# taz.de -- IT-Ethik-Professorin über KI: „Was die Leute wollen, ist nicht das, was ihnen guttut“
> Wie gefährlich ist künstliche Intelligenz wirklich? Und wie könnte sie
> sicherer werden? Die IT-Ethikprofessorin Judith Simon gibt Antworten.
(IMG) Bild: Hat die Maschine ein Bewusstsein? Und wenn ja, wie viele?
taz: Frau Simon, führende Vertreter von KI-Unternehmen haben vor ernsten
Gefahren für die Menschheit durch ihre Technologie gewarnt. In Zeiten von
Klimakrise und Kriegen – müssen wir KI als ähnlich große Gefahr sehen?
Judith Simon: Es fällt mir schwer, das zu quantifizieren. Klar ist: KI ist
eine Gefahr. Wenn auch in anderer Weise, als es üblicherweise dargestellt
wird.
taz: Wie meinen Sie das?
Simon: Wenn wir über die Gefahren von KI sprechen, dann geht es derzeit in
der öffentlichen Diskussion vor allem um die sogenannten Frontier-Modelle,
das sind die derzeit leistungsfähigsten KI-Systeme. Diese sind auf riesigen
Datenmengen trainiert worden. Sie können, ähnlich wie ChatGPT und Co,
Bilder und Texte generieren, sie können aber auch komplexere Aufgaben
übernehmen.
taz: Zum Beispiel KI-Agenten, die etwa mit dem Auftrag eines Reiseziels
selbständig Flüge und Unterkunft organisieren sollen – aber gerade vor
allem Schlagzeilen damit machen, andere Systeme anzugreifen.
Simon: Genau. Die Erzählung einer KI, die irgendwie ausbricht und die
Menschheit ausrotten will – das halte ich gerade nicht für ein
realistisches Szenario. Diese Systeme haben Aufgaben bekommen und bei der
Suche nach Lösungen Sicherheitslücken gefunden und ausgenutzt, sie haben
keine Absichten. Das heißt aber nicht, dass diese Systeme keine Gefahr
wären. Kürzlich war das US-Militär in großer Alarmbereitschaft, weil China
angeblich ein Schiff mit Atomwaffen losgeschickt hatte. Das war falsch, den
entsprechenden Geheimdienstbericht hatten Menschen mithilfe von KI erstellt
und dann anscheinend nicht überprüft.
taz: Das Problem ist also nicht die Technik, sondern der Mensch?
Simon: Das Problem war die Interaktion. Und dass Menschen sich zu stark auf
die Ergebnisse von KI verlassen, ohne sie zu prüfen.
taz: Die KI-Unternehmen fordern eine Verlangsamung bei der Entwicklung. Was
halten Sie davon?
Simon: Leider sind diese Unternehmer wenig glaubwürdig: Einerseits pushen
sie die Entwicklung permanent weiter ohne Rücksicht auf Konsequenzen,
andererseits warnen sie – als wären sie nicht selbst verantwortlich. Zudem
reicht eine Verlangsamung nicht. Die Rahmenbedingungen müssen sich
grundlegend ändern. Wir haben in der Datenethikkommission der
Bundesregierung schon 2019 vorgeschlagen, dass es je nach Art des
KI-Systems effektive Ex-ante-, Ex-post- und Real-Time-Kontrollen geben
sollte. Das wurde allerdings nicht umgesetzt.
taz: Also etwa eine Zulassung wie bei Medikamenten, die erst auf den Markt
kommen dürfen, wenn sie geprüft und für sicher befunden wurden?
Simon: Genau, das wäre Ex-ante-Kontrolle. Im Moment haben wir bei den
großen KI-Systemen eine Ex-post-Regulierung. Also: Die Systeme kommen auf
den Markt, und wir gucken hinterher, dass sie keine größeren Schäden
anrichten. Wenn die Systeme live agieren, bräuchte man zusätzlich
Real-Time-Kontrollen wie etwa beim algorithmischen Handeln an der Börse.
taz: Die Branche hofft auf Selbstregulierung.
Simon: Das wird nicht funktionieren. Alleine schon deshalb nicht, weil
diese Unternehmen sich im Wettbewerb miteinander, aber auch mit China
sehen. In dieser Situation ist eine Selbstbeschränkung illusorisch.
taz: Wer also sollte für eine Kontrolle zuständig sein?
Simon: Es müssen unabhängige Institutionen sein, die auch Zugriff auf
interne Daten der Unternehmen bekommen.
taz: Also so etwas wie eine weltweite KI-Aufsicht, wie sie gerade von
vielen Seiten gefordert wird?
Simon: Ja, eine globale Aufsicht wäre gut – die Frage ist, wie schnell sich
so etwas etablieren lässt. In der EU gibt es das AI Office der
EU-Kommission, das Vorfälle untersuchen kann. Ein großes Hindernis sind die
USA, wo viele von den großen Playern sitzen. Die haben kein Interesse an
konsequenter Regulierung und Donald Trump offensichtlich ebenso wenig.
taz: Für KI-Modelle fehlt es nicht nur an externer Aufsicht – auch die
Unternehmen selbst wissen nicht, warum ihr Modell zu einem bestimmten
Ergebnis kommt: das Black-Box-Problem. Wie sollte man damit umgehen?
