# taz.de -- Künstliche Intelligenz und Naturbilder: Irgendwas stimmt mit diesen Tälern nicht
       
       > Das Berliner Haus am Lützowplatz zeigt die Ausstellung „On Landscape“.
       > Sie untersucht Naturbilder zwischen Romantik, Anthropozän und Künstlicher
       > Intelligenz.
       
 (IMG) Bild: Hiroyuki Masuyama, After C.D.Friedrich, Hochgebirge, 1824, No.2 / 2024, LED Lightbox, 132 x 167 x 4 cm
       
       Eine Maschine beschreibt Bilder von Natur und Familien. Die andere
       gestaltet nach dieser Beschreibung [1][neue Bilder]. Das Resultat: meist
       vage vertraut. Oft austauschbar und formelhaft. Und manchmal richtig
       gruselig.
       
       Die Künstlerin Ornella Fieres hat für ihr [2][Video „It seems to capture
       the beauty and majesty of nature“] (2023) Fotos aus einem Familienalbum aus
       dem 19. Jahrhundert von einer Künstlichen Intelligenz beschreiben lassen.
       Und diese Beschreibungen dann als Prompts für neue Bildkompositionen von
       einer anderen Künstlichen Intelligenz genutzt.
       
       Und weil die Künstliche Intelligenz eben doch nicht so intelligent ist,
       steht da plötzlich eine Familie in den Ästen eines Baums. Und die Wolken
       über den Bergen sehen aus wie die Berge unter ihnen. Und weil die KI vor
       drei Jahren, als die Arbeit entstand, noch keine so perfekten,
       fotorealistischen Videos generieren konnte wie heute, haben die Figuren
       keine Gesichter. Ihre Hüte schmelzen in ihre Schädel. Und die Landschaft um
       sie herum ist ein Uncanny Valley.
       
       Mit dem Begriff [3][„Uncanny Valley“] hat der Robotiker Masahiro Mori
       ursprünglich den Effekt beschrieben, der eintritt, wenn eine künstliche
       Figur einem Menschen sehr ähnlich sieht, aber eben nicht ähnlich genug, um
       vollkommen überzeugend zu wirken. In der Ausstellung „On Landscape“ sind es
       die Täler, Berge, Wiesen und Wälder, die bei genauerer Betrachtung nicht
       überzeugen. Gerade aus der Verschiebung zwischen Wiedererkennbarkeit und
       Fremdheit beziehen viele der Arbeiten ihre Wirkung.
       
       ## Brennende Eisberge
       
       Denn die Natur ist hier nicht schlichtes Abbild einer vorhandenen
       Wirklichkeit, sondern oft das statistisch erzeugte Destillat unzähliger
       Landschaftsbilder. In „Drill Baby Drill“, einem Video des Londoner
       Kollektivs Troika, dessen Bilder komplett von KI-Generatoren erzeugt
       wurden, sieht das am Anfang wenigstens noch aus wie ein Desktop-Hintergrund
       von Windows XP. Aber dann ist da eine Wüstendüne, die sich aus einem
       vereisten See erhebt. Und irgendwann brennen Eisberge.
       
       Hiroyuki Masuyama hat das Gemälde „Hochgebirge“ von Caspar David Friedrich,
       das einst zur Sammlung der Berliner Nationalgalerie gehörte, aber 1945 bei
       einem Fliegerangriff verbrannte, aus Archivaufnahmen des verlorenen Bildes
       und eigenen Fotos digital rekonstruiert. Und Sven Drühl hat aus Geodaten
       der Zugspitze und anderer Alpengipfel mit dem 3D-Drucker klobige
       dreidimensionale Stelen geschaffen.
       
       Die Ausstellung versammelt vierzehn Positionen, die das Genre der
       Landschaftsmalerei im Spannungsfeld zwischen der gnadenlosen Überformung
       des Planeten im Anthropozän und der wachsenden Macht des Digitalen, die mit
       der KI auch die Bildproduktion neu ordnet, wieder aufnehmen. Und das
       zunächst einmal ohne Kulturpessimismus. [4][Denn die Landschaft war in der
       Kunst nie neutrales Abbild], sondern stets Konstrukt und Projektionsfläche,
       Ausdruck von inneren Stimmungen und menschlichen Interventionen.
       
       Was für „Landschaften“ entstehen, wenn dem Hunger nach Energie und
       Rechenpower freier Lauf gelassen wird, zeigt die Ausstellung allerdings nur
       in Andeutungen. Zwar ist mit „Resistance, Flood, Fire, Resistance“
       (2022/2026) von [5][Beate Gütschow] ein Werk vertreten, das die Folgen des
       Klimawandels und von Waldbränden für eine Landschaft bei Treuenbrietzen in
       Brandenburg dokumentiert. Zu den Faktoren, die solche Katastrophen
       begünstigen, mögen auch jene GPU-Cluster gehören, mit deren Hilfe viele
       Bilder in der Ausstellung entstanden sind.
       
       Allerdings haben Künstler wie [6][Ivar Veermäe] einschlägige künstlerische
       Dokumentationen dieser Form postindustrieller Landschaftsvernichtung
       geschaffen, die ein Gegengewicht zu den ansehnlichen, großformatigen Werken
       in der Ausstellung hätten bilden können.
       
       Verblüffenderweise gelingt diesen Bauten – und der Landschaftszerstörung,
       die mit ihnen einhergeht – in den USA derzeit etwas, was viele andere
       Zumutungen der zweiten Trump-Administration nicht vermocht haben: Teile der
       Bevölkerung zu politischem Aktivismus zu bewegen. Gegen den Bau immer neuer
       Datenzentren, welche die materielle Voraussetzung für digitale Bilder vom
       Landschaftsgemälde bis zum AI Slop sind, formiert sich Widerstand; in
       einigen Bundesstaaten wurden Neubauten bereits gesetzlich untersagt.
       
       Um zu sehen, welche Landschaften die KI im physischen Raum hervorbringt,
       muss man aber gar nicht in die USA fahren: Ein Abstecher zum [7][Vantage
       Data Center in Ludwigsfelde] genügt, um zu sehen, welche materiellen
       Verheerungen die vermeintlich immaterielle Datenverarbeitung anrichten
       kann. Ob man reale Landschaften opfern möchte, um künstliche zu erzeugen –
       darüber kann man sich nach dem Besuch dieser anregenden Ausstellung ja noch
       einmal Gedanken machen.
       
       6 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /KI-remythologisiert-Geschichte/!6185884
 (DIR) [2] https://vimeo.com/893261620?fl=pl&fe=vl
 (DIR) [3] /Festival-fuer-Maschinenmusik-in-Berlin/!5340636
 (DIR) [4] /Ausstellung-von-Ull-Hohn/!6076375
 (DIR) [5] /Ich-baue-neue-Szenarien/!356551/
 (DIR) [6] /Gateways--Ausstellung-in-Tallinn/!5118092
 (DIR) [7] /Versteckte-Knotenpunkte-des-Internets/!5844991
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tilman Baumgärtel
       
       ## TAGS
       
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 (DIR) Landschaft
       
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