# taz.de -- Antisemitismus und Linkspartei: Es braucht mehr analytische Schärfe
> Die Linkspartei laviert in der Debatte um den eigenen Antisemitismus. Sie
> täte gut daran, sich der Tradition der solidarischen Reflexion zu
> erinnern.
(IMG) Bild: Ein Teilnehmer bei der Aktion „Berlin trägt Davidstern“ vor dem Rathaus Neukölln
Die Frustration sitzt tief: Mit ihrem geschickten Wahlkampf für
solidarisches Wohnen ist der Linkspartei in Berlin ein fulminanter Sieg
über das konservative Establishment gelungen. Statt dass sie nun aber den
möglichen Koalitionspartnern aus dieser Position der Stärke begegnet, muss
die Parteispitze zerknirscht Antisemitismusvorwürfe beantworten.
Das gelingt derzeit noch nicht wirklich. Auch weil man es sich in der
Partei in einer beruhigenden Begriffslosigkeit gegenüber Antisemitismus
gemütlich gemacht hat, die eine skeptische Öffentlichkeit offenbar dieses
Mal nicht durchgehen lassen will. Anstelle ernsthafter Reflexion
echauffiert man sich beinahe ausschließlich über die rechte
Kampagnenpolitik.
Während die üblichen Kreise der Partei den eigenen Antisemitismus
verharmlosen oder verteidigen, versucht sich die Parteispitze mit einer
Mischung aus Anerkennung und Unverständnis: Zugestanden wird, dass es ein
allgemeines gesamtgesellschaftliches Problem mit Antisemitismus gibt, das
sich mitunter auch in der eigenen Partei findet. Unverstanden bleibt
hingegen, dass israelbezogener Antisemitismus als populärste Ausdrucksform
des Ressentiments in Teilen der Partei Konsens geworden ist.
## Der Plan im Wahlkampf
Rechtfertigungsversuche wie der des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden
im Bundestag, Luigi Pantisano, im ARD-„Bericht aus Berlin“ vom 27.
September, zeigen bisweilen eine frappierende Ahnungslosigkeit. Pantisano
brüstete sich, sie seien „einige der wenigen“, die sich „trauen, öffentlich
zu kritisieren, was in Israel passiert“. Die kontrafaktische Rede eines
proisraelischen Meinungstabus ist selbst antisemitisch codiert. Sie
verweist unausgesprochen auf eine finstere Macht, die einschüchtere, die
Wahrheit zu sprechen.
Bereits vor den Wahlen hatte die Berliner Linkspartei versucht, das
Antisemitismusproblem in den Griff zu bekommen. Die Spitzenkandidatin
[1][Elif Eralp] veröffentlichte am 8. Mai einen 5-Punkte-Plan gegen
Antisemitismus, überschrieben mit den Worten „Jüdisches Leben in Berlin
stärken und schützen“. Der Plan wurde von der Linkspartei im Wahlkampf
immer wieder vorgezaubert, um sich Unbedenklichkeit zu bescheinigen.
Er kann auch durchaus ambitioniert wirken. Man wolle etwa „jüdisches Leben
fördern“, „jüdische Vielfalt unterstützen und Bedarfe ernst nehmen“,
„Erinnerungsarbeit von unten gemeinsam gestalten“ und „Antisemitismus in
seinen verschiedenen Formen erkennen“ – auf diese Überschriften können sich
leicht alle demokratischen Parteien einigen. Allerdings taugt der Text
weniger zur Klärung des innerparteilichen Verhältnisses zum israelbezogenen
Antisemitismus: Ein Programm, das über Hakenkreuze spricht, aber das rote
Hamas-Dreieck oder „Yallah Intifada“-Rufe mit keiner Silbe erwähnt,
vermeidet die Brüskierung der eigenen Szene und wirkt deshalb auch nach
außen halbherzig.
Das rote Dreieck ist das zentrale Symbol antisemitischer Feindmarkierung
geworden, nachdem die Hamas es während des Massakers vom 7. Oktober nutzte,
um Ziele zu kennzeichnen. Intifada bedeutet nicht einfach nur „Aufstand“,
sondern bezeichnet historische Terrorwellen gegen israelische
Zivilist:innen, etwa mit Bombenanschlägen auf Diskotheken oder Linienbusse.
Auf Demonstrationen, zu denen insbesondere auch die Bezirksverbände
Neukölln und Wedding aufgerufen haben, sind diese Symbole allgegenwärtig.
Antisemitismus bekämpft nur wirksam, wer auch den in den eigenen Reihen
angeht.
