# taz.de -- Gedenken an NS-Opfer in Sachsen: Eine Kultur des Vergessens
       
       > Der Stadtrat Heidenau hat Stolpersteine für Opfer der Nazis aus der Stadt
       > verbannt. Die Rechten setzen zu ihrem lange geforderten Schlussstrich an.
       
 (IMG) Bild: Bereits seit den 1990er Jahren und in vielen europäischen Ländern gibt es Stolpersteine als Erinnerungsform
       
       Wenn es um deutsche Geschichte geht, werden Rechtsextremist:innen oft
       nostalgisch. Dabei denken sie an einen ziemlich großen Teil nicht so gerne.
       Und vor allem wollen sie nicht öffentlich daran erinnern: an das Grauen der
       nationalsozialistischen Diktatur. Sie sprechen abwertend von „Schuldkult“,
       von einem [1][„Vogelschiss der Geschichte“].
       
       [2][Der Stadtratsbeschluss in Heidenau, den Opfern der NS-Diktatur auf dem
       Friedhof zu gedenken und keine Stolpersteine mehr für sie zu genehmigen],
       vermeidet zwar geschichtsrevisionistische Sprache. Aber er betreibt eine
       ähnliche Verschiebung hin zu einer Kultur des Vergessens. Die Erinnerung an
       konkrete Opfer soll aus dem Alltag der Stadt verschwinden.
       
       Denn meist werden die Stolpersteine, kleine Messingtafeln, im Boden vor den
       letzten Wohnorten der Opfer verlegt, um an sie zu erinnern. Sie erinnern
       alle heute Lebenden daran, wen die Nazis verfolgten: Menschen aus der
       Nachbarschaft. Jüd:innen, Sinti:zze und Rom:nja, politische Verfolgte,
       Homosexuelle, trans Menschen, behinderte Menschen. Auf den Stolpersteinen
       stehen ihre Namen. Sie sind im Alltag sichtbar. Die Erinnerung begegnet
       einem, ob man will oder nicht.
       
       Im von AfD- und CDU-Mitgliedern unterstützten Antrag im Stadtrat von
       Heidenau hieß es, die Stolpersteine seien kein würdevolles Gedenken, weil
       Passant:innen gedankenlos über die Namen der Opfer steigen würden. Das
       störe Angehörige und Gedenkinitiativen, schoben die
       Antragsteller:innen eine mitfühlende Perspektive vor. Doch als dann
       Vertreter:innen der Jüdischen Gemeinden in Sachsen, der Vereinigung der
       Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten
       (VVN-BdA) und des Internationalen Auschwitz-Komitees den Antrag
       kritisierten, übergingen sie das. Die Mehrheit der Stadträt:innen in
       Heidenau entschied trotzdem, das Gedenken auf den Friedhof zu verbannen.
       
       Wie wenig es ihnen dabei um die Opfer des Nationalsozialismus geht, zeigt
       der zweite Teil des Antrags. Auf dem Friedhof soll eine Gedenkfläche
       entstehen, die generell Opfern von „Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung
       und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ gewidmet ist. Als
       würde man aus Terroranschlägen die gleichen Lehren ziehen wie aus dem
       Holocaust.
       
       Es hätte übrigens auch Alternativen gegeben. In München, wo zum Beispiel
       die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch die in den Boden eingelassenen
       Stolpersteine kritisierte, bringt das Projekt „Erinnerungszeichen“ ähnliche
       Tafeln an Stelen oder Häuserfassaden an. Auch auf ihnen stehen die Namen
       von Opfern des Nationalsozialismus, ebenfalls meist am letzten Wohnort,
       mitten im Alltag, allerdings auf Augenhöhe.
       
       [3][Entsprechend verwehrt sich Knobloch auch dagegen, zur Rechtfertigung
       der Entscheidung herangezogen zu werden], und bezeichnete den Antrag in
       Heidenau als „durchsichtiges Manöver der Extremisten“.
       
       Klar ist: Grundlegend geht der Beschluss gegen die Stolpersteine auf
       AfD-Mitglieder zurück. Ihnen geht es in erster Linie darum, einen
       Schlussstrich unter die Erinnerungskultur zu setzen. Damit sollen wohl auch
       die Parallelen zwischen ihrer Ideologie und der der Nazis von damals
       verblassen. Umso erschreckender, dass CDU-Mitglieder den Antrag ganz offen
       unterstützten.
       
       26 Sep 2026
       
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