# taz.de -- Bärbel Bas wirft hin: Der Versuch eines sozialpolitischen Korrektivs
       
       > Bärbel Bas gibt als Arbeitsministerin und SPD-Chefin auf. Bis zuletzt hat
       > sie sich an der Rente abgekämpft. Der Regierung präsentiert sie eine
       > harte Rechnung.
       
 (IMG) Bild: Welches Erbe hinterlässt sie für die SPD? Bärbel Bas Ende September im Bundestag
       
       Kaum eine Szene beschreibt die Amtszeit von Bärbel Bas so wie der Moment,
       in dem es ihr die Sprache verschlägt. Im November 2025 spricht sie als
       Arbeitsministerin und SPD-Chefin beim Arbeitgebertag über niedrige Renten.
       „Wir finanzieren die Haltelinie aus Steuermitteln, sie belasten damit die
       Beitragszahler nicht“, sagt Bas, bevor ihre Worte im demonstrativen
       Gelächter aus den Reihen der Manager untergehen. „Das ist überhaupt nicht
       lustig“, sagt die Ministerin noch und stammelt eine Erklärung darüber
       zusammen, wie viele Menschen jahrelang in die gesetzliche
       Rentenversicherung einzahlen. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben das
       Recht, dass am Ende eine Rente dabei herauskommt, die zum Leben reicht.“
       
       Es war diese Gerechtigkeitsfrage bei der Rente, die Bas bis zu diesem Tag
       verfolgte – und bei der es die Ministerin letztendlich schaffte, neben den
       Arbeitgebern auch die Parteilinke gegen sich aufzubringen, als sie ein
       Kommissionsergebnis zur Rentenreform als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnete, um
       weitere Diskussionen zu unterbinden.
       
       Nun muss sich Bas’ Nachfolger mit den Fragen auseinandersetzen. Die
       58-jährige Politikerin aus Duisburg erklärte am Montag ihren Rücktritt als
       Arbeitsministerin und SPD-Co-Chefin wegen eines Trauerfalls in ihrer
       Familie. „Nach dem Tod meiner Stieftochter habe ich festgestellt, dass ich
       Zeit brauche, um die Trauer zu verarbeiten“, schrieb Bas in einer
       Mitteilung an die Partei.
       
       Dabei äußerte die Ministerin auch eine harte Kritik an der Arbeit in der
       Bundesregierung. „Ich muss feststellen, dass die öffentlichen Angriffe auf
       mich, leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners, in dieser für mich
       persönlich schwierigen Zeit weiter forciert wurden“, so Bas. Schon länger
       entstand das Bild einer Ministerin, die zwischen den Erwartungen der SPD
       und ihrer Rolle als Mitglied des unbeliebten Kabinetts von Friedrich Merz
       zerrieben wurde. Ihrer Rücktrittserklärung fügte sie damit auch eine
       persönliche Abrechnung hinzu.
       
       ## Kurzzeitig wird Bas zur linken Hoffnungsfigur
       
       Dabei werden es Bas’ Selbstansprüche gewesen sein, die ihr am Ende in
       dieser Regierung am meisten zu schaffen gemacht haben. Als
       Sozialpolitikerin mit Herz, definierte sie sich immer stärker über
       Fachthemen als über Flügelkämpfe. Stellenweise wirkte es so, als läge die
       gesamte Last des sozialpolitischen Korrektivs in der Regierung auf ihren
       Schultern. Dass sie als Frau dabei fast immer alleine dem Männer-Klüngel
       von Merz und seinen Konsorten samt SPD-Co-Chef Lars Klingbeil gegenüber
       saß, tat sein Übriges.
       
       Dabei gab sich Bas durchaus nicht zimperlich. [1][Als sie kurze Zeit nach
       dem Arbeitgebertag beim Juso-Bundeskongress] gegen „die Herren in ihren
       bequemen Sesseln“ und „im Maßanzug“ wetterte und die Lacher als ein
       politisches „Schlüsselerlebnis“ für sich bezeichnete, wurde deutlich, dass
       es ihr um mehr ging. Ihr sei klar geworden, gegen wen man „gemeinsam
       kämpfen“ müsse, rief die Ministerin den Jusos zu.
       
