# taz.de -- AfD plant Regierungsübernahme: Die „Volksverräter“ von der CDU sollen die Steigbügel halten
       
       > Die AfD sucht händeringend nach Überläufern aus der Union.
       > Lockerungsübungen gibt es plötzlich auch gegenüber dem BSW.
       
 (IMG) Bild: Hätte gerne einen Dienstwagen: Ulrich Siegmund mit Ehefrau Julia bei der Stimmabgabe in Tangermünde am Wahltag
       
       In jeder anderen Partei hätte er wohl längst wegen Vetternwirtschaft
       zurücktreten müssen, in der AfD Sachsen-Anhalt darf der Parlamentarische
       Geschäftsführer [1][Tobias Rausch] breitbeinig im MDR sitzen und bei der
       Sendung „Fakt ist!“ sagen, was sein Fahrplan für eine AfD-Regierung ist:
       „Es gibt die Variante, dass der ein oder andere Abgeordnete sich uns
       anschließt und eine neue Gruppe [im Landtag] gründet.“
       
       Rausch gibt damit, wie auch Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am Tag nach der
       Wahl, offen zu, was die extrem rechte Partei davor noch abgestritten hat –
       nämlich, dass die AfD versucht, abtrünnige CDU-Abgeordnete auf ihre Seite
       zu ziehen. Diese Überläufer sollen eine Gruppe gründen und Steigbügelhalter
       für die erste rechtsextreme Landesregierung nach 1945 werden, so der Plan
       der AfD.
       
       Zur absoluten Mehrheit fehlen der AfD drei Abgeordnete. Auch bei der
       Enthaltung des BSW im dritten Wahlgang wäre ein AfD-Ministerpräsident nicht
       so leicht mit einfacher Mehrheit gewählt, weil CDU, Grüne, SPD und Linke
       gemeinsam 39 Sitze haben und damit genauso viele Stimmen haben wie die AfD
       – rechnerisch eine Patt-Situation, für alle Seiten extrem fragil.
       
       ## Bruch parlamentarischer Konventionen
       
       Am Montagabend wird deutlich, dass eine AfD-Koalition mit CDU-Überläufern
       die bevorzugte Variante der Rechtsextremen ist. Nicht umsonst sprach
       Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wohl auch davon, dass er „jedem Akteur im
       Landtag von Sachsen-Anhalt“ die Hand reichen wolle. Gemeint sind damit
       offenkundig nicht nur Fraktionen, sondern eben auch Abgeordnete, die man
       dann bei Sondierungsgesprächen [2][gegeneinander ausspielen könnte]. Dass
       das politisch nicht sonderlich sauber und ein Bruch parlamentarischer
       Konventionen ist, stört in der AfD offensichtlich niemanden.
       
       Schon gar nicht stört es Rausch, bei dem jetzt viele Fäden im Landesverband
       zusammenlaufen. Bisher ist er überregional vor allem dafür bekannt, dass er
       in seinem Büro sogar Spieler seines Fußballvereines als Mitarbeiter
       eingestellt hatte – der Vorwurf von Scheinbeschäftigung steht weiter im
       Raum, aufgeklärt hat die AfD ihn nie. Rauschs drei Geschwister arbeiten
       zudem bei einer Parteifreundin und AfD-Abgeordneten im Bundestag. Deren
       Tochter ist wiederum für die AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt tätig – so wie
       auch Rauschs Partnerin, für einen Lohn von rund 6.000 Euro. So war es
       Anfang des Jahres in vielen Zeitungen zu lesen. Mit einer möglichen
       AfD-Regierung winken noch ganz andere Posten.
       
       In der MDR-Runde sitzt außer der AfD und einem Politikwissenschaftler nur
       noch das mögliche Zünglein an der Waage: das Bündnis Sarah Wagenknecht. Die
       CDU hatte nach ihrem 17-Prozent-Debakel die MDR-Runde abgesagt. Der noch
       amtierende Ministerpräsident Sven Schulze erhielt unterdessen am Dienstag
       zumindest etwas Rückenwind aus den eigenen Reihen – in der konstituierenden
       Sitzung der neuen Landtagsfraktion erhielt er am Dienstag 8 Stimmen der
       insgesamt 15 Abgeordneten
       
       ## „Die CDU ist ein Partner, natürlich“
       
       Man merkt Rausch an, dass er die AfD-Regierung unbedingt will. Er schließt
       auch eine Minderheitsregierung unter Tolerierung von CDU oder BSW nicht
       aus. „Die CDU ist durchaus ein Partner für uns natürlich“, sagt Rausch –
       auch wenn es bekanntermaßen das erklärte Ziel der AfD ist, die Union zu
       atomisieren und langfristig ihren Platz im Parteiengefüge einzunehmen.
       
       Aber Rausch macht auch Lockerungsübungen gegenüber dem BSW und wird sogar
       konkret: „Dann würden wir sagen, uns ist innere Sicherheit und die
       Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages wichtig – wenn sie dafür die
       Schulsozialarbeit behalten wollen, machen wir den Deal.“ Die linientreue
       BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig antwortete: „Da kriegen wir doch einen
       wunderbaren Haushalt zusammen, ohne in eine Koalition gehen zu müssen.“ Der
       AfD-Mann antwortet: Darüber könne man nachdenken, wenn man vorher ein
       Papier verabschiede, das ein Gremium zur Vorabsprache beinhalte. Putin
       gefällt das sicherlich.
       
