# taz.de -- Vergesellschaftung: „Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen“
       
       > Nicht nur Wohnraum vergesellschaften, sondern auch Stromnetze und
       > Stahlindustrie: Das schlägt Ökonom Tom Krebs vor. Aber wer soll das
       > durchsetzen?
       
 (IMG) Bild: Protest des Deutschen Gewerkschaftsbunds gegen die geplanten Sozialreformen der Bundesregierung am 26. September 2026 in Berlin
       
       taz: Herr Krebs, seit ein paar Tagen gibt es einen neuen Tankrabatt in
       Deutschland. Benzin