# taz.de -- Ausstellung Annemirl Bauer: Mit Biss und Herzlichkeit
> In ihren Bildern überflog sie Landschaften, in ihrem Leben fühlte sie
> sich in der DDR eingesperrt. Ausstellungen in Potsdam und Berlin erinnern
> an die Malerin Annemirl Bauer.
(IMG) Bild: Annemirl Bauer (1939-1989) mit ihrer Tochter Amrei, 2vl, und anderen Kindern auf einem Hinterhof in Berlin-Prenzlauer Berg, ca 1975
Hoch sind die Beine des Pferdes, damit dazwischen noch viel Landschaft zu
sehen ist, gewellte grüne Hügelkuppen und ein tiefblauer See. Klein ist das
Kind auf dem Rücken des Pferdes, wie Spielzeug wirken die Häuser,
hingewürfelt am anderen Seeufer. „Elli auf dem Pferd“ von 1981 ist nicht
nur eines von vielen schönen Kinderbildern von Annemirl Bauer. Sondern es
nimmt mit seiner Freude an Farben und im unbekümmerten Umgang mit
Perspektiven auch einen Ton an, als sei es eben auch für Kinder gemalt.
Grün, blau, gelb und rot leuchten die Kleider der „Kinder vom Prenzlauer
Berg“, eng aneinandergerückt sind die drei, wahrscheinlich Freunde der
Tochter Amrei. Im Bild „Kind und Großstadt“ ist die Straße hinter dem
Mädchen hochgeklappt, Motorräder und Busse schieben sich laut ins Bild, die
Hochbahn rattert vorbei.
Diese Porträts begrüßen die Besucher im Minsk-Kunsthaus in Potsdam in der
Ausstellung „Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“. Annemirl Bauer
(1939–1989) war eine Malerin aus der DDR, oft an den Rand gedrängt und
gegängelt, die sich dennoch immer wieder kämpferisch einmischte: Sie machte
Anwerbe-Versuche durch die Stasi und ihre Ablehnung öffentlich und
kritisierte mangelnde Reisefreiheit in öffentlichen Eingaben als großen
Fehler im System.
## Widerständige Malerin, legendär
In der DDR war sie legendär als eine widerständige Malerin. In der
Kunstgeschichte der Nachwendejahre hingegen blieb sie lange unbekannt, wohl
auch, weil sie mit ihrer Hoffnung auf eine Veränderbarkeit der DDR nicht in
das westliche Rezeptionsschema von angepasst gegen dissidentisch passte.
Ihrem Vergessenwerden will die Ausstellung im Minsk nun mit einer
Retrospektive, die immerhin 150 ihrer Werke vorstellt, entgegentreten.
„Männliche Herrlichkeit Gottes“ heißt ein Bild, mit dem sie 1988 gegen die
Militarisierung der DDR-Gesellschaft und den Wehrdienst von Frauen im Fall
der Mobilmachung protestierte und dies in einem Kontext von Sexismus,
patriarchaler Vormacht und Übergriffigkeit stellte.
Eine Reihe behelmter nackter Soldatinnen, ein Bein vorgestellt wie
Revue-Girls, steht Soldaten gegenüber, Fluglinien von Kugeln sind
angedeutet, eine gekreuzigte Frau blutet aus ihrem Schoß. „Herrlichkeit
Gottes“ steht auf einem Geschoss, auf dem eine nackte Frau reitet. Inmitten
dieses Kriegslärms und Schmerzgeschreis sitzt still und unglücklich eine
Frau auf einer Kiste.
## Paula Modersohn-Becker und George Grosz
Im Stil von Annemirl Bauer klingen Expressionismus und Jugendstil nach, die
Themen lassen an Paula Modersohn-Becker und George Grosz denken. Manches
gleicht einer Karikatur: Ein Mann hockt in Melkstellung hinter einer
vierfüßigen Figur mit baumelnden Brüsten, die mit den Vorderhufen den
Bildtitel auf einer Schreibmaschine schreibt: „Mit weiblicher Zuarbeit
ausgestattete männliche Führungsqualität“. Schrift ergänzt zur inhaltlicher
Pointierung und als grafisches Element viele von Bauers Bildern.
Die Kuratorin Marie Gerbaulet hat im Minsk Bilder des Gefangenseins, in
denen Annemirl Bauer sich selbst hinter Gitterstäben malte, ihren
Reisecollagen gegenübergestellt. Bauer kam aus einer weltläufigen Familie,
noch in den 1950er-Jahren war sie mit ihrer Mutter, ebenfalls Künstlerin,
nach Südfrankreich gereist.
Ihre Weigerung, sich als IM anwerben zu lassen, führte zur Ablehnung von
Reiseanträgen und ihrem zeitweisen Ausschluss aus dem Verband bildender
Künstler, womit auch Ausstellungen unmöglich wurden. Erst 1987/88 konnte
sie wieder reisen, nach Paris. In Collagen verbindet sie ihr Gesicht mit
dem Stadtplan und fliegt über ein ihr applaudierendes Publikum hinweg.
## Annemirl Bauer und Bärbel Bohley
„Die Mauer ist überflüssig und überholt. Wenn man sie natürlich sofort
wegnähme, würden bei uns wie bei der Öffnung eines Korsetts alle Muskeln
und Bänder zusammenfallen. Deshalb meine Forderung für die nächsten fünf
Jahre, ein für alle überschaubares System zur Öffnung der Mauer zu
schaffen.“ Dieses Zitat von Annamirl Bauer von 1984 steht in der Galerie im
Turm, Berlin Prenzlauer Berg, an der Wand. Dort zeigen die Kuratorinnen
Sandra Teitge und Susanne Weiß die Ausstellung „Träumen – Annemirl Bauer
und Bärbel Bohley“.
