freunde in Köln riefen den Notarzt – und der die Polizei. Jetzt
> liegt der 30-Jährige Pedro C. im Koma. Wie ist das passiert?
(IMG) Bild: Rund 90 Minuten nach Ankunft der Polizei musste C. reanimiert werden (Symbolfoto)
Pedro C. brauchte Hilfe. Er war in einem psychischen Ausnahmezustand, hatte
Wahnvorstellungen. Seine Freund*innen, die an jenem 8. April mit in seiner
Kölner Einzimmerwohnung waren, riefen den Notarzt. Der ordnete an, den
30-Jährigen in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuliefern. Doch C.
schloss sich in seiner Wohnung ein, war nicht einsichtig. Der Notarzt rief
die Polizei. Rund 90 Minuten nach deren Ankunft musste C. reanimiert
werden.
C. liegt aktuell in einem Krankenhaus im Kölner Umland. Laut seinem Anwalt,
Simón Barrera González, liegt C. im Koma und wird wohl irreversible
Hirnschäden davontragen. Ob er je wieder zu Bewusstsein kommt, ist unklar.
Was in der Kölner Wohnung passiert ist, lässt sich anhand von Berichten von
Barrera González sowie einer Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Köln, die
der taz vorliegt, rekonstruieren.
Demnach habe C. sich nach Eintreten zweier Polizist*innen in die
Einzimmerwohnung mit „Händen und Füßen“ gewehrt, sodass sechs weitere
Beamt*innen „herbeigerufen werden mussten“, wie die Staatsanwaltschaft
schreibt. Die insgesamt acht Polizist*innen fixierten C. schließlich
und legten ihm eine Spuckmaske an. Die dünne Haube soll die Beamt*innen
vor ansteckenden Krankheiten schützen.
## Paradebeispiel
Wenig später wurde C. auf einem Rettungstuch aus dem Haus getragen, mit
blauem Gesicht. Vor dem Haus, so schreibt es die Staatsanwaltschaft, sei er
dann „unversehens reanimationspflichtig“ geworden. Wie genau, ist unklar.
Der [1][Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes] sagte der taz, dass dieser
Fall ein „Paradebeispiel“ dafür sei, wie man mit Menschen in psychischen
Ausnahmesituationen besser nicht umgeht. Allein wieso eskalieren Einsätze
der Polizei mit psychisch Kranken immer wieder?
Die meisten solcher Einsätze laufen ohne Probleme ab, so Feltes. „Aber wenn
es Probleme gibt, dann sind sich die Muster sehr ähnlich.“ Als Beispiele
führt der Forscher [2][den Tod des 16-jährigen Mouhamed Dramé] an, der 2022
in Dortmund durch Polizeischüsse starb, sowie den [3][Fall des 21-jährigen
Lorenz A.], der im April 2025 in Oldenburg durch Polizeischüsse ums Leben
kam. Das Schema ist immer gleich: Einsätze schaukeln sich durch vermeidbare
Fehler hoch und führen zu extremer Gewalt.
In der Folge hatte es jeweils Debatten um die Ausbildung der
Polizist*innen gegeben, wie sie sich auf Begegnungen mit psychisch
Kranken vorbereiten können, ob dafür nicht lieber andere Expert*innen
hinzugerufen werden sollten und wen die eskalierenden Einsätze besonders
häufig treffen.
## Eine Ewigkeit
Im aktuellen Fall wollten die Polizist*innen ihren Einsatz wohl
schnellstmöglich hinter sich bringen, vermutet Feltes. Der Einsatz dauerte
mit 90 Minuten zwar „eine Ewigkeit“, genau das spreche aber für eine
heftige Auseinandersetzung, bei der C. letztlich in Bauchlage fixiert
wurde, vermutet Feltes. In dieser Position ist das Atmen schwer. Das sieht
der Polizeiwissenschaftler ohnehin kritisch. Die Kombination aus Bauchlage
und Maske hält Feltes für „unzulässig“, weil Erstickungsgefahr drohe.
Ohnehin sei es laut Feltes ein Fehler, „Druck auf die Person auszuüben, sie
zum Beispiel in die Enge zu treiben“. Stattdessen hätten die Einsatzkräfte
die Lage stabilisieren und auf Experten warten sollen, zum Beispiel das
SEK, das darauf spezialisiert ist, fremdgefährliche Menschen zu fixieren.
Außerdem hätten die Freund*innen von C. zur Beruhigung mit einbezogen
werden können, ebenso der Notarzt. Doch sie warteten auf Bitte der
Beamt*innen vor dem Haus. „Ich dachte, wie wären weiter“, so Feltes.
Der Einsatz liegt sechs Wochen zurück, die Suche nach Gründen für die
Eskalation dauert an. Anwalt Barrera González vermutet einen Zusammenhang
mit C.s venezolanischer Herkunft und seiner Hautfarbe. Sein Vorwurf:
struktureller Rassismus. Unter anderem deswegen, so der Anwalt, habe die
Polizei ungerechtfertigte und exzessive Polizeigewalt angewendet. Die
Staatsanwaltschaft weist diesen Vorwurf zurück.
Ob die angewendete Gewalt im vorliegenden Fall übermäßig war, ermittelt
aktuell die Polizei Bonn. Eine Entscheidung darüber, ob ein Anfangsverdacht
vorliegt, hat sie noch nicht getroffen. Die Polizei Bonn äußert sich nicht
zum Stand der Ermittlungen, weil die Pressehoheit bei der
Staatsanwaltschaft Köln liegt. Diese schreibt auf Nachfrage: „Nach
Auswertung aller bislang vorliegenden Beweise liegen konkrete Anhaltspunkte
für eine übermäßige, rechtswidrige Polizeigewalt nicht vor“.
## Bodycam
So habe man bisher die eingesetzten Polizist*innen sowie die
Rettungskräfte angehört und die Bodycam-Aufzeichnungen ausgewertet. Der
„geistige Zustand des Mannes und die von ihm ausgehende Fremdgefährdung“
hätten die Fixierung unvermeidlich gemacht. Immerhin seien sechs
Polizeibeamte verletzt worden. Dazu komme, dass C. nicht nur unter
Wahnvorstellungen gelitten, sondern auch unter Drogeneinfluss gestanden
habe.
Für den Polizeiwissenschaftler Feltes ist die Auskunft der
Staatsanwaltschaft „skandalös“ und „rechtsstaatlich bedenklich“. Statt in
ein paar Zeilen müsste ein Fall wie dieser grundlegend aufgearbeitet
werden. Die Staatsanwaltschaft lege sich dagegen voreilig fest. „Nach so
kurzer Prüfung sind die Erkenntnisse aber wertlos.“
Sie wolle sich den Vorwürfen von strukturellem Rassismus nicht öffnen und
schiebe den Drogeneinfluss vor; dabei stand, das belegt die Krankenakte, C.
zum Einsatzzeitpunkt lediglich unter dem Einfluss von Cannabis, Kokain und
Amphetamin wurden „schwach positiv“ nachgewiesen.
Die Staatsanwaltschaft hat Barrera González in der Kölnischen Rundschau
angegriffen: Er sei zu seinen Anschuldigungen gelangt, ohne die Akten
eingesehen zu haben. „Natürlich haben wir Akteneinsicht beantragt“, sagt
González, allerdings ohne Erfolg: Ohne Anfangsverdacht gibt es nämlich kein
Aktenzeichen. Und damit keine Aufarbeitung.
26 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.thomasfeltes.de/
(DIR) [2] /Todestag-von-Mouhamed-Drame/!6105662
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## AUTOREN
(DIR) Adrian Breitling
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