# taz.de -- Vorwurf der Polizeigewalt in Berlin: „Ich war mir nicht sicher, ob sie mich umbringen“
       
       > Die Polizei attackiert in Berlin-Friedrichshain mehrere Personen nach
       > einem Straßenfest. Die Verletzten erheben schwere Vorwürfe, die Polizei
       > hat eine eigene Version.
       
 (IMG) Bild: Brutaler Polizeieinsatz in Berlin Friedrichshain (Symbolfoto)
       
       Sein Blut klebt noch auf dem Gehweg. Es spritzte aus seinem Kopf, als ein
       Polizist in der Nacht von Samstag auf Sonntag gewaltsam auf den 57-Jährigen
       losgegangen ist. Den Vorfall zeigen mehrere Videos, die der taz vorliegen.
       Aufgenommen wurden sie am nördlichen Ende der Kreutzigerstraße in
       [1][Berlin-Friedrichshain].
       
       Er sei vom dortigen Straßenfest gekommen und habe auf dem Weg nach Hause
       mit Freunden noch etwas essen gehen wollen, erzählt der Betroffene der taz,
       als er sich so weit erholt hat, dass er telefonieren kann. „Aber die
       Polizei hatte den Durchgang zur Frankfurter Allee gesperrt.“ Warum das?
       Diese Frage hätten die Beamten nicht beantwortet. Also sei man erst einmal
       stehen geblieben.
       
       Ein Video zeigt eine Menschentraube, die vor rund zehn Uniformierten steht.
       Plötzlich löst sich ein besonders großer, glatzköpfiger Polizist von seiner
       Position, stürmt auf die Gruppe zu, schubst die Personen in der ersten und
       zweiten Reihe weg, um sich auf einen bestimmten, grauhaarigen Mann in der
       dritten Reihe zu stürzen.
       
       ## Geschrei, Tumult, Panik
       
       Die anderen Polizisten eilen hinzu, schubsen die Umstehenden weg, es wird
       unübersichtlich und laut. Der glatzköpfige Uniformierte erhebt seine Hand
       wie wenn er zum Schlag ausholt, drängt den Grauhaarigen einige Meter aus
       der Menge heraus und bringt ihn dann gewaltsam zu Boden.
       
       „Ich wurde geschlagen, getreten, hatte ein Knie im Nacken. Ich war mir
       nicht sicher, ob sie mich umbringen“, sagt der 57-Jährige im Nachhinein.
       Auf dem Video sind zwei dumpfe Geräusche zu hören, die wie feste
       Faustschläge mit Handschuhen klingen. „Der eine Polizist hat mir gesagt,
       ich soll die Arme ausstrecken, aber der andere hat meine Arme auf meinem
       Rücken festgehalten.“
       
       Jetzt ist sein Schädel verwundet, sein Kiefer geschwollen, seine rechte
       Rippe ist geprellt, und es besteht ein Verdacht auf eine dauerhafte
       Schädigung der Nerven: „Meine Hand ist seit Sonntagnacht taub“, sagt er.
       
       Die Polizei nahm ihn mit auf die Wache. Erst nach Stunden habe sie den
       Verletzten gehen lassen, sagt er. Zwar hätten zu Beginn Sanitäter seine
       Wunde reinigen dürfen. Sie empfahlen darüber hinaus, dass der Mann sich ins
       Krankenhaus begibt. „Das hat die Polizei nicht erlaubt“, kritisiert er.
       Ebenso wenig sei er über seine Rechte aufgeklärt worden oder habe einen
       Anwalt anrufen können. Dieser Umgang verstärkt bei dem 57-Jährigen, der in
       der Vergangenheit für mehrere Landesregierungen gearbeitet hat, die „Sorgen
       über den Zustand unseres Rechtsstaats“.
       
       „Auf dem Video ist keine Situation ersichtlich, die Gewaltanwendung durch
       die Polizei überhaupt gerechtfertigt hätte“, sagt Carolin Kaufmann. Sie ist
       Rechtsanwältin in Berlin und Expertin für Polizeieinsätze. Kaufmann weist
       darauf hin, dass sich hier niemand körperlich bedrohlich oder aggressiv
       gegenüber der Polizei verhalten habe.
       
       „Die Polizei muss grundsätzlich – wenn sie die Anwendung von körperlicher
       Gewalt, etwa zur Durchsetzung einer Personalienfeststellung, erwägt – diese
       Gewalt zunächst androhen und der betroffenen Person so die Möglichkeit
       geben, die verlangte Handlung selbst durchzuführen“, erklärt Kaufmann. „Die
       Gewaltanwendung entbehrt ausweislich des Videos jedweder rechtlichen
       Grundlage und war absolut unverhältnismäßig“, so die Anwältin.
       
       ## Mehrere Verletzte
       
       Wie die taz erfahren hat, ist der 57-Jährige bei Weitem nicht der einzige
       Verletzte. Die Polizei begann ihren Einsatz wohl gegen 1 Uhr nachts. Nach
       dem Straßenfest seien kaum noch Leute in der Gegend unterwegs gewesen.
       Einzelne seien ohne ersichtlichen Grund von den Einsatzkräften kontrolliert
       und festgehalten worden, berichtet eine Augenzeugin. In der Folge
       eskalierte die Situation.
       