       ## Flirt mit dem BSW
       
       Der Flirt mit dem Unsicherheitsfaktor BSW zeigt aber auch: Siegmund hat
       seinen Wählern den völkischen Himmel auf Erden versprochen – der Druck zu
       liefern ist entsprechend hoch. Blöd nur: Nach taz-Informationen sind ein
       paar der potenziellen und eingeplanten CDU-Überläufer zur AfD gar nicht
       erst in den Landtag eingezogen. So ist es von verschiedenen Seiten aus der
       extrem rechten Partei zu hören. Nun schielt man offenbar auf ältere und
       standfeste CDU-Abgeordnete, die vielleicht in ihrer letzten Legislatur sind
       und sich mit Posten ködern lassen würden.
       
       Druck gibt es aber auch aus der Parteispitze: Der wichtige Parteistratege
       und Strippenzieher Sebastian Münzenmaier sagte der taz am Dienstag:
       „Natürlich haben wir bei einem solchen Ergebnis einen ganz klaren
       Regierungsauftrag. Aber wir dürfen nicht die Inhalte über Bord werfen.“ Die
       beste Option sei nun, mindestens drei Leute aus CDU oder BSW abzuwerben,
       aber auch die geheime Unterstützung bei der Ministerpräsidentenwahl könnte
       der AfD helfen, ist Münzenmaier überzeugt. Und sollte das alles nicht
       klappen, blieben noch Neuwahlen. Er rechne damit, dass die AfD dann die
       absolute Mehrheit hole. Überhaupt sieht Münzenmaier jetzt die Union unter
       Druck: „Wenn die unser Gespräch ablehnen, wird der noch höher. Ich glaube
       nicht, dass die CDU diesen Zerreißprozess aushält.“
       
       ## Jahrelange frontale Angriffe auf die CDU
       
       Eine der größten Fragen ist dabei im Moment: Wer in der CDU will die eigene
       Partei verraten und für den klar rechtsextremen AfD-Landesverband die
       Steigbügel halten? Und das wohlgemerkt, obwohl die AfD und ihr Milieu
       jahrelang CDU-Politiker persönlich und frontal angreifen.
       
       AfD-Politiker sprachen auf Pegida-Demos, wo die CDU-Bundeskanzlerin Angela
       Merkel symbolisch an den Galgen gehängt wurde. Es war ein
       AfD-Wahlkampfhelfer, der den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke
       erschossen hat. Ulrich Siegmund und Tino Chrupalla widersprachen nicht, als
       der „Kabarettist“ Uwe Steimle kürzlich das lachende AfD-Publikum fragte:
       „Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal: Wo ist eigentlich
       Stauffenberg, wenn man ihn mal braucht?“ Und höhnisch lachende
       AfD-Fraktionen sind auch in fast allen Parlamenten Deutschlands die Regel,
       wenn AfD-Abgeordnete Christdemokratien als „Flachzangen“, „Volksverräter“
       und sogar „Ratten“ beschimpfen.
       
       Klar scheint der unbedingte Wille der AfD dazu, einen Ministerpräsidenten
       zu stellen: Und tatsächlich könnte Siegmund als gewählter Regierungschef
       bereits sein Kabinett ernennen und vereidigen lassen und zur Not auch ohne
       Gesetzgebungsmehrheit mit Verordnungen für Krawall sorgen. Er könnte, wie
       schon lange geplant, missliebigen Vereinen die Fördermittel streichen,
       Regenbogenflaggen abhängen, Lehrpläne ändern, Geflüchtete einkasernieren –
       und was nicht klappt, würde er halt auf die Opposition, die
       Bundesregierung, die EU und andere Sündenböcke schieben.
       
       Zumindest drei der CDU-„Volksverräter“ muss die AfD jetzt überzeugen, um
       einen Ministerpräsidenten zu stellen. Denn wie sagte es der AfD-Abgeordnete
       Felix Zietmann kürzlich im Landtag von Sachsen-Anhalt: „Wir müssen nur
       einmal gewinnen! Sie müssen immer gewinnen!“
       
       8 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vetternwirtschaft-bei-der-AfD/!6150992
 (DIR) [2] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wahl-sachsen-anhalt-2026-wie-steht-siegmund-zum-parlamentarischen-regieren-201202400.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Sachsen-Anhalt
 (DIR) GNS
 (DIR) Friedrich Merz
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Podcast „Bundestalk“
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kanzler attackiert AfD: Merz kritisiert „Remigration“ als „ethnische Säuberung“
       
       Im Bundestag wirft der Kanzler der AfD nach dem Wahlerfolg in
       Sachsen-Anhalt vor, der deutschen Wirtschaft zu schaden und an der Seite
       Russlands zu stehen.
       
 (DIR) AfD liebäugelt mit Neuwahlen: Die Uhr in Sachsen-Anhalt tickt noch nicht
       
       Die AfD hat die absolute Mehrheit verfehlt und niemand will mit ihr
       koalieren. Sie könnte auf Neuwahlen setzen. Bis dahin könnte es aber
       dauern.
       
 (DIR) Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der Linkenfresser aus dem Bundestag
       
       Sepp Müller ist Co-Chef der Unionsfraktion im Bundestag. Jetzt will er
       neuer CDU-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt werden.
       
 (DIR) Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Rechtsextremen haben gewonnen – und jetzt?
       
       Eine blaue Welle hat Sachsen-Anhalt überrollt, die Demokraten sind ratlos.
       Was bedeutet das für die Demokratie, und wie weiter mit der Brandmauer?