# taz.de -- Sieben Probleme der Koalition: Wo die Regierung noch nach Lösungen sucht
> Rente, Pflege, Steuern: Schwarz-Rot steht vor großen Herausforderungen.
> Der Rückzug von Bärbel Bas hat die Lage nicht einfacher gemacht.
(IMG) Bild: Nach dem Rückzug von Bärbel Bas müssen die SPD-Männer Schweitzer und Klingbeil klarkommen
dpa | Viel Leerlauf darf nicht sein: Schon kurz nach dem [1][Rücktritt von
Bärbel Bas] wird ihr Nachfolger ins Arbeitsministerium einziehen. Bereits
heute Nachmittag soll der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz,
Alexander Schweitzer (SPD), vom Bundespräsidenten ernannt werden. Fehlt
noch die Vereidigung im Bundestag, dann kann der Neue loslegen.
„Der will jetzt richtig starten, der will die Dinge auf den Weg bringen und
da gibt es keine großen Verzögerungen“, versprach Vizekanzler und SPD-Chef
Lars Klingbeil im ARD-„Brennpunkt“. Das erwartet die schwarz-rote
Bundesregierung aber auch von Schweitzer, denn mit der Rente liegt das wohl
größte ihrer Problemfelder in der Zuständigkeit des Arbeitsministers.
Doch die umstrittene Rentenreform ist nicht die einzige Herausforderung,
die die Koalition bis Jahresende stemmen muss. Bas’ Rücktritt hat gezeigt,
wie blank die Nerven im Regierungsbündnis von Union und SPD tatsächlich
liegen.
Rente
Vor allem der CDU dauert es schon viel zu lange, bis ein Gesetzentwurf zur
[2][geplanten Rentenreform] vorliegt. Das hatten CDU-Politiker Bas in den
letzten Wochen auch deutlich zu verstehen gegeben – obwohl die 58-Jährige
gerade um ihre Stieftochter trauert. Zwar sagt Klingbeil, man liege bei der
Reform im Zeitplan. Doch Schweitzer steht unter Druck, schnell zu liefern.
Noch gibt es aber Differenzen, was im Reformentwurf drinstehen soll. Fest
steht: Die im Sommer von Bas als „Gesamtkunstwerk“ bezeichneten 33
Empfehlungen der Rentenkommission werden – anders als vom Kanzler und ihr
angekündigt – nicht komplett umgesetzt. Offene Fragen gibt es nicht nur zur
Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren, sondern
auch zum Umgang mit Minijobs und anderen Fragen.
Spannend wird sein, ob Schweitzer gleich nach Amtsantritt den Kurs vorgibt
oder sich erst mithilfe seines Beamtenapparats einarbeitet. Bereits im
August hatte er jedenfalls nicht weniger entschlossen als
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die
abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren verteidigt.
Ebenfalls jetzt Schweitzers Problem ist die im Grundsatz bereits im
Koalitionsvertrag angekündigte Flexibilisierung der Arbeitszeit. Die Union
pocht darauf, von Bas kam bisher kein Entwurf. Auch von der Koalition
beschlossene Flexibilisierungen bei Vorgaben zur sachgrundlosen Befristung
stehen in der Umsetzung aus.
Pflege
Eigentlich sollte das Kabinett schon in der vergangenen Woche eine
Kommission zur Pflegereform einberufen. Die soll bis Ende Januar Vorschläge
vorlegen, wie das Pflegesystem für die 2030er Jahre gewappnet werden kann.
Doch es gab Gesprächsbedarf über die Zusammensetzung und auch den genauen
Arbeitsauftrag. Die SPD fordert, dass auch Obergrenzen der stark steigenden
Eigenanteile für [3][die Pflege] ein Thema sein sollen, von Unionsseite gab
es dazu ablehnende Äußerungen. Ob die Kommission an diesem Mittwoch im
Kabinett beschlossen werden kann, ist offen.
Steuern
Höhere Steuern auf zuckerhaltige Getränke sollen die Gesundheit schützen,
vor allem aber den Bundeshaushalt entlasten. Doch die Pläne von
Finanzminister Klingbeil sorgen für Streit. Gerade sprachen sich die Agrar-
und Verbraucherschutzminister der Union aus den Bundesländern in einem
Brief an Kanzler Friedrich Merz dagegen aus. So eine Steuer sei staatliche
Lenkung, belaste Landwirte und treibe Preise. Das Kanzleramt hatte die
Pläne Anfang des Monats vorerst gestoppt und Klingbeil vorgeworfen, damit
zu weit zu gehen. Noch ist unklar, ob es einen Kompromiss gibt. Auch bei
der Tabaksteuer, einer Plastiksteuer und der Besteuerung von
Kryptowährungen wie Bitcoin gibt es Differenzen.
