# taz.de -- DIE STOLPERSTEINE SOLLEN AN DIE OPFER DER NAZIS ERINNERN. ES GIBT EINIGES AN DIESER ART DER ERINNERUNG ZU KRITISIEREN, ABER DENNOCH FUNKTIONIERT SIE: Das Problem mit dem Symbolischen
In Göttingen gibt es Uneinigkeit wegen der Stolpersteine des Künstlers
Gunter Demnig. Die Steine sollen jetzt endlich auch hier an die
größtenteils jüdischen Opfer der Nazis erinnern. Etwa 50.000 Steine
verlegte Gunter Demnig in den vergangenen Jahren in Deutschland und anderen
europäischen Städten. Mittlerweile handelt es sich um ein riesiges,
länderübergreifendes Denkmal. Dass Kritik an diesem Projekt ausgerechnet
auch von jüdischer Seite kommt, finde ich nicht erstaunlich.
Wer, wenn nicht die Juden, sollte sich hier nicht besonders betroffen
fühlen? Immerhin arbeitet ein deutscher Nichtjude mit jüdischer Geschichte
und verdient damit sogar sein Geld. Ob er damit reich geworden ist, weiß
ich nicht und ich finde es auch irrelevant. Aber das ist schon eine Sache,
die zum Beispiel der Sprecher der jüdischen Gemeinde in Hamburg, Daniel
Killy, kritisierte. Immerhin stimme ich ihm in dem Punkt zu, dass das
Erinnern nicht monopolisiert werden sollte.
Vielleicht ein entscheidender Punkt, der auch all die anderen Kritikpunkte
streift. So gibt es etwa „Nachahmer“ der Stolpersteine, die von Demnig des
Plagiats beschuldigt werden. Aber darf er er beschuldigen? Dazu müsste man
entscheiden, ob er die Steine als Künstler verlegt oder als jemand, der
verhindern möchte, dass die Toten vergessen werden.
Denn dem Künstler steht so ein Plagiatsvorwurf zu. Dem Botschafter gegen
das Vergessen vielleicht nicht, dem sollte jedes „Plagiat“ wider das
Vergessen recht, dem sollte jeder „Plagiator“ ein Freund im Geiste sein.
Eva Tichauer Moritz von der konservativen Jüdischen Kultusgemeinde in
Göttingen, eine der größten Kritikerin der Stolpersteine, ist, wie die
ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, vor
allem deshalb gegen die Stolpersteine, weil ihrer Meinung nach hier
symbolisch auf den ermordeten Menschen, weil hier sogar auf dem Namen
Gottes, der in vielen jüdischen Namen enthalten ist, herumgetrampelt würde.
Einige Kommentatoren äußerten sich in der Regionalpresse dahingehend, dass
Hundescheiße auf den Steinen liegen würde, das bliebe natürlich nicht aus.
Und das ist das Problem mit dem Symbolischen. Dass das auch seine Grenzen
hat. Und die Schwäche insbesondere des Stolpersteines ist die, dass wir da
drüberlatschen und gar nicht unbedingt drüber stolpern.
Dieses Stolpern ist aber auch symbolisch gemeint, sagt Demnig. Wir sollen
gedanklich stolpern. Funktioniert das? Ich würde sagen, ja. Ich bin gegen
Plattheit und gegen Wiederholung, aber in diesem Falle würde ich sagen,
trotz aller berechtigter Kritik, irgendwie funktioniert es tatsächlich.
Das liegt an den Daten und an dem Namen und wenn man zum Beispiel selbst in
dem Haus wohnt, wo mal einer gewohnt hat, der ermordet wurde, dann fühlt
man sich verbunden. Wenn mal einer durch die eigene Tür gegangen ist, dann
ist er ein historischer Nachbar. Andererseits würde vielleicht eine andere
Form von Erinnerung auch funktionieren. Eine Gedenkplatte am Haus, ein
Aufsteller davor, auf den niemand rauftreten könnte.
Aber die Einheitlichkeit des Projektes, und ich denke, wenn es überhaupt
etwas zur Kunst macht, dann die Konsequenz und die Größe, die
Kompromisslosigkeit auch in der Form, ist vielleicht doch entscheidend. Ob
aber Herr Demnig wirklich so weit gehen muss, auf den Steinen auch
Nazi-Bezeichnungen, wie „Gewohnheitsverbrecher“, einzutragen?
In Göttingen ist man jetzt den Weg gegangen, die Angehörigen, sofern sie
vorhanden sind, um ihre Erlaubnis zu bitten, und nur mit ausdrücklicher
Erteilung Steine zu verlegen, was ich richtig und eine Voraussetzung dafür
finde. Deutsche Nichtjuden können nicht gut über Juden, auch nicht nach
deren Tod und deren Erinnerung betreffend, Entscheidungen treffen.
Katrin Seddig ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg, ihr jüngstes Buch,
„Eheroman“, erschien 2012 bei Rowohlt. Ihr Interesse gilt dem Fremden im
Eigenen.
4 Feb 2015
## AUTOREN
(DIR) KATRIN SEDDIG
## ARTIKEL ZUM THEMA