# taz.de -- Aufregung um die Linkspartei: „Das ist erst der Anfang“
> Hinter der Angst vor Elif Eralp steht eine Tradition des Antikommunismus,
> sagt der Soziologe Anton Schmidt. Diese Panik komme auch ohne
> Kommunist:innen aus.
(IMG) Bild: Kampagne gegen Elif Eralp: Die Mittel der Linken gegen Wohnungsnot sollen in Vergessenheit geraten
taz: Herr Schmidt, der Medienaufreger des Tages ist die Mitgliedschaft der
Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp bei der Roten Hilfe. Warum
wird das gerade jetzt thematisiert?
Anton Schmidt: Seit den Wahlen in Berlin sehen wir [1][eine Kampagne, die
versucht, die Linke als extremistisch darzustellen]. Da war es nur eine
Frage der Zeit, bis so etwas ausgegraben wird. Ich sehe darin den Versuch,
die Linken mit dem Extremismusvorwurf in die Defensive zu bringen. Und das
gelingt auch. Seit der Wahl ist kaum noch die Rede davon, was Elif Eralp
als Regierende Bürgermeisterin umsetzen könnte. Es geht nur noch darum, wie
gefährlich, wie extremistisch diese Partei ist.
taz: Vor allem wird seit der Wahl viel über Antisemitismus in der Linken
debattiert. Ist es denn wirklich eine Kampagne, wenn über [2][die Sorgen
jüdischer Menschen vor einer Linken-Regierung] gesprochen wird?
Schmidt: Was wir aktuell sehen, ist eine starke Vermischung. Es gibt
berechtigte Kritik an Teilen der Partei, die tatsächlich ein Problem mit
Antisemitismus haben. Und gleichzeitig wird der Vorwurf instrumentalisiert,
um die Linken als per se antisemitisch darzustellen. Die CDU betreibt diese
Instrumentalisierung realer Antisemitismusprobleme schon länger, um etwa
eine restriktive Migrationspolitik durchzusetzen, Stichwort „importierter
Antisemitismus“. Jetzt wird dieser Vorwurf auch gegen die Linkspartei
gewandt und dazu auch noch diskursiv mit der Angst vor einer neuen DDR
verknüpft.
taz: Sie forschen zum Thema Antikommunismus. Hat Sie die Aufregung der
letzten Wochen überrascht?
Schmidt: Die Aufregung nicht, nein. Der Fokus auf das Thema Antisemitismus
ist aber insofern interessant, als es in antikommunistischen Narrativen
historisch eher umgedreht war: Da wurde die politische Linke in die Nähe
des Judentums gerückt – Stichwort „jüdisch-bolschewistische
Weltverschwörung“. Jetzt dreht sich das um. Ich hätte erwartet, dass es
einen stärkeren Fokus auf die Vergesellschaftungsfrage gibt. Aber
wahrscheinlich ist das Anliegen zumindest in Berlin zu populär, um damit
Stimmung zu machen.
taz: Sie glauben, hinter diesen Debatten steht die Angst vor der
Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne?
Schmidt: Zumindest weckt die Vergesellschaftungsfrage sehr viele
antikommunistische Reflexe. Nicht wenige haben Angst, dass das mit der
Vergesellschaftung tatsächlich funktionieren könnte. Oder auch darüber
hinaus, dass die Linke mit ihrer Politik auf der Stadtebene Erfolg hat. Man
schaut da auch nach New York zu Zohran Mamdani, dessen Beliebtheit auch
nach der Wahl immer weiter steigt. Der Kommunismusvorwurf ist da ein
Versuch, die Debatte zu beenden. Man sagt: Wir wissen doch, worauf das
alles hinausläuft: auf Stasi und Gulag.
taz: An welche Traditionen knüpft das an?