## Legitimer Widerstand
Die Parteispitze hat noch am Wahlabend beteuert, dass niemand einen Platz
in der Partei hat, der das Existenzrecht Israels infrage stellt. Dem
gegenüber stehen die ständigen Aufrufe von Bezirksverbänden der Partei zu
antiisraelischen Demonstrationen oder der Wahlkampf von Kandidat:innen
mit Symbolen der antiisraelischen Bewegung und gemeinsame Fotos mit
islamistischen Akteuren.
Im Sommer 2025 veranstaltete etwa der Neuköllner Bezirksverband gemeinsam
mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee (VPNK) ein Sommerfest
unter dem Motto „Neukölln steht zusammen – Solidarität mit den Menschen in
Palästina“. Das VPNK ist ein Zusammenschluss aus Hamas- und PFLP-Anhängern,
der nach dem 7. Oktober 2023 gegründet wurde. Gemeinsam mit
Bezirksverbänden der Berliner Linkspartei organisiert das VPNK im
„Internationalistischen Bündnis“ regelmäßig Kundgebungen, auf denen das
Massaker als legitimer Widerstand verherrlicht wird.
Es geht hier um wesentlich mehr als Kritik am israelischen
Regierungshandeln: Israelbezogener Antisemitismus überträgt klassische
antisemitische Argumentationsmuster auf den jüdischen Staat, bestreitet das
Existenzrechts Israels, rechtfertigt Gewalt gegen Israelis oder nimmt
Jüdinnen:Juden für das israelische Regierungshandeln in Haft.
Am Tag nach der Wahl veröffentlichten die BAG Palästina Solidarität und
Solid Neukölln auf Instagram ein Video, das den Beteuerungen der
Parteispitze ins Wort fiel. Das seien angekündigte Säuberungen, wird dort
geklagt, von denen immerhin 30 Prozent der Partei getroffen würden. Unter
Berufung auf die Jerusalemer Erklärung zu Antisemitismus (JDA), die die
Partei der Linken in einem Bundesparteitagsbeschluss als maßgeblich für
ihre Arbeit verabschiedete, heißt es dort: „Wir haben klare Beschlusslage.
Die Jerusalemer Erklärung legt klar fest, die Leugnung des Existenzrechts
Israels und die Ablehnung des Zionismus sind nicht antisemitisch.“
## Zerrüttetes Verhältnis
Das Video illustriert den typischen Anwendungsfall der JDA. Im Gegensatz
zur gängigeren Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust
Remembrance Alliance wird die JDA meist nicht herangezogen, um
Antisemitismus zu benennen, sondern um seine Kritik abzuwehren.
Verunsichern sollte die Partei auch ihr zerrüttetes Verhältnis zu den
jüdischen Organisationen: Noch am Wahlabend sprach sich der Zentralrat
gegen eine Koalition mit der Linkspartei aus. Daran ändert ein später
veröffentlichter [2][Brief von 150 Berliner Jüdinnen:Juden] für eine
solche Koalition wenig. Gemessen an der Größe der jüdischen Community
Berlins, ist es eher fast erstaunlich, dass es offenbar nicht gelungen ist,
mehr Unterschriften für den Brief zu finden.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Antisemitismusvorwurf auch
von konservativen Kräften instrumentalisiert wird, um ein Linksbündnis in
Berlin zu verhindern. Besonders perfide ging dabei die
Wirtschaftsministerin Reiche vor, die über die offiziellen Kanäle ihres
Ministeriums vor Antisemitismus und Enteignungen warnte – ganz als handele
es sich dabei um irgendwie vergleichbare Dinge. Antisemitismus ist eine
potenziell mörderische Ideologie, Vergesellschaftung ist ein im Grundgesetz
verankertes Recht. Verfassungsfeindlich ist eher die Ankündigung des
Bundeskanzlers, rasch ein Gesetz auf den Weg bringen zu wollen, das dieses
Grundrecht aushebelt.
Andere Politiker:innen und Kommentator:innen entstauben einmal
mehr das Hufeisenmodell und bemühen sich zwanghaft, die Linkspartei und die
AfD gleichzusetzen. Gefordert wird dann etwa eine Brandmauer in beide
Richtungen, wobei unter den Tisch fällt, dass die AfD eine faschistische
Partei, die Linke eine demokratische ist.
