# taz.de -- Offene Ateliers im Wedding: Vom Äther-Keller zum Kunstquartier
       
       > Seit den 80ern entsteht in den historischen Gerichtshöfen im Wedding
       > Kunst. Im Herbst laden die Künstler in ihre Ateliers. Nur einige Türen
       > bleiben zu.
       
 (IMG) Bild: Witold Riedel und Richard Kellett im Atelier in den Gerichtshöfen
       
       Die [1][Gerichtshöfe im Berliner Wedding] sind eines der ältesten und
       größten Kunstquartiere Deutschlands. Zwischen Gericht- und Wiesenstraße
       erstreckt sich die 1912 erbaute „Industriestätte Nord“, ein typischer
       Fabrikkomplex. Seine Vergangenheit prägen ein Äther-Keller, ein
       überforderter Hitlerjunge, der einen Teil des Hauptgebäudes zum Einsturz
       brachte, eine überbordende Berliner Industrievergangenheit – und Künstler.
       
       1983 mieteten sich die ersten günstig ein. Mehr als 70 arbeiten hier heute.
       Seit über 20 Jahren öffnen sie meist im Herbst ihre [2][Ateliers für die
       Öffentlichkeit].
       
       Spaziert man am Sonntag zwischen den Backsteinmauern die sechs Höfe
       entlang, herrscht reges Treiben. Menschen drängen sich ums schmale
       Essensangebot, beraten neuste Entdeckungen und schnaufen Treppen rauf und
       runter. Fast überall gibt es Kunst zu entdecken – meist auch, wie sie
       produziert wird. Da stehen Töpfe mit geschmolzenem eingefärbtem Bienenwachs
       und akkurat aufgereihte Belichtungsapparate ohne ein Staubkorn oder wuchern
       Zimmerpflanzen über Retro-Couches und Bücherstapel so wild, dass man nicht
       recht weiß, wo die aufwendigen 90er-Jahre-Papierschöpfarbeiten an der Wand
       hergestellt wurden.
       
       ## Uralte Spuren auf verwitterten Steinen
       
       Entdecken kann man Kitsch und aus der Zeit Gefallenes, unheimliche
       Skulpturen und ehrgeizigen Airbrush. An einigen Namensschildern bleibt man
       traurig hängen. Leda Bourgogne steht darauf oder Thomas Kratz. Gern hätte
       man auch einen Blick auf deren Werke geworfen, aber die Türen bleiben zu.
       Dafür entdeckt man das Lebenswerk des 87-jährigen Wolfgang Rohloff.
       Beginnend mit 60er-Jahre-Pop über Abstraktion bis Decollage staunt man über
       ein intaktes und schlüssiges Œuvre und kommt mit dem Maler ins Gespräch –
       wenn er in Laune ist.
       
       Einen Aufgang weiter hat der halb so alte Brite [3][Richard Kellett] sein
       Atelier komplett entleert. Sonnenstrahlen fallen durch die Fabrikfenster
       auf hellgraue Wände. An denen hängen nur wenige, sorgfältig kuratierte
       Werke. Blinzelt man, meint man abstrakte Landschaften zu erkennen, dabei
       hat Kellett hier Farbe und Gestus selbst abgebildet. In der Nähe des
       Hadrianswalls aufgewachsen, hätten ihn als Kind die uralten Spuren, die
       Menschen auf den verwitterten Steinen hinterlassen haben, und die Farbtöne
       der Natur fasziniert.
       
       Diese spiegeln sich auch in den Keramiken [4][Witold Riedels], den Kellett
       für den Tag eingeladen hat. Riedel schneidet seine Schalen regelrecht aus
       dem Block. Mit Lasuren und Flugasche versehen erhalten sie eine
       unberechenbare Patina und passen hervorragend zu den sinnlichen Studien
       Kelletts. Dass man Werke von beiden und den meisten Künstlern an diesem Tag
       vor Ort erwerben kann, ist ein schöner Nebeneffekt der offenen Türen.
       
       7 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Gentrifizierung-in-Berlin/!6185782
 (DIR) [3] https://www.richardkellett.com/
 (DIR) [4] https://www.witoldriedel.com/
       
       ## AUTOREN
       
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