# taz.de -- Rassismusvorwürfe in UK: Eine lange Geschichte von Polizeiversagen
       
       > Lange Zeit stand die Polizei in England unter Rassismusverdacht. Seit
       > kurzem wirft man ihr eher „Two-Tier Policing“ zum Nachteil von Weißen
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Proteste am Tatort: Hier nahm die Polizei den blutenden Henry Nowak fest
       
       Der Fall Henry Nowak reiht sich ein in eine lange Kette von
       Polizeiskandalen in Großbritannien. Die Unruhen in Southampton erinnern
       fatal an den Beginn der landesweiten Proteste im Juli 2024, wenige Wochen
       nach Amtsantritt der Labour-Regierung, nach der [1][Ermordung dreier
       kleiner Mädchen im nordwestenglischen Southport] durch Axel Rudakabana, ein
       17-Jähriger ruandischer Abstammung. Rechtsextremisten warfen der Polizei
       Vertuschung der wahren Identität und Motivation des Täters vor und
       mobilisierten zu Ausschreitungen vor staatlichen Unterkünften für
       Bootsflüchtlinge, obwohl der Täter gar kein Bootsflüchtling war – beide
       waren einfach aus Sicht der Rechten unerwünscht.
       
       Nach diesen Unruhen wurden zahlreiche Beteiligte in Schnellverfahren zu
       teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Zugleich entließ die neue
       Labour-Regierung vorzeitig Tausende bereits verurteilte Häftlinge, darunter
       Gewalttäter, um die überfüllten Gefängnisse zu entlasten. Das, sowie der
       als milder empfundene Umgang der Polizei etwa mit propalästinensischen
       Protesten, nährte im rechten Lager eine Wahrnehmung, dass der Staat mit
       zweierlei Maß misst – „Two-Tier Policing“ – und die weiße Arbeiterschicht
       härter diszipliniert werde.
       
       Der Mord von Southampton dient dafür als erneuter Beleg. Die falsche
       Behauptung des indischstämmigen Täters, sein weißes Opfer habe ihn
       rassistisch attackiert, wog für die Beamten demnach offenbar schwerer als
       die schweren und schließlich tödlichen Stichverletzungen des Opfers. Die
       britische Polizei, so der Vorwurf, sei so bemüht, Rassismusvorwürfe von
       sich zu weisen, dass sie in der anderen Richtung versagt.
       
       Am Ursprung dieser Diskussion steht der in die britische Justizgeschichte
       eingegangene Mord an dem Jamaika-stämmigen 18-jährigen [2][Stephen
       Lawrence] auf offener Straße in London am 22. April 1993. Die
       Polizeiermittlung war so schlampig, dass die schnell identifizierten Täter
       – eine Gruppe polizeibekannter weißer Jugendlicher – freigesprochen wurden.
       Namhafte Juristen nahmen sich des Falles an, eine richterliche Untersuchung
       kam 1998 zum Schluss, Londons Polizei sei „institutionell rassistisch“, und
       das zog Gesetzesänderungen und Reforminitiativen nach sich. Erst 2012
       konnten zwei der Täter verurteilt werden.
       
       ## Verpflichtende Antirassismuskurse
       
       In den letzten Jahren, ermutigt durch die „Black Lives Matter“-Proteste
       nach dem Tod von George Floyd in den USA 2020, haben alle englischen
       Polizeibehörden für ihre Beamten verpflichtende Antirassismuskurse
       eingeführt. Im März 2025 traten neue Polizeirichtlinien in Kraft, wonach
       die Polizei beim Umgang mit Verdächtigen deren ethnischen Hintergrund
       berücksichtigen muss. Zuvor hatte ein Entwurf neuer Justizrichtlinien
       empfohlen, bei der Strafbemessung die Gruppenzugehörigkeit der Angeklagten
       einfließen zu lassen – dies wurde nach Protesten von Richtern
       zurückgezogen. Beides dient nun als Beleg für den Vorwurf des „Two-Tier
       Policing“. Die Polizeirichtlinie [3][soll jetzt überarbeitet werden].
       
       Behördenversuche, sich gegen Rassismusvorwürfe zu schützen, haben schon
       viel Schaden angerichtet. In mehreren nordenglischen Städten wurden in den
       vergangenen Jahrzehnten Ermittlungen gegen organisierte
       pakistanischstämmige Sexualstraftäter, die weiße Mädchen aus schwierigen
       Verhältnissen anlockten und missbrauchten, jahrelang verschleppt, Berichten
       zufolge aus behördlicher Angst vor dem Vorwurf rassistisch motivierter
       Einseitigkeit – der sogenannte [4][„Grooming Gangs“-Skandal] ist bis heute
       nicht vollständig aufgearbeitet und hat zu Labours Niedergang beigetragen.
       
       Und während die Wut in Southampton explodiert, läuft noch die Aufarbeitung
       eines weiteren umstrittenen Mordfalls. Am 13. Juni 2023 richtete im
       mittelenglischen Nottingham der damals 32-jährige Einwanderer Valdo
       Colocane aus Guinea-Bissau [5][ein Blutbad an]: Er tötete mit einem Messer
       zwei Studenten und einen Passanten und verletzte dann mit dem Auto des
       Passanten drei weitere Menschen. Der bereits als schizophren
       diagnostizierte Täter wurde im Januar 2025 für schuldunfähig erklärt und zu
       lebenslanger Anstaltsverwahrung verurteilt.
       
       Nun läuft eine richterliche Untersuchung über mögliches Behördenversagen –
       wenige Monate vor der Tat erst war Colocane aus der Psychiatrie entlassen
       worden. In der Untersuchung wurde ausgesagt, man habe gezögert, ihn
       zwangseinzuweisen, weil Schwarze von solchen Maßnahmen überdurchschnittlich
       betroffen seien. Die Folge: drei Tote.
       
       3 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/2024_Southport_stabbings
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Murder_of_Stephen_Lawrence
 (DIR) [3] https://www.bbc.com/news/articles/c392gj41pgpo
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Grooming_gangs_scandal
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/2023_Nottingham_attacks
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
       ## TAGS
       
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