       Damit entpuppte sich die Ministerin tatsächlich zumindest kurzzeitig als
       die Hoffnungsfigur in der Bundesregierung, als die man sie in der
       SPD-Linken gesehen hatte. Nach Monaten der Dauerkrise mit Merz – seine
       „Stadtbild“-Debatte war gerade im vollen Gange – profilierte sich die
       SPD-Co-Chefin mit einer sozialen Agenda gegen die wirtschaftliche
       Ungleichheit im Land – und scheute auch nicht vor einer populistischen
       Rhetorik zurück.
       
       [2][Juso-Chef Philipp Türmer] freute sich über das neue Selbstbewusstsein
       der Parteichefin und setzte noch einen drauf: „Ich will, dass denen das
       Lachen im Hals stecken bleibt – und die wieder Angst vor uns haben.“
       Spätestens ab diesem Moment musste klar gewesen sein, dass die Rechnung für
       die Ministerin dick zurückkommen würde. Arbeitgeber empörten sich über die
       Klassenkampf-Impressionen aus der SPD, und auch aus den Landesverbänden
       wurde die Ministerin mit Verweis auf die Bedeutung der Sozialpartnerschaft
       in Deutschland zurückgepfiffen – schließlich standen Landtagswahlen an.
       Dazu passte, dass auch Klingbeil sich erst spät hinter seine angeschlagene
       Kollegin stellte.
       
       ## Merz sieht keine Mitverantwortung für Rücktritt
       
       „Bei der teilweise sehr massiven Kritik, die aufgekommen ist, hätte ich mir
       gewünscht, dass es einen stärkeren Rückhalt für sie gibt“, sagt
       [3][AWO-Chef Michael Groß] der taz. Groß saß selbst für die SPD lange im
       Bundestag, stammt wie Bas aus dem Ruhrgebiet. Bas habe stets für ihre Werte
       gekämpft – dafür sei ihr unterstellt worden, dass sie bei den geplanten
       Sozialreformen auf der Bremse stehe. Vor allem vonseiten der Arbeitgeber
       sei der Umgang mit ihr sehr schwierig gewesen, so Groß. „Sie hat sich dafür
       eingesetzt, dass die breiteren Schultern mehr Lasten tragen müssen.“
       
       Der Kanzler wies am Montag unterdessen den Vorwurf zurück, dass die Union
       mit ihren Angriffen auf Bas eine Mitverantwortung für ihren Rücktritt
       trage. Er habe zuletzt vor zwei, drei Wochen Kontakt zu ihr gehabt, sein
       Mitgefühl zum Ausdruck gebracht und sie ausdrücklich ermutigt, sich die
       Zeit zu nehmen, die sie brauche, sagte Merz. „Wir haben Differenzen in der
       Sache gehabt, aber ich kann für meine Person sagen, ich habe immer nur in
       Sachfragen mit ihr diskutiert und nie persönlich.“ Auch von der CDU habe er
       jede christliche Rücksichtnahme eingefordert. „Ich kann nicht feststellen,
       dass wir dagegen in irgendeiner Weise verstoßen haben.“
       
       Die Fragen um den persönlichen Umgang sind damit dennoch nicht aus der
       Welt. Und auch inhaltlich muss die SPD nun in die Vollen gehen. Parteichef
       Lars Klingbeil brachte kurz nachdem Bas ihren Rückzug öffentlich gemacht
       hatte, den ehemaligen Ministerpräsidenten aus Rheinland-Pfalz, Alexander
       Schweitzer, als Arbeitsminister in Stellung. Wie es an der SPD-Parteispitze
       weitergehen soll, ließ Klingbeil zunächst offen. Er kündigte einen
       Parteitag für Dezember an, bei dem der gesamte SPD-Vorstand neu gewählt
       werden soll.
       
       12 Oct 2026
       
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