Schmidt: In Deutschland ging der jüngste antikommunistische Debattenzyklus
2019 los, [3][als Kevin Kühnert laut über die Vergesellschaftung von BMW
nachgedacht hat]. Seither wird in Zeitungen und Talkshows wiederholt, man
lande zwangsläufig bei DDR und Diktatur, wenn man mit so etwas auch nur
anfängt. Neu ist das nicht. Schon Konrad Adenauer hat im Zuge des
KPD-Verbots von einem drohenden „Dammbruch“ geredet. Das Argument war
damals wie heute: Man muss dem kommunistischen Druck widerstehen, man darf
nie nachlassen, sonst fällt quasi sofort das freie Europa.
taz: Zu Zeiten Adenauers war der Unterschied, dass DDR und Sowjetunion
damals reale Staaten waren. Heute sind kommunistische Gruppen allenfalls
noch eine Randerscheinung.
Schmidt: Eine zentrale Beobachtung meiner Forschung ist, dass es die
kommunistischen Akteure gar nicht braucht, um diese Bilder zu beschwören.
Im 19. Jahrhundert hat das die Sozialdemokratie getroffen, in den 1960er
Jahren mitunter die Kriegsdienstverweigerer und Pazifist:innen. In jüngerer
Zeit schwappt aus den USA die rechtsradikale Erzählung des Kulturmarxismus
über, laut der die Kommunist:innen seit Mitte des 20. Jahrhunderts
versuchen würden, den Westen kulturell zu unterlaufen: Feminismus,
Migration – all das gilt dann plötzlich als Resultat einer irgendwie
kommunistischen Verschwörung.
taz: Beim Volksentscheid Deutsche Wohnen enteignen geht es allerdings
tatsächlich um die Eigentumsfrage.
Schmidt: Genau. Doch die Abwehrreflexe darauf sind auch kultureller Form.
Die Idee der Vergesellschaftung bedroht ja auch das Selbstbild einer
Gesellschaft, die sich unter anderem über Leistungsprinzip und
Marktförmigkeit legitimiert. Die radikale Rechte sieht dies als Teil eines
allgemeinen Verfalls hin im Sinne einer links-grün-sozialistischen
Ideologie.
taz: Auf der anderen Seite schmücken sich auch Teile der radikalen Linken
immer wieder mit sowjetischer Symbolik, auch die Linksjugend. Was bringt
junge Linke dazu, sich mit einem politischen Erbe zu identifizieren, das
für autoritäre Herrschaft steht?
Schmidt: Ich kann das nur als Symptom der Schwäche deuten: Jenseits von
Berlin steht die politische Linke gesellschaftlich mit dem Rücken zur Wand.
Also simuliert man Organisiertheit und Militanz, man schmückt sich mit den
historischen Figuren der kommunistischen Geschichte. Das hat auch etwas
damit zu tun, das Schreckgespenst für die Bürgerlichen spielen zu wollen,
also die antikommunistischen Ängste bewusst zu wecken. Gleichzeitig geht
der Rechtsruck auch an der politischen Linken nicht spurlos vorbei.
Zuweilen führt das auch hier zu einer autoritären Sehnsucht.
taz: Erlebt der Antikommunismus gerade ein Comeback?
Schmidt: In den USA ist das schon sehr deutlich. Da ging die neue Angst vor
dem Kommunismus schon mit Bernie Sanders los, selbst Kamala Harris und Joe
Biden wurden als kommunistisch attackiert. Inzwischen ist eine angebliche
kommunistische Verschwörung gegen die USA ein zentrales Narrativ der
Trump-Regierung. Bisher greift in Deutschland vor allem die AfD diese
Ideologie auf, während die Konservativen sie eher pragmatisch für ihre
Zwecke nutzen. Ob sich das ändert, ist noch offen.
taz: Kann die Angst vor dem Kommunismus eine rot-grün-rote Regierung in
Berlin verhindern?
Schmidt: Das Potenzial ist auf jeden Fall da. Auch weil Berlin so eine
symbolträchtige Stadt ist, weshalb sich gerade hier die Diskurse aus dem
Kalten Krieg so gut verfangen. Bei den Sondierungen reden die Grünen jedoch
bisher vor allem über Antisemitismus, ebenso wie die SPD, die eigentlich
noch mehr Angst vor der Vergesellschaftung hat. Es wird davon abhängen, wie
diese Parteien den Schmutzkampagnen widerstehen, die Springer und Co
ausspannen werden. Ich bin mir sicher: Elif Eralps Mitgliedschaft in der
Roten Hilfe ist da erst der Anfang.
30 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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