# taz.de -- Gruppenschau Malerei in Berlin: Die entweltlichte Welt wieder verweltlichen
       
       > In einer schmalen Gruppenausstellung zeigt die Neuköllner Weserhalle ein
       > kleines Konvolut malerischer Weltauseinandersetzungen.
       
 (IMG) Bild: V.l.n.r.: Martyn Cross, Lucas Kaiser, Joseph Dilnot
       
       Drückt man sich im schummrigen Herbstdunkel die Nase an der Fensterscheibe
       der erleuchteten Berliner Galerie Weserhalle platt, ist es gleich das Bild
       links an der Wand, das im Gedächtnis kleben bleibt. Der britische Maler
       Martyn Cross hat darauf eine Landschaft gepinselt, in Buttergelb und
       Taubenblau leuchten verschwommene Formen, die das Gehirn sofort in einen
       knorrigen Baum übersetzt, ein loderndes Feuer mit rauchigen Wolken und den
       Eingang einer Höhle. Oder sind die gebogenen Flecken doch nur die Initialen
       seines Namens, MAC? Dann ginge der Rest in Flammen auf.
       
       Kehrt man am nächsten Tag zur Öffnungszeit zurück, fällt aus der Nähe der
       Sand ins Auge, den Cross in die Grundierung der Leinwand reibt und so die
       Farben ineinanderlaufen lässt. Und auch die wie handgeschmiedet anmutenden
       Nägel, mit denen er die umgeschlagene Leinwand in den Rahmen gehauen hat.
       Überhaupt fallen einem die Kanten der ausgestellten Werke ins Auge.
       Beispielsweise die der zierlichen Formate Lisa Ivorys, die in Farben und
       Bildwelten zwar die Melancholie der Romantik aufrufen, deren titanweiß und
       sauber abgepinselte Seitenränder einen jedoch schlagartig artifiziell in
       die Gegenwart reißen und so die Bruchstellen zwischen Objekt und Bildwelt
       betonen.
       
       „The Unworlding“ – [1][Die Entweltlichung], so heißt entsprechend die
       Gruppenschau, eine Kollaboration der Weserhalle mit mepaintsme, einer
       US-amerikanischen virtuellen Plattform für zeitgenössische Kunst.
       Ironischerweise materialisiert sich das Thema hier: Die sonst digital
       präsentierten Werke erhalten ihre überaus physische Präsenz zurück. Trotz
       luftiger Hängung finden dank kleiner Formate erstaunlich viele Arbeiten im
       schmalen Raum Platz und entfalten ein ganzes Bouquet titelgebender
       Interpretationsweisen.
       
       Da weckt Joseba Eskubi herzerdrückende Assoziationen an Klimawandel und
       (Um)Weltzerstörung, wenn seinem öligen Eisbären auf dystopischen Felsen der
       Geist aus den Pfoten zu gleiten scheint, während Joseph Dilnot
       vermoost-ausgestorbene Landschaften giftig pulsierend ins Bild schmiert
       oder Gosia Machon ihre aus Tinte erschaffenen menschlichen Kreaturen über
       und unter unklaren Dingen trauern, grübeln und staunen lässt.
       
       Doch nicht alles Menschliche bleibt unscharf abgetönt. Lucas Kaisers
       illustrativ-artifizielle Protagonisten stemmen sich in ultraviolettem
       Kontrast Vergeistigung, Funktionsverlust und Untergang mit optimistischem
       Lächeln und ernster Anstrengung entgegen. Die gar nicht mal so kleinen
       Arbeiten könnten als letzter spaßig-produktiver Versuch gelten, die Welt
       hier wieder zu verweltlichen. Eigentlich ein bisschen so wie die ganze
       Ausstellung.
       
       30 Sep 2026
       
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