# taz.de -- Stolpersteine erinnern an 15-Jährigen: Er ging die gleichen Wege
       
       > Schüler:innen erforschten das Schicksal eines 15-jährigen Berliners,
       > der dort lebte, wo heute ihre Schule steht. Am Donnerstag erinnerten sie
       > an ihn.
       
 (IMG) Bild: Erinnerung vor der Schule: Die frisch verlegten Stolpersteine für Benno und Else Feldheim in der Wallstraße
       
       Andrej Iwanowitsch Moiseenko kam am Freitag. Schon [1][zum zweiten Mal
       innerhalb weniger Monate] hat der Holocaust-Überlebende die Evangelische
       Schule Berlin Zentrum besucht, um den Schüler:innen als Zeitzeuge von
       der NS-Verfolgung zu erzählen. Er wird im Mai 100 Jahre alt.
       
       Peter Neuding wäre heute etwas jünger, 98, wenn er noch leben würde. Und er
       wäre auch ein guter Zeitzeuge, vielleicht sogar noch passender. Denn er
       wohnte an der Wallstraße 32 in Berlin-Mitte, genau dort, wo heute die
       Schule steht.
       
       „Peter wurde 15 Jahre alt“, steht auf dem Transparent, dass am Donnerstag
       am Zaun vor der Schule angebracht wird. Gut 150 Schüler:innen,
       Lehrer:innen und auch ein paar Anwohner:innen stehen dahinter, um an
       Peter zu erinnern. Mit Musik, Blumen, Kerzen. Und Stolpersteinen. Es ist
       der vorläufige Abschluss eines vorbildlichen Projektes, das die Schule mehr
       als ein Jahr lang beschäftigt hat.
       
       „Wir haben das mitten im Unterricht mitgekriegt“, erzählt Kunstlehrer Ole
       Schmidt von den Anfängen. Inspiriert [2][durch eine taz-Recherche] hatte er
       bei einer Projektwoche mit Schüler:innen die Webseite
       [3][mappingthelives.org] angeschaut, auf der mittlerweile fast eine Million
       Opfer der NS-Diktatur mit ihren Wohnorten verzeichnet sind. Jede:r kann
       dort mit wenigen Klicks herausfinden, ob und welche NS-Opfer an einem
       bestimmten Ort gelebt haben.
       
       Bei der Wallstraße 32 sind drei Namen verzeichnet. Benno und Else Feldheim
       – und Peter Neuding. Bei Letzterem steht neben dem Geburtsdatum 28.02.1927
       auch ein Todeszeitpunkt, wenn auch ein sehr ungefährer: „Vor 08.05.1945“.
       Also irgendwann vor Kriegsende. Klickt man auf Peter Neudings Namen erfährt
       man noch, dass er am 3. Februar 1943 deportiert wurde. Nach Auschwitz.
       
       ## Die Geschichte einer zerrissenen Familie
       
       Anfangs gab es vor allem Fragen. „Wer war er? Warum gibt es kein
       Todesdatum?“, erzählt die Lehrerin Marie Kirchner, die das Projekt
       begleitet hat. Es sei nicht einmal klar gewesen, in welcher Beziehung das
       Ehepaar Feldheim zu dem 15-Jährigen stand. Doch Lehrer:innen und
       Schüler:innen machten sich an die Archivarbeit, fanden [4][Unmengen von
       Dokumenten] – und die Geschichte einer von den Nazis zerrissenen Familie.
       
       Peters Eltern Alice Rosenberg und Bolek Neuding hatten 1925 in einer
       Synagoge geheiratet. Zwei Jahre später kam Peter zur Welt. Als sie sich
       wenige Jahre nach seiner Geburt scheiden ließen, zog Alice mit Peter zu
       ihrer Mutter Hedwig Rosenberg in die Schlosstraße 32 in
       Berlin-Charlottenburg. Dort betrieb sie eine Schneiderei mit mehreren
       Angestellten – bis ihr das 1938 durch die NS-Gesetze verboten wurde, weil
       sie Jüdin war.
       
       1939 konnte Alice Rosenberg nach Großbritannien ausreisen – und dort als
       Dienstmädchen arbeiten. Das war nur alleinstehenden Frauen gestattet.
       Peters Vater war da bereits nach Argentinien geflüchtet. Ihren Sohn ließ
       Alice Rosenberg bei ihrem Großonkel zurück: Benno Feldheim, der mit seiner
       Frau Else in der Wallstraße lebte und dort Mützen herstellte. Das Paar nahm
       den damals 12-Jährigen als Pflegekind auf.
       
       All diese Geschichten verlesen Schüler:innen am Donnerstag bei der von
       ihnen initiierten Verlegung der Stolpersteine. Zwei am Mittag für Benno und
       Else Feldheim vor der Schule in der Wallstraße. Drei weitere schon am
       Vormittag vor der Schlosstraße 32 – am letzten gemeinsamen Wohnort von
       Sohn, Mutter und Großmutter.
       
       „Wir machen das übereinander, dann versteht man gleich, wie die
       zusammengehören“, sagt Michael Rohrmann. Er hat ein Auge dafür. Seit 20
       Jahren gehört er zum Team des [5][Stolperstein-Initiators Gunter Demnig].
       Eigentlich seien sie davon ausgegangen, dass die Anfragen für neue
       Stolpersteine zurückgehen müsste, weil nahezu alle Zeitzeugen gestorben
       seien, sagt Rohrmann. Aber das Gegenteil sei der Fall. Die Generation der
       Enkel:innen interessiere sich offenbar sehr für das Thema. Und der dank
       Digitalisierung und Projekten wie „mapping the lives“ erleichterte Zugang
       zu den Akten zeige auch einen Effekt.
       