Simon: Diese mangelnde Nachvollziehbarkeit ist Kern der
Sicherheitsprobleme, die wir gerade sehen. Und das Black-Box-Problem ist
bei diesen hochgradig komplexen Systemen auch nicht komplett lösbar. Es
gibt zwar Forschung zu „Explainable AI“. Dabei sollen die Modelle unter
anderem dokumentieren, wie sie zu einem Ergebnis gekommen sind. Aber das
sind maximal Annäherungen, ein kleiner Lichtstrahl ins Dunkel.
taz: Was folgt daraus?
Simon: Mindestens bräuchten wir bessere Sicherheits- und
Qualitätskontrollen, Zulassungsverfahren und Real-Time-Kontrollen. Aber wir
müssen uns auch fragen, ob wir zulassen wollen, dass KI-Agenten, deren
Vorgehen nicht nachvollziehbar ist, Handlungen in der Welt ausführen. Daher
glaube ich, dass die Akteure, die diese Systeme auf den Markt bringen, als
Unternehmen und auch persönlich für Schäden haften müssen. Dann überlegen
sie sich sehr gut, ob ihre Software wirklich sicher genug ist.
taz: Jeder Autohersteller ist für Fehler in seiner Technik verantwortlich.
Warum ist das bei KI anders?
Simon: Weil hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Was in anderen Bereichen
streng reguliert und geahndet wird, interessiert bei KI anscheinend kaum
jemanden. Urheberrechte, Datenschutz oder auch Hacking – wenn man
vergleicht, mit welch horrenden Haftstrafen Hackern gedroht wurde, wenn sie
Systeme angegriffen haben, wird der Unterschied deutlich.
taz: Nicht alle Probleme von KI-Chatbots sind so offensichtlich.
Simon: Ja, wir reden im Moment vor allem über die Sicherheit von
Frontier-Modellen, und die Folgen anderer KI-Systeme geraten dabei häufig
in den Hintergrund. Etwa die Folgen für den Arbeitsmarkt und die Bildung –
oder das Problem, dass Chatbots als Freund- oder Therapeutenersatz genutzt
werden. Die große Verführungskraft dieser Technologie liegt darin
begründet, dass sie gleichzeitig Zugang zu vielfältigen Informationen
liefert und man mit ihr sprechen kann. Wir Menschen funktionieren mit
Sprache – und diese Software ist unserem Sprechen so nah wie sonst nur
andere Menschen. Daher können wir leicht der Illusion erliegen, ein
KI-Chatbot wäre ein Freund, hätte ein Bewusstsein. Die Personalisierung der
Antworten auf Basis der gesammelten persönlichen Daten trägt ihr Übriges
dazu bei, dass diese Kombination aus vermeintlich allwissender Maschine mit
menschlichem Touch so verführerisch wirkt. Klar kann sie hilfreich sein,
aber eben auch wahnsinnig gefährlich.
taz: Die meisten Modelle sind zudem so designt, dass sie die Nutzenden in
ihrer Position bestätigen.
Simon: Das ist ein weiteres Riesenproblem. Die ständige Bestätigung durch
die KI-Chatbots hat ja einen Zweck: Die Nutzenden sollen möglichst lange
mit ihnen interagieren, möglichst viele Daten hinterlassen. In Fällen, wo
jemand Wahnvorstellungen oder suizidale Tendenzen hat, haben wir bereits
gesehen, wie fatal das enden kann. Aber auch für psychisch unauffällige
Menschen gilt: Es tut uns nicht gut, wenn unser Gegenüber uns die ganze
Zeit erzählt, wie toll wir sind.
taz: Lässt sich das durch Regulierung ändern?
Simon: Es ist jedenfalls nicht leicht. Als Reaktion auf einen Suizid in
Kanada haben die Hersteller ihre KI-Chatbots so verändert, dass sie weniger
affirmativ waren. Das Problem: Dann waren die Nutzerinnen und Nutzer
genervt. Wir finden es nämlich durchaus prima, positiv bestärkt zu werden.
Die Unternehmen entwickeln also das, was die Nutzenden wollen. Aber was die
Leute wollen, ist nicht unbedingt das, was ihnen guttut.
taz: Hängt das Problem vielleicht auch damit zusammen, dass die meisten
Nutzenden gar nicht wissen, dass KI-Chatbots einfach nur wahnsinnig gute
Wortvorhersagemaschinen sind?
Simon: Es wäre sicher gut, wenn alle Menschen wüssten, dass es statistische
Maschinen sind, die super in sprachlicher Form sind, aber keine
Datenbanken. Vielleicht hilft ein Vergleich mit der Wettervorhersage: Wird
ein wolkenfreier Tag vorhergesagt, stimmt das wahrscheinlich, aber es kann
eben auch regnen.
taz: Also einfach mehr Bildung?
Simon: Bildung ist wichtig, aber sie löst nicht alle Probleme. Das sehen
wir daran, dass selbst Leute, die genau wissen, wie diese Systeme
funktionieren, dem Gefühl erliegen, die KI würde sie verstehen oder hätte
gar Bewusstsein. Einfach, weil sie so überzeugend Sprache generiert. Und
wir Menschen schreiben ihr deshalb Verständnis, Bewusstsein, Empfindungen,
Gefühle zu. KI-Modelle können zwar in bestimmter Hinsicht „verstehen“, was
eine Linde ist, etwa weil sie die Worte Baum, Linde, Pflanze, Blatt in
sinnvolle Zusammenhänge stellen können oder den Begriff dem Bild einer
Linde zuordnen. Aber sie haben kein Verständnis etwa für Schmerz oder für
Glück.
12 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
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