Beide Künstlerinnen verbindet, zeitweise aus dem [1][Verband der bildenden
Künstler in der DDR] ausgeschlossen worden zu sein, füreinander eingetreten
zu sein und für eine Veränderung der DDR gekämpft zu haben. Ihre „Träume“
galten einer besseren DDR. Der Ort der Ausstellung ist nicht zufällig
gewählt: Die Galerie im Turm, die auch in DDR-Zeiten eine kommunale Galerie
war, gehörte zu den Institutionen, an denen die beiden eben keine
Ausstellung bekamen.
Annemirl Bauers Bildern, in denen sie sich selbst hinter Gittern zeigte,
ist hier einer großen Arbeit von Bärbel Bohley gegenübergestellt, die
zunächst abstrakt wirkt, dann aber Fuß- und Handabdrücke erkennen lässt.
Sie wird mit dem Zählen der Schritte in einer Gefängniszelle in Verbindung
gebracht; zweimal war die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley inhaftiert.
## Stark und lebenslustig, schwermütig und still
[2][Auch Bohleys Thema waren die Frauen.] Während Bauers Figuren stark und
oft auch lebenslustig wirken, sind die Frauen Bohleys eher gebeugt,
schwermütig und still. Worte scheinen verschluckt hinter der Hand, die den
Mund bedeckt. Bauer nutzte Sprache und Schrift als ästhetisches und
diskursives Element in ihren Bildern; bei Bohley verlagerte sich der
Schwerpunkt ihrer Kreativität auf die Sprache der Politik.
Ein Foto von Barbara Klemm zeigt Bärbel Bohley am 4. November 1989 bei
einer berühmt gewordenen Demonstration auf dem Alexanderplatz, hinter ihr
Heiner Müller und Gregor Gysi. In einem Wandtext der Ausstellung ist eine
Erinnerung Bohleys festgehalten, wie sie 1989 eine Grafik für eine Mappe
beisteuern sollte, ihr Kopf aber schon anders beschäftigt war: „Manchmal
ist die Kunst abwesend“, schrieb sie schließlich auf ein Papier und
betrachtete das später als ihren Abschied aus der Kunst.
Annemirl Bauer starb im August 1989 an Krebs, sie erlebte die Maueröffnung
nicht mehr. Ihre Tochter Amrei, damals erst zwanzig Jahre alt, übernahm den
Nachlass ihrer Mutter, 16.000 Arbeiten: So viele nie gezeigte Bilder,
bemalte Möbel, Türen, Fenster. Selbst gemachtes Spielzeug gehört dazu. Aus
diesem Nachlass stammen viele der Werke im Minsk und in der Galerie im
Turm.
## „Berlin-Triptychon“
[3][Anfang der 1980er-Jahre hatte Annemirl Bauer einige Aufträge für]
architekturbezogene Wandbilder. Im Auftrag des Magistrats von Berlin
entstand ihr „Berlin-Triptychon“, das dann aber nie ausgestellt wurde: Als
zu provokant galt das prächtige Bild schon ob des Titels „Der Himmel über
Berlin ist unteilbar“.
Auf die Außenseiten der Flügel ist je eine angeschnittene Figur gemalt, die
erst zugeklappt ein Ganzes bildet. Innen wimmelt es von Szenen, realistisch
und fantastisch. Ein Krokodil reißt das Maul auf über einer
Schriftstellerin, die auf einem Hausdach sitzt und schreibt. Verkehrsstau
im Zentrum grenzt an die Idylle am Badesee nebenan. Viele kleine
Bilderzählungen sind miteinander verschachtelt. Es ist nicht zuletzt Bauers
Freude am dichten Erzählen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
28 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dissidentische-Kunst-Gabriele-Stoetzers/!6208507
(DIR) [2] /Feminismus-in-der-DDR/!5975946
(DIR) [3] /Erinnnerung-an-Annemirl-Bauer/!5134764
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Ausstellung
(DIR) DDR
(DIR) Kunstgeschichte
(DIR) Künstlerinnen
(DIR) Gefängnis
(DIR) Widerstand
(DIR) Bürgerrechtler
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gruppenschau Malerei in Berlin: Die entweltlichte Welt wieder verweltlichen
In einer schmalen Gruppenausstellung zeigt die Neuköllner Weserhalle ein
kleines Konvolut malerischer Weltauseinandersetzungen.
(DIR) Dissidentische Kunst Gabriele Stötzers: „Nein, Nö, Nie“
Stötzer schälte sich schon zu DDR-Zeiten von Zwängen frei. Zu ihrer
aktuellen Soloschau im Berliner Gropius Bau gab sie ein Konzert auf dem
Museumsdach.
(DIR) DDR-Bürgerrechtsbewegung: Wenn Mut in Vergessenheit gerät
Der Einsatz für Menschen- und Bürgerrechte ist heute so dringend wie damals
in der DDR. Aber das Erfahrungswissen schwindet.
(DIR) Bürgerrechtler Gerd Poppe gestorben: Freiheitskämpfer in der Diktatur, Freiheitskämpfer gegen Diktaturen
Sein Lebensthema war Freiheit. Dafür hat Gerd Poppe erst in der
DDR-Opposition gekämpft, danach bei den Grünen. Ein persönlicher Nachruf.