# taz.de -- Malerei und Poesie: Treibholz allerlei
       
       > Im Kreuzberger Ausstellungsraum Klek sammelt Sebastian Lettner Fragmente
       > des Daseins. Gefundenes Material bekommt einen neuen Anstrich.
       
 (IMG) Bild: In Sebastian Lettners Ausstellung „no more home“ werden alltägliche Materialien aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst
       
       Wer das Meer sucht, wird es in Kreuzberg finden. In einem kleinen,
       rechteckigen Kellerraum eines Berliner Altbauhauses, das Klek, riecht es
       nach nasser Farbe, es wird leiser Jazz abgespielt. Hier findet Malerei
       nicht auf großen Leinwänden statt, sondern auf einem Stück gefundenen Holz,
       auf Karton oder auf Stoff: Auf drei grellen, weißen Wänden hat Sebastian
       Lettners Ausstellung „no more home“ Platz.
       
       Kleine, eckige, runde, lange, wellige, bunte, hölzerne Objekte sind fein
       säuberlich nebeneinander angeordnet. Ein Fokus liegt auf der Natur, die
       sich bei Lettner nicht in Landschaftsmotiven, sondern in satten Farben und
       in der Materialität zeigt. Ein handflächengroßes, fünfeckiges Holzstück ist
       mit leuchtender, orangefarbener Ölfarbe bemalt, durchzogen von Türkis Blau.
       Das helle Holz ist an den Seiten des Objekts noch erkennbar. „small
       sunrise“ hat Lettner dieses Stück genannt.
       
       Hier blitzt intensives, tiefes Blau auf einer runden Holzscheibe auf, die
       an einen stürmischen Wellengang erinnert. Gegenüber eine zweite, ihr
       graublauer Anstrich spiegelt das Meer nach dem Sturm. Auf einem der vielen
       Treibholzobjekten hat Lettner mit weißer Wandfarbe einen breiten
       Pinselstrich gezogen. Auf dem übrigen nackten Holz steht mit blauem Stift
       gekritzelt „Lily“. Lily gab es vermutlich bereits, als Lettner das Holz
       gefunden hat. Mit der weißen Wandfarbe hat das Holz nun den Besitzer
       gewechselt; der Anstrich vermittelt die Suche nach einem zu Hause.
       
       Überhaupt arbeitet Lettner hier fast ausschließlich [1][mit Found Objects],
       sammelt sie, eignet sie sich an, richtet sie ein. Gefundene Objekte und
       alltägliche Materialien werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst
       und in neue Beziehungen gesetzt. Die Objekte tragen Spuren von Gebrauch und
       Erinnerung in sich, erscheinen wie Fragmente einer unbekannten Ordnung;
       sind vertraut und zugleich rätselhaft, ohne etwas zu wollen. In ihrer
       Existenz vermitteln sie ausschließlich ihr Dasein, drängen zu keiner
       Handlung.
       
       Lettner reist gern, ist viel unterwegs; die Ziellosigkeit seiner Reisen
       produziert die Ansammlung von Eindrücken und materiellen Spuren. Geprägt
       ist Lettners künstlerischer Werdegang auch durch [2][Sean Scully], bei dem
       er studierte. Scullys geometrische Ordnung wird bei Lettner durch
       Fundstücke und Spuren der Wirklichkeit erweitert. Bei Malerei endet
       Lettners künstlerischer Ausdruck nicht; seine Bildsprache findet sich in
       Fotografie und Poesie wieder; das Heft „Seenotizen“, herausgegeben von
       [3][Cyrill Lachauer], stellt er am 4.Oktober im [4][Projektraum KSTN] in
       der Kreuzberger Schönleinstraße 10 von 14 bis 22 Uhr vor.
       
       27 Sep 2026
       
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