# taz.de -- Medienberichte über die Linkspartei: Tagesspiegel scheitert an Selbstreflexion
       
       > Leitende Redakteure des „Tagesspiegels“ wollen in einem Podcast ihre
       > Linkspartei-Berichterstattung überdenken. Ist die zu hart oder faktisch
       > falsch?
       
 (IMG) Bild: Beteiligt sich ganz sicher nie an Kampagnen: Der „Tagesspiegel“
       
       Es war schon eine bemerkenswerte Ausgabe des „High Noon“-Talks des
       Tagesspiegels, einem Live-Podcast der Zeitung, der am Donnerstag stattfand.
       Angekündigt war eine Selbstreflexion über [1][die Berichterstattung zum
       Wahlsieg der Linken in Berlin]. Man habe dazu „sehr viele Zuschriften und
       Leserkommentare“ erhalten, hieß es in einer Einladung, auch
       redaktionsintern werde „fast täglich“ diskutiert, ob man mit der Linken zu
       hart ins Gericht gehe. Das ließ aufhorchen: Eine Zeitung, die ihre eigene
       Praxis öffentlich reflektiert – das gibt es nicht häufig.
       
       Was dann aber der Chefredakteur Christian Tretbar, die stellvertretende
       Chefredakteurin Anke Myrrhe und der Leiter des landespolitischen Büros,
       Christian Latz, ablieferten, hatte wenig mit einer selbstkritischen,
       kontroversen Diskussion zu tun: Eine Stunde rissen sie Kritikpunkte an, um
       sich dann gegenseitig darin zu bestärken, dass an diesen nichts, aber auch
       gar nichts dran sei. Abwechselnd gab man sich das Wort unter dem Hinweis,
       dass man dieses „absolut teile“ und bei jenem „vollständig zustimme“ – das
       wurde schnell langweilig.
       
       Dabei gäbe es viel zu reflektieren. In den vergangenen Tagen haben sich,
       [2][auch im Tagesspiegel], die Wortmeldungen [3][längst nicht nur links
       eingestellter Jüd:innen] gehäuft, die sich von der Debatte über
       Antisemitismus in der Linken instrumentalisiert fühlen. Und zwar oft nicht,
       weil sie keine Probleme bei der Linken sehen. Sondern unter anderem wegen
       der Befürchtung, dass die Mehrheitsgesellschaft den Antisemitismus als
       ausschließlich linkes Problem behandelt, statt auch auf sich selbst zu
       schauen. Oder, dass mit Verweis auf den Antisemitismus ein politisches
       Projekt verhindert werden soll, das die Vergesellschaftung von
       Immobilienkonzernen anstrebt.
       
       Und doch wollte niemand in der Runde etwas Problematisches zum Beispiel an
       dem Satz der stellvertretenden Chefredakteurin Myrrhe sehen,
       Linken-Wähler:innen hätten sich offenbar gedacht: „Was kümmert uns der
       Judenhass? Wir suchen schließlich eine Wohnung.“ Das sei vielleicht „sehr
       zugespitzt und hart“ gewesen, gab Myrrhe zu – aber nur, um von Tretbar
       unterbrochen zu werden, der sagte, es sei doch „faktisch nicht falsch“
       gewesen. In der Folge stellte Myrrhe den Vorwurf der Aufbauschung in eine
       Reihe mit dem Gerede von der „Lügenpresse“.
       
       ## Mutmaßungen statt Fakten
       
       Von Zurückrudern also keine Spur – im Gegenteil. Die Linke habe den
       Antisemitismus „strategisch laufen lassen, um den Stimmanteil zu erhöhen“,
       mutmaßte Tretbar. Mit Blick auf die Chats des Bundestagsabgeordneten Ferat
       Koçak zu Figuren der organisierten Kriminalität sagte Latz, man habe sich
       „verkauft an diese Leute“. Ohne Faktenbasis mutmaßte Myrrhe, ob Koçak
       Informationen aus dem Innenausschuss des Bundestags an Clans weitergegeben
       haben könnte. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass „aus Berlin der
       Holocaust geplant und organisiert wurde“, was mit einer besonderen
       Verantwortung einherginge – womit insinuiert wurde, dass die Linkspartei
       diese Lehren infrage stellt.
       
       Von einer Kampagne, da waren sich alle einig, könne aber keine Rede sein.
       Eine solche sei schließlich „eine gesteuerte Aktion mit Ziel“. Politische
       Ziele verfolge der Tagesspiegel aber nicht. Denn es gehe nur darum, so
       Myrrhe, „ein transparentes Bild“ zu schaffen. Man sei „weder dazu da,
       Politiker zu stürzen noch zu stützen“, sagte sie – und formulierte damit
       mustergültig das journalistische Idealbild einer unideologischen
       Arbeitsweise.
       
       Ein Schlussteil des Gesprächs über die Wirtschaftsfeindlichkeit der Linken
       ließ dann aber doch noch die ein oder andere Meinung durchblicken. „Berlin
       lebt von internationalen Investoren“, sagte da Tretbar, doch die Linke
       wolle nur „enteignen“ und bremse „überall dort, wo wirtschaftliches
       Wachstum entsteht“.
       
       Als Beispiel nannte er unter anderem die geplante Luxusvillensteuer „für
       alle, die vielleicht ein größeres Haus im Grunewald haben“. Es sei ja auch
       eine „gewisse Einschränkung von Vielfalt“, dass es den Linken beim
       Wohnungsbau vor allem um bezahlbare Wohnungen, bereitgestellt von den
       Landeseigenen, ginge. „Es gibt Leute, die wollen sich was anderes leisten
       und können das auch“, beschwerte er sich.
       
       Vielleicht ist das Problem mit politischen Meinungen im Journalismus ja
       dieses: Nur wenn man weiß, dass man sie hat, kann man vernünftig
       reflektieren, ob die eigene Berichterstattung noch den Fakten entspricht.
       Der Tagesspiegel hat diese Chance verpasst. Schade.
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kampagne-nach-der-Berlin-Wahl/!6215733
 (DIR) [2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/das-antisemitismus-thema-hatte-mich-abgehalten--bisher-judische-berliner-erzahlen-warum-sie-die-linke-gewahlt-haben-16091625.html
 (DIR) [3] /Wie-Berliner-Juden-und-Juedinnen-auf-die-Linke-schauen/!6216148
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Tagesspiegel
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Konsequenzen für Koçak: Noch kein Schlussstrich
       
       Ferat Koçak räumt Fehler im Umgang mit den Remmos ein. Nicht alle sind
       glücklich darüber, dass die Parteiführung über seinen Fall schweigt.
       
 (DIR) Aufregung um die Linkspartei: „Das ist erst der Anfang“
       
       Hinter der Angst vor Elif Eralp steht eine Tradition des Antikommunismus,
       sagt der Soziologe Anton Schmidt. Diese Panik komme auch ohne
       Kommunist:innen aus.
       
 (DIR) Kampagne nach der Berlin-Wahl: Linkenhass und Holocaustrelativierung
       
       Ein Journalist bringt die Linkspartei im ÖRR mit Auschwitz in Verbindung.
       Wer so spricht, macht Kampagne – und entleert den Antisemitismusbegriff.
       
 (DIR) Panik vor der Linkspartei: Drei Jahrzehnte roter Schrecken
       
       Nach der Wahl in Berlin üben Konservative Druck auf Grüne und SPD aus,
       keine Koalition mit der Linken einzugehen. Die Angst vor einer
       Linksregierung ist nicht neu.