# taz.de -- Stolpersteine in Sachsen: „Das dient nicht dem Erinnern, sondern dem Vergessen“
       
       > In Heidenau unterstützen CDU- und AfD-Mitglieder einen Antrag gegen die
       > Gedenksteine für Opfer der Nazis. Betroffenenverbände kritisieren den
       > Vorstoß.
       
 (IMG) Bild: Stolpersteine in Berlin-Pankow – die AfD in Heidenau verlangt, auf Stolpersteine zu verzichten
       
       Mit zwei Messingtafeln im Gehweg, zwei „Stolpersteinen“, möchte das
       Alternative Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz) in Heidenau an Fritz und
       Martha Goldstein erinnern. Das Ehepaar lebte zu Beginn der NS-Diktatur in
       der sächsischen Stadt, wenige Kilometer von Dresden entfernt. Sie wurden
       aus antisemitischen Gründen verhaftet, enteignet und abgeschoben. Doch zur
       Verlegung der beiden Stolpersteine wird es in Heidenau womöglich nie
       kommen.
       
       Am Donnerstag berät der Stadtrat über einen Antrag, der diese Form des
       Gedenkens verhindern möchte. Die lokale Bürgerinitiative Oberelbe für mehr
       Demokratie (BOD) erklärt darin, Menschen würden über die Namen der NS-Opfer
       hinweggehen. Das sei kein „würdevolles Erinnern“. Die Stadt solle Anträge
       für Stolpersteine künftig ablehnen. Stattdessen solle auf dem Nordfriedhof
       eine „Gedenkfläche“ entstehen, gewidmet den Opfern „von Krieg, Terror,
       Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in
       Heidenau“. Dort gibt es heute schon einen Gedenkstein für die Opfer des
       Nationalsozialismus.
       
       Neben der einbringenden BOD-Fraktion haben drei CDU-Stadträt:innen,
       darunter die Fraktionsvorsitzende Cornelia Schmiedel, und fünf
       AfD-Fraktionsmitglieder unterschrieben. Auf Anfrage der taz erklärt auch
       Bürgermeisterin Conny Oertel (parteilos), sie unterstütze den Antrag. Ihre
       Verwaltung [1][empfiehlt hingegen eine Ablehnung], über Stolpersteine solle
       im Einzelfall entschieden werden.
       
       Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Sachsen und die Vereinigung
       der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und
       Antifaschisten (VVN-BdA) kritisieren zudem: Mit einer Gedenkfläche auf dem
       Friedhof verschwinde das Erinnern an die Verbrechen der Nazizeit und das
       Leben der Betroffenen aus dem Alltag.
       
       ## „Das dient dem Vergessen“
       
       In mehr als 30 Ländern liegen [2][inzwischen mehr als 116.000
       Stolpersteine], meist vor den letzten freiwillig gewählten Wohnorten der
       Opfer. Zurück geht das Projekt auf Gunter Demnig. Die fünf Stolpersteine,
       die es in Heidenau aktuell gibt, hat er selbst verlegt. Die beiden neuen,
       die an Fritz und Martha Goldstein erinnern sollen, hatte das [3][Akubiz im
       Februar 2025 beantragt]. Anne Nietschke aus dem Vorstand des Vereins sagt,
       sie wisse nicht, wie weit der Bearbeitungsstand ihres Antrags ist. „Wir
       haben mehrmals nachgefragt, aber bislang keine Rückmeldung bekommen.“
       
       Bürgermeisterin Oertel erklärt auf Anfrage der taz, mit den Stolpersteine
       für die Goldsteins werden so verfahren, wie der Stadtrat an diesem
       Donnerstag beschließt. Das heißt, geht der Antrag durch, werden die
       Stolpersteine unbesehen abgelehnt. Oertel selbst sei für einen zentralen
       Gedenkort. [4][Stolpersteine seien zeitweise durch Laub, Schmutz oder
       Schnee] verdeckt, über sie gehe man „vielleicht gedankenlos“ hinweg.
       
       Anders sieht das die Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen
       Gemeinden, Ekaterina Kulakova. „Die Menschen nehmen Stolpersteine jeden Tag
       wahr“, sagt sie auf taz-Anfrage. Die Jüdischen Gemeinden seien bislang
       nicht zu dem Vorhaben eines zentralen Gedenkorts in Heidenau angehört
       worden. Aber zu einem solchen, sagt Kulakova, würden Interessierte nur zwei
       Mal im Jahr gehen. „Das dient nicht dem Erinnern, sondern dem Vergessen.“
       
       Als die [5][Nazis in Deutschland ab 1933 regierten], war es für Fritz
       Goldstein als Juden schwer, Arbeit zu finden. Laut Recherchen von Akubiz
       wurde das Ehepaar 1938 zusammen mit ihrem Kind verhaftet, enteignet und
       nach Polen abgeschoben. Sie überlebten den Krieg, aber nur [6][Fritz
       Goldstein kehrte nach Heidenau] zurück. Er engagierte sich unter anderem
       bei der VVN-BdA, bis er 1950 verstarb.
       
       Kerstin Köditz, heutige Landessprecherin der VVN-BdA in Sachsen, findet,
       bei den Stolpersteinen gehe es darum, „dass uns die Verbrechen der Nazizeit
       im Alltag begegnen“. Die Opfer seien Nachbar:innen in der Stadt gewesen,
       nicht außerhalb. Die Idee der Stolpersteine sei, die verhafteten,
       deportierten oder ermordeten Menschen zurück ins Gedächtnis zu rufen. Ein
       Gedenkort auf dem Friedhof, „der [7][stellt diese Nähe nicht dar]“.
       
       Außerdem finde Köditz, eine Gedenkfläche für „die Opfer von Krieg, Terror,
       Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in
       Heidenau“ sei so weit gefasst, dass konkrete Zusammenhänge verblassen. „Wie
       will ich mich mit bestimmten Aspekten von Verbrechen auseinandersetzen,
       wenn ich alles in einen Topf werfe?“ Je nach Opferzusammenhängen und
       Phänomenbereichen brauche es unterschiedliche Konzepte. „Es ist etwas
       anderes, ob ich von Terroranschlägen rede, ob ich von Vertreibung rede oder
       von der industriellen Vernichtung der Jüdinnen und Juden.“
       
       Doch Köditz stört noch etwas am Antrag. „Wenn ich überlege, welche
       Konstellation es an Unterstützern für diesen Antrag gibt, dann läuft es mir
       eiskalt den Rücken runter.“
       
       ## Ein Antrag mit der AfD
       
       Seit Jahren tritt die AfD bundesweit offen geschichtsrevisionistisch auf
       und versucht die Erinnerungskultur umzudeuten. Erst am Montag wiederholte
       Vorsitzende [8][Alice Weidel in der Bundespressekonferenz die Lüge], der
       NS-Diktator Adolf Hitler sei eigentlich ein „Linksextremist“ gewesen.
       
       Noch vor dem BOD-Antrag hatte die AfD in Heidenau vergangenen Dezember
       einen in Teilen gleich lautenden Antrag formuliert. Heidenau solle auf
       Stolpersteine verzichten. Unterschrieben war der vom
       AfD-Fraktionsvorsitzenden Daniel Barthel. Vor etwa 20 Jahren war der in
       neonazistischen Kreisen rund um die Kameradschaft „Skinhead Sächsische
       Schweiz“ aktiv. Heute sagt er, es gehe ihm um ein würdevolles Gedenken. Im
       Januar, zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, habe er
       eine weiße Rose am Nordfriedhof abgelegt.
       
       Aber was wurde aus dem Antrag der AfD gegen die Stolpersteine? Barthel
       sagt, die Fraktionen von CDU und BOD hätten die AfD gebeten, den Antrag
       zurückzuziehen, um sich dann gemeinsam über weiteres Vorgehen zu
       verständigen. Aus gemeinsamen Gesprächen sei der vorliegende Antrag der
       Bürgerinitiative BOD entstanden.
       
       Ob das stimmt, darauf antwortet die CDU-Fraktion in Heidenau nicht. Aber
       sie spricht von einem „interfraktionellen Antrag“. Den hätten die
       CDU-Stadträt:innen bereits besprochen. „Es ist uns wichtig, dass das
       Gedenken und die Geschichte auf vielfältige Art und Weise auch in Zukunft
       behandelt, gewürdigt und weitergetragen wird“, heißt es auf Anfrage der
       taz. Wie die einzelnen Stadträt:innen der CDU letztlich entscheiden,
       bleibe ihnen selbst überlassen. Der Antrag stelle nur das Gedenken „in Form
       von Stolpersteinen zur Debatte“.
       
       Viel Debatte wird kaum folgen, falls die BOD-, CDU- und AfD-Mitglieder mit
       ihrem Antrag Erfolg haben. Als Erstes würde dann voraussichtlich die
       Verlegung der beiden Stolpersteine, die an Martha und Fritz Goldstein
       erinnern sollten, abgelehnt.
       
       Anm.d.Red: In einer früheren Version des Artikels hieß es, den Antrag
       hätten zwei Mitglieder der CDU-Fraktion unterschrieben. Richtig ist, dass
       es drei Mitglieder sind. Wir haben die Stelle korrigiert.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.heidenau.de/ris/buergerinfo/getfile.php?id=365757&type=do
 (DIR) [2] /Gedenken-an-Opfer-des-Nationalsozialmus/!6074012
 (DIR) [3] https://akubiz.de/index.php?option=com_content&view=article&id=868:keine-weiteren-stolpersteine-in-heidenau-mehr&catid=38
 (DIR) [4] /Das-Problem-mit-dem-Symbolischen-FREMD-UND-BEFREMDLICH/!230335/
 (DIR) [5] /Judenverfolgung-in-der-Nazi-Zeit/!5865427
 (DIR) [6] https://gedenkplaetze.info/juedische-geschichte/fritz-goldstein
 (DIR) [7] /Juedische-Familienfotos-aus-Nazi-Zeiten/!6018530
 (DIR) [8] /AfD-nach-Landtagswahlen/!6215026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
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