## CDU kürzt bei Bildungsarbeit
Die Vermengung partei- und wirtschaftspolitischer Vorstellungen schadet der
Benennung von Antisemitismus, weil sie an den berechtigten Vorwürfen
zweifeln lässt. Überzeugender würde die Intention, wenn dann auch von den
Konservativen wiederum der eigene Antisemitismus aufgearbeitet würde. Als
Merz kürzlich von Antisemitismus als einer [3][Form der
Ausländerfeindlichkeit] sprach, bediente er damit klassischen nationalen
Antisemitismus, weil er Jüdinnen:Juden so implizit die
Staatszugehörigkeit absprach. Auch kürzte das CDU-geführte
Familienministerium jüngst der politischen Bildungsarbeit gegen
Antisemitismus rabiat die Gelder.
Die Konservativen nutzen die Angriffsfläche, die ihnen die Linkspartei
geboten hat. Bemerkenswert ist dabei aber auch die relative Sicherheit, mit
der die Medien Antisemitismus benennen. Anstatt zum Beispiel wie sonst in
derlei Debatten üblich endlos über die erschöpfend behandelte Frage zu
diskutieren, wo Kritik am israelischen Regierungshandeln endet und
Antisemitismus beginnt, wird jetzt recht häufig gefragt, wie die Partei das
Problem aufarbeiten kann.
Wo sich ein solcher diskursiver Fortschritt der Problematisierung von
Antisemitismus abzeichnet, melden sich aber natürlich auch prominente
Stimmen zu Wort, die die Bestimmtheit gleich wieder verunsichern wollen.
Stefanie Schüler-Springorum zum Beispiel, Leiterin des Zentrums für
Antisemitismusforschung, hält die Vorwürfe für überzogen, ohne diese
Einschätzung allerdings weiter zu qualifizieren.
Weiter geht ihr Amtsvorgänger Wolfgang Benz im Interview mit dem
Tagesspiegel. „Garstige Worte gegen das Land Israel“ aus Neukölln nehme er
wahr, aber: „Das ist kein Antisemitismus, das ist keine Judenfeindschaft,
sondern eine politische Feindschaft gegen die Besatzungsmacht Israel.“ Auf
antisemitische Vorfälle und Übergriffe angesprochen, entgegnet Benz: „Aber
dass Juden Angst haben, sagen sie seit 50 Jahren. Schon früher hieß es: Wir
sitzen auf gepackten Koffern. Das gehört zur Selbstrechtfertigung jüdischen
Lebens in Deutschland.“
## Glaubhafte Distanzierung
Die mangelnde analytische Schärfe gegenüber Antisemitismus, die
Verharmlosung israelbezogenen Antisemitismus als politischer Konflikt geht
bei Benz einher mit einer eiskalten Ignoranz gegenüber jüdischen
Erfahrungen. Ängste von Jüdinnen:Juden derart trivial zur Seite zu
wischen, hilft weder gegen Antisemitismus noch der Linkspartei.
Die Linkspartei kann sich hingegen glaubhaft von Antisemitismus nur
distanzieren, indem sie die innerparteiliche Kritik stärkt. In den
Landesarbeitsgemeinschaften und der Bundesarbeitsgemeinschaft Shalom gibt
es zahlreiche Menschen, die Antisemitismus in der eigenen Partei benennen.
Diese Form der solidarischen Reflexion steht in der Tradition linker
Selbstkritik: Die versiertesten theoretischen Auseinandersetzungen mit
Antisemitismus kommen aus der politischen Linken selbst. An diese Tradition
gilt es anzuschließen, anstatt sich in die Scheinsicherheit der
Begriffslosigkeit zu retten und damit dem Antisemitismus das Feld zu
überlassen.
Das bedeutet insbesondere, sich in Bezug auf israelbezogenen Antisemitismus
aus der ständigen Abwehr zu begeben, es solle zwischen legitimer Kritik und
Antisemitismus differenziert werden – denn diese Differenzierung ist
bereits eine Grundlage der Debatte, sie muss nicht erst eingefordert
werden.
Es wird der Linken nicht vorgeworfen, Netanjahu, die Siedlungspolitik oder
die Kriegsführung zu kritisieren, sondern Mitglieder zu dulden und mit
Akteur:innen gemeinsame Sache zu machen, die Gewalt gegen
Jüdinnen:Juden rechtfertigen. Der Berliner Wahlkampf hat gezeigt, dass
die Linkspartei zur Mobilisierung nicht auf diesen Bewegungsapparat
angewiesen ist, sondern ganz klassisch mit sozialen Themen bestechen kann.
6 Oct 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Richtungsstreit-nach-der-Wahl-in-Berlin/!6215892
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## AUTOREN
(DIR) Tom David Uhlig
(DIR) Nikolas Lelle
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