       Soweit die taz den Ablauf rekonstruieren konnte, gingen die Uniformierten
       an der gleichen Stelle in der Kreutzigerstraße vor dem Durchgang zur
       Frankfurter Allee jeweils mit einigem zeitlichen Abstand gegen mehrere
       Personen vor: stürzten sich auf sie, brachten sie zu Boden, haben sie
       gefesselt und verletzt. Mindestens drei von ihnen mussten deshalb ärztlich
       behandelt werden.
       
       Darunter war auch eine 37-jährige Sozialarbeiterin, deren
       Krankenhausbericht der taz vorliegt. Auch sie erlitt eine Platzwunde,
       Schürfungen und vier Beulen am Kopf. „Ich hatte beim Straßenfest
       mitgeholfen und habe mich danach mit einem Freund auf den Weg in den
       Nordkiez gemacht.“ Auf einmal habe sie überall Blaulicht gesehen und
       Sirenen gehört.
       
       „Also haben wir geguckt, was da los ist. Als wir durch den Durchgang kamen,
       waren wir sofort mitten in einem Polizeipulk.“ Außerdem habe sie einige
       jüngere Leute gesehen, einen Mann mit blutverschmiertem Gesicht. „Der
       Polizist hat einen Mann angeschrien, dass er hier nicht rauchen darf. Da
       habe ich mich eingemischt, ich wollte vermitteln.“
       
       Doch das Nächste, woran die Frau sich erinnern könne, ist, dass sie auf dem
       Boden lag, über sich Uniformierte. Später, im Polizeigewahrsam, beschwert
       sie sich, habe man nicht auf ihr Klopfen reagiert, als sie auf Toilette
       musste. „Ich war psychisch am Ende und habe geheult wie ein kleines Kind,
       weil ich die Welt nicht mehr verstanden habe.“
       
       Auch von ihrer Festnahme liegt der taz ein Video vor. Darauf zu sehen: eine
       weitere zierliche Person, die mit Gewalt zu Boden gedrückt wird. „Ich
       wollte doch einfach nur nach Hause gehen“, hört man eine Frauenstimme nahe
       der Kamera sagen.
       
       ## Die Version der Polizei
       
       Die Berliner Polizei schildert den Abend etwas anders. In ihrer
       Pressemitteilung heißt es, ein 34-Jähriger sei über die Straße gelaufen und
       habe so einen Einsatzwagen zu einer Vollbremsung gezwungen. Daraufhin sei
       der Mann angeblich in die Kreutzigerstraße geflüchtet. Als die Polizei ihn
       festnehmen wollte, hätten demnach mehrere Personen eingegriffen.
       Anschließend seien Einsatzkräfte angegriffen worden.
       
       „Ich weiß nicht, welchen Gefangenen ich hätte befreien können“, sagt dazu
       der 57-jährige Verletzte – und muss fast lachen über diese Darstellung.
       „Ich habe jedenfalls keine Verhaftung gesehen. Ich stand keine zwei Minuten
       vor der Absperrung, da hat der Polizist schon auf mich eingeschlagen.“
       
       Seine Festnahme bestätigt die Polizei gegenüber der taz auf Nachfrage.
       Grund dafür sei „ein strafrechtlich relevanter Sachverhalt“ gewesen und
       dass er bei der Festnahme „Widerstand“ geleistet habe. Dieser Vorwurf, den
       die Polizei bei eigenen Gewalttaten quasi standardmäßig gegen ihre Opfer
       erhebt, wird möglicherweise geklärt, wenn vor Gericht die vielen Videos,
       die es von der Situation gibt, angesehen werden. Die Polizei bestätigt
       zudem, dass sie den Mann nicht ärztlich hat behandeln lassen. Trotz
       blutüberströmten Kopfs. Trotz Empfehlung der Sanitäter.
       
       Auch die 37-Jährige hält die Vorwürfe der Polizei, etwa des tätlichen
       Angriffs, für Quatsch: „Ich greife keine Polizisten an. Ich weiß doch, dass
       die überlegen sind“, sagt sie der taz. Sie bereue im Nachhinein, dass sie
       sich eingemischt hat.
       
       Was an der Version der Polizei dran ist, wird sich zeigen. Einige ihrer
       [2][Bodycams] sollen eingeschaltet gewesen sein. Von den Verletzten, mit
       denen die taz gesprochen hat, wohnt jedenfalls niemand im [3][nahe
       gelegenen Wohnprojekt in der Rigaer Straße], wie es das Boulevardmedium BZ
       suggeriert.
       
       Die Gewerkschaft der Polizei fordert indes Konsequenzen für Leute, die sich
       mit den Festgenommenen solidarisiert haben. Was das Problem an Solidarität
       ist, erklärt deren Sprecher allerdings nicht. Einige Beamte hätten ihm
       zufolge Verletzungen erlitten, „verblieben jedoch im Dienst“.
       
       Klar ist bislang vor allem eins: Die Ereignisse nach dem Straßenfest in der
       Kreutzigerstraße gingen über gewöhnliche Festnahmen hinaus und verliefen
       äußerst brutal. „Das war ein schockierendes Erlebnis“, sagt der 57-jährige
       Verletzte und kündigt an: „Ich werde alle Mittel einsetzen, damit diese
       Gewalt Konsequenzen für die verantwortlichen Polizisten hat.“
       
       9 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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