Haushalt
Wenn die Einnahmen aus den geplanten Steuererhöhungen fehlen, steht es
schlecht um Klingbeils Haushalt. Nach dem Willen der Union sollen dazu auch
noch die Senkung der Stromsteuer für Privathaushalte, ein höheres
Elterngeld und der Ausgleich der inflationsbedingten kalten Progression
finanziert werden. Das dürfte Klingbeils Entwurf für den Bundeshaushalt
2027 völlig sprengen – selbst wenn die Steuerschätzung ihm noch etwas mehr
Spielraum gäbe.
Derzeit laufen die Beratungen im Haushaltsausschuss, Mitte November soll in
der sogenannten Bereinigungssitzung alles festgezurrt, Ende November im
Bundestag abgestimmt werden. Doch in der Koalition wird nicht
ausgeschlossen, dass der Termin verschoben und eventuell vor Jahresende gar
kein Haushalt mehr beschlossen wird.
Die Wahl des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt
Potenzial für eine ernste Regierungskrise in Berlin hat auch die im
Dezember anstehende Wahl des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt.
Bekommt der AfD-Politiker Ulrich Siegmund Stimmen aus der CDU? Der neue
AfD-Landtagspräsident Tobias Rausch war vergangene Woche mit vier Stimmen
mehr gewählt worden, als AfD und BSW zusammen haben. In der SPD glauben
viele, dass diese aus der CDU kamen. Die Empörung der Sozialdemokraten
gipfelte in einem Protestmarsch der Fraktion und einer Rede von
Verteidigungsminister Boris Pistorius, der von einem „einzigartigen
Tabubruch“ sprach.
Sollte bei der Wahl des Ministerpräsidenten ein ähnlicher Verdacht
entstehen, könnte das die Koalition in Berlin ins Wanken bringen. Die
CDU-Fraktion in Magdeburg will dem nun aus dem Weg gehen und womöglich vor
der Abstimmung geschlossen den Saal verlassen.
Die Regierungsbildung in Berlin
Zweites Bundesland mit Sprengpotenzial: In kaum eine andere
Regierungsbildung auf Landesebene haben sich Bundespolitiker aller Farben
je so prominent eingemischt. Bundeskanzler Merz hat SPD und Grüne
inzwischen offen aufgefordert, in Berlin keine Koalition mit der Linken
einzugehen. Die Gespräche müssten sofort beendet werden. Merz sprach von
einem weit verbreiteten Antisemitismus in der Linken.
Noch hat sich die SPD nicht entschieden, ob sie in konkrete
Koalitionsverhandlungen in Berlin eintritt. Doch Merz warnte bereits mit
Blick auf eine gemeinsame Regierung: „Wenn die SPD und die Grünen die Hand
dazu reichen, dann ist das ohne Zweifel auch eine Belastung der
Zusammenarbeit hier in Berlin.“
Die offenen Führungsfragen
Dass die SPD eine offene Führungsfrage hat, ist offensichtlich. Doch nicht
nur der Posten von Bärbel Bas in der Doppelspitze soll neu besetzt werden.
Klingbeil kündigte an, die gesamte Parteispitze solle neu gewählt werden.
Es gilt als wahrscheinlich, dass er selbst noch mal antritt – doch sicher
ist es nicht. Wer seinen Hut in den Ring wirft, dürfte auch das Klima in
der Koalition beeinflussen. Denn mit Manuela Schwesig, der
Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern, kann Kanzler Merz nicht gut
– sie gilt aber als die geeignetste Kandidatin.
In der CDU hat Merz weiter mit seinem Autoritätsverlust zu kämpfen, der mit
seiner verstolperten Personalrochade im Sommer begonnen und mit der
Niederlagenserie der CDU bei den Landtagswahlen an Fahrt aufgenommen hat.
Die Ministerpräsidenten und Landeschefs haben ihm nur halbherzig den Rücken
gestärkt. Merz steht weiter unter Beobachtung und muss jetzt liefern.
Sollte ihm das nicht gelingen, wird die Debatte um einen Kanzlerwechsel
zurückkehren.
13 Oct 2026
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