# taz.de -- KI im Alltag: Chatty, danke für die Hilfe, ab jetzt lieber ohne dich
       
       > Unsere Autorin nutzt Künstliche Intelligenz seit einiger Zeit für die
       > Uni. Und fragt sich inzwischen: Werde ich durch den Chatbot faul?
       
 (IMG) Bild: Selber denken oder sich von ChatGPT bedienen lassen ?
       
       Er ist immer für mich da, hilft mir, wenn ich mal nicht weiterkomme, und
       verspricht mir die totale Effizienz. Nicht mal alleine denken müsste ich,
       denn sogar das könnte er mir abnehmen, wenn ich es nur will. Die Rede ist
       von meinem tüchtigen Freund ChatGPT oder auch Chatty, wie er häufig genannt
       wird: ein KI-Bot, der auf alle Fragen immer eine Antwort parat hat.
       
       Diese Zaubermaschine gehört aber nicht nur mir, denn rund [1][zwei Drittel
       der Deutschen] nutzen mittlerweile generative KI – jeder für seine eigenen
       Zwecke. Während ich Chatty und andere KI-Kumpel hauptsächlich für die Uni
       nutze, lässt sich meine alte Mitbewohnerin von der KI gerne auch mal
       erklären, wie man welche Wäsche bei wie viel Grad zu waschen hat. Eine
       Bekannte erzählt sogar von einem Freund, der fast jede seiner Fragen
       mündlich an den Bot richtet: „Wie komme ich zur Hauptstraße?“ Oder:
       „Welcher Pulli sieht besser aus?“ Chatty als Bedienungsanleitung, Google
       Maps und Stilberatung in einem. Hört sich einwandfrei an, oder etwa nicht?
       
       [2][„Beware of metacognitive laziness“] – auf Deutsch: Vorsicht vor
       metakognitiver Faulheit – so der Titel einer Studie aus 2024, die sich in
       Experimenten angeschaut hat, wie ChatGPT das Lernen von Studierenden
       verändert. Dabei kam heraus, dass jene Studierende, die KI nutzten, zwar
       bessere Noten hatten, aber so richtig viel dazugelernt hatten sie nicht.
       Sie haben es sich leicht gemacht und lagerten wichtige Schritte im
       eigenständigen Denken und Hinterfragen an den Bot aus. Das bringt mich zum
       Nachdenken: [3][Werde auch ich durch ChatGPT faul?]
       
       Lange habe ich mich geweigert, KI zu benutzen. Vor drei Jahren bin ich noch
       locker eine halbe Stunde durch die Unibibliothek gelaufen, um das Lehrbuch
       mit der komplizierten Kennziffer zu finden. Ich habe im Müller jede Woche
       Karteikarten gekauft und beschriftet, bis ein riesiger Stapel auf meinem
       Schreibtisch lag. Und das machte mir auch wirklich Spaß.
       
       Im zweiten Semester aber habe ich immer wieder neidisch auf die Bildschirme
       meiner Mitstudierenden geschaut. Darauf geöffnet war ChatGPT, Befehle wie
       „Fasse diese Vorlesung verständlich auf einer Seite zusammen“. Ich sah die
       Antworten der KI und dachte: Irgendwie will ich das auch. Denn während ich
       noch mühselig versuchte, zu verstehen, was meine Professorin mir mit dieser
       Folie bloß sagen möchte, waren die anderen Studis schon nach Hause
       gezischt.
       
       Ich habe es also auch probiert und festgestellt: Es ist eine Hassliebe. Ich
       habe das Gefühl, dass ich durch die KI weniger Dinge aus reiner Freude an
       der Sache mache. Während ich früher die Literatur für das Semester
       zusammengesucht und gelesen habe, sucht heute die KI für mich und erklärt
       mir die schweren Begriffe. Auch wenn ich froh bin, dass ich dank Chatty
       komplexe Themen einfach aufgedröselt bekomme, lässt mich dieser Shortcut
       unerfüllt zurück. Eigentlich will ich wichtige Werke selber gelesen und
       komplizierte Sachverhalte verstanden haben. Auch kritisch darüber
       nachdenken möchte ich weiterhin selbst. Bei aller Liebe zur Effizienz: Ich
       will die geistige Anstrengung wieder zurück!
       
       In Zukunft kann die KI für mich gerne weiterhin monotone Aufgaben wie die
       Formatierung meiner Word-Dokumente übernehmen. Die inhaltlichen Aufgaben
       will ich aber lieber selbst machen. Von mir aus können sie dann auch
       doppelt so lange dauern.
       
       Ich nehme mir jedenfalls fest vor, das nächste Mal einfach schön händisch
       ein Lexikon in der Bibliothek aufzuschlagen, wenn ich ein Wort aus Michel
       Foucaults Werk nicht verstehe. Ganz ohne Chatty.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/ki-nutzung-deutschland-100.html
 (DIR) [2] https://bera-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bjet.13544
 (DIR) [3] /Kuenstliche-Intelligenz-versus-Menschen/!6134586
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Xenia Dederer
       
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