# taz.de -- Punker-Kunst im Auktionshaus Grisebach: Abhängen mit amüsierten, unproduktiven Parasiten
> Wenige Professoren lösten das Versprechen der Kunsthochschule so sehr ein
> wie Thomas Zipp. Nun widmen ihm Studierende und Alumni eine
> Tribut-Ausstellung.
(IMG) Bild: Ausstellungsansicht von „Ich bin in der Rückkopplung“ mit Arbeiten von Thomas Zipp, Iza Regel, Ferdinand Dölberg (v.r.n.l.)
Wenn man beginnt an einer Kunsthochschule zu studieren, gehen Vorstellung
und Realität häufig stark auseinander. Alles ist bürokratischer, die
Kommilitonen dann doch meist braver und ehrgeiziger, die Deadlines ernst
gemeinter, als man dachte. Studierte man 2017 an der Berliner UdK, gab es
jedoch eine Klasse, die all das erfüllte, wie man sich Kunstuni so
vorgestellt hatte.
Eigentlich immer, wenn etwas provokant, interessant oder zumindest
saukomisch war und man fragte, wo es denn herkomme, lautete die Antwort:
Klasse Zipp. Das Punkkonzert? Klasse Zipp. Die sogenannten Popkornbrüder
mit ihren Autos, Filmen und Aktionen? Klasse Zipp. Irgendwas mit Polizei?
Klasse Zipp. Gerade noch hatten er und seine Studenten in Militärzelten im
Innenhof der Fakultät Bildende Kunst gecampt.
Als sie abgebaut wurden, zogen sie in den Ausstellungsraum des
[1][Auktionshaus Grisebach], inkarniertes Symbol eines Milieus der Berliner
Kunstszene, das mit dünnen Baumwollschals, Siegelringen, weißen BHs unter
weißen Blusen, Perlenohrringen und Aktiendepots nicht weiter entfernt sein
dürfte von den Punks und Underdogs, den von Lohnarbeit kaputtgearbeiteten,
selbsttättowierten, kahlgeschorenen und bunt-blondierten
Überzeugungskünstler:innen der Klasse Zipp.
War es der ultimative Coup? Aber für wen? Die Klasse oder den Kunsthandel?
Am Ende war das auch egal. Irgendwann zogen sie wieder aus und verfolgten
ihre Zippigkeiten in der Uni, und das Auktionshaus begann, regelmäßig
andere Kunsthochschulklassen zu zeigen.
## Die Vielfalt der Arbeiten und Namen ist erstaunlich
Als [2][Thomas Zipp, nicht nur engagierter Professor,] sondern
selbstverständlich auch erfolgreicher Künstler, in diesem Frühjahr
unvermittelt und viel zu jung verstarb, war der Schmerz also auch bei
Studierenden und Alumnis groß. Seine Künstlerische Mitarbeiterin Tania
Elstermeyer war es, die an das Auktionshaus herantrat. Heraus kam eine
Schau als Tribut an den Mentor. „Ich bin in der Rückkopplung – Die Klasse
Thomas Zipp“ heißt die Gruppenausstellung, die diesmal allerdings im
Untergeschoss der Villa Grisebach an der Charlottenburger Fasanenstraße zu
betrachten ist.
Gleich im Foyer grüßt ein Werk des Professors selbst: „Big Mouse“ von 2025.
Die bojenartige Wackelskulptur mit Mickey-Mouse-Kopf und schlackernden
Armen lacht den Besuchenden von oben herab ins Gesicht, darüber räkelt sich
ein kopfloser Krake – [3][„Créature Tentaculaire“ von Nolundi Tschudi] – an
der Balustrade. Am Treppengeländer hängen schlaffe rötliche Gliedmaßen
unmotiviert ab: Für „Hide“ steckte Iza Regel Styropor in rote Strumpfhosen.
Schon beim Eintreten in die Ausstellung ist also klar: Die amüsierten,
unproduktiven Parasiten sind (wieder) da. Und wie.
Vor dem Kamin kauert sich ein alien-shrimp-gleiches Wesen in seiner nackten
Kreatürlichkeit, Mary-Audrey Ramirez hat es dahin gelegt, mit seiner
glänzenden Vinylhaut erregt „Jen (wingless)“ Mitleid und Abgestoßenheit
gleichermaßen. Daneben ein Kruzifix: Kurt von Bley formte es aus Krücken
und Prothesen, behängt mit allerlei medizinischem Gerät. „Pars pro toto“,
so der Titel, sieht aus, als hätte man seine Einzelteile benutzt, um dem
zusammengekrümmten Tier seine Flügel zu amputieren. Allerdings ohne
Anästhesie.
Mehr als 70 Arbeiten sind hier versammelt, tolle Malereien sind dabei, wie
der höchst amüsante „Zirkus Habitus“ Maja Herniks, bei dem ein menschlicher
Pudel durch den Reifen eines traurigen Clowns in Adidashosen hüpfen muss.
Oder [4][die um der Arbeit willen arbeitenden Arbeiter Ferdinand
Döllbergs], dessen Einzelausstellungen in seiner Galerie Anton Janizewski
stets ausverkauft sind. Doch auch Videokunst (Shiri Faingold), Keramik
(Sophia Lietsche), Zeichnung (Andi Fischer) und Fotografie (Greta Wildhage)
sind vertreten.
Diese mediale Vielfalt ist vielleicht das, was hier am meisten erstaunt.
Die und die Liste der teils mittlerweile recht bekannten Namen, die aus
Zipps Klasse also hervorgingen. Offensichtlich war der Künstler als
Professor stets bemüht, den Stil der Studierenden zu fördern und nicht
seinen eigenen aufzustempeln. Und trotzdem gibt es da Vereinendes. Die Lust
an der Provokation, der Genuss des Schmutzes und das Selbstbewusstsein fürs
eigene Ding. Und das wohnt halt „in der Rückkopplung“.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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