       Während Rohrmann erst ein Loch in das Pflaster des Bürgersteigs gräbt und
       dann die Steine platziert, lesen Schüler:innen vor, was sie über die
       Familie herausgefunden haben.
       
       ## Ankunft um 10.48 Uhr in Auschwitz
       
       Dass Peter am 3. Februar 1943 um 17.20 Uhr vom Güterbahnhof Moabit mit dem
       „28. Osttransport“ zusammen mit 952 weiteren Menschen deportiert wurde.
       Dass der Zug einen Tag später um 10.48 Uhr Auschwitz erreichte. Dass nach
       der Selektion 181 Männer und 106 Frauen im Lager registriert wurden – für
       dort zu leistende Zwangsarbeit. Dass die übrigen 713 unmittelbar danach in
       den Gaskammern ermordet wurden. Dass Peter zu diesen gehört hat. Dass er 15
       Jahre alt wurde.
       
       Dass auch seine Großmutter Hedwig 1943 erst nach Theresienstadt und später
       nach Auschwitz deportiert wurde und dort ermordet wurde.
       
       Dass seine Mutter Alice nach dem Krieg in London beim Roten Kreuz eine
       Suchanfrage nach dem Verbleib ihres Sohnes stellte. Dass sie bis zu ihrem
       Tod 1976, exakt 33 Jahre nach Peters Deportation keine offizielle
       Bestätigung über sein Schicksal bekam.
       
       Die Schüler:innen belassen es aber nicht bei der Erinnerung an Peters
       Geschichte. Sie lesen auch aus Briefen, die sie selbst an ihn geschrieben
       haben. „Die sind ganz zu Beginn der Arbeit entstanden“, erklärt Ole
       Schmidt. „Wir wollten so einen Bezug zur Gegenwart herstellen.“
       
       „Es ist schwer die richtigen Worte zu finden“, heißt es etwa in einem der
       Briefe. „Ich möchte sicherstellen, dass deine Geschichte nicht vergessen
       wird.“ Und in einem anderen wird an die rechtsextreme Partei erinnert, die
       immer stärker wird. Es mache Angst, dass durch sie versucht werde, die
       Erinnerungskultur zurückzudrängen.
       
       ## Ein Graffito am Schulgebäude
       
       In einer weiteren Projektwoche in diesem Frühjahr entwickelten die
       Schüler:innen zudem Ideen für Interventionen im Stadtraum. Das
       Transparent am Schulzaun ist eine davon. An einer Ecke des Gebäudes findet
       sich nun zudem ein Graffito. „Peter, wo bist du? Ich lebe. Deine Mama
       Alice“, hat ein Schüler dort hingeschrieben. Er wurde inspiriert von
       ähnlichen Kreideaufschriften an den Häuserruinen im Nachkriegsberlin, mit
       denen Menschen nach Verwandten suchten.
       
       Bei der Stolpersteinverlegung wurde zudem eine lebensgroße Figur
       aufgestellt, die ein Schattenriss des jungen Peter sein könnte. Und mit
       Kreide tauchen auf dem Bürgersteig Fußabdrücke mit seinem Namen auf.
       
       „Wir wollten zeigen, dass wir uns heute auf den gleichen Wegen bewegen“,
       erklärt der 16-jährige Eugen, der sehr intensiv bei der Projektarbeit
       mitgemacht hat. Denn das habe ihn am meisten bewegt, dass Peter „ein
       Jugendlicher wie ich war. Dass er an dem Ort gewohnt, gelebt hat, wo ich
       zur Schule gehe“.
       
       Eugen hat auch noch einen zweiten Stolperstein für Peter gemacht – aus
       Holz. Damit er nicht nur am Wohnort seiner Familie, sondern auch an der
       Schule präsent ist. Bei der gemeinsamen Fahrt der Schüler:innen vom
       U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz bis zum Märkischen Museum, trägt Eugen
       seinen Stolperstein einmal durch die ganze U-Bahn. Es ist die Strecke, die
       auch Peter gefahren sein wird, von der Wohnung seiner Mutter zum Haus
       seines Großonkels.
       
       17 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.schulstiftung-ekbo.de/zeitzeuge-andrej-iwanowitsch-moiseenko-zu-besuch-in-der-evangelischen-schule-berlin-zentrum/
 (DIR) [2] /Mein-Vormieter-Max-Anschel/!t6043676
 (DIR) [3] https://mappingthelives.org/?language=de&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_loaded=1776415259760
 (DIR) [4] https://schulstiftung-ekbo.taskcards.app/#/board/27343234-dc0e-435a-9f68-a37dbc5d1cb2/view?token=122303ec-b412-4ef9-afb7-0110cb8dad00
 (DIR) [5] /Stolpersteinerfinder-Demnig-ueber-Kunst-und-Gedenken/!5016675
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gereon Asmuth
       
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       In der Nazizeit lebte die Familie Anschel in der Elisabethkirchstraße in
       Berlin-Mitte, im Haus, in dem heute unser Autor wohnt. Eine Spurensuche,
       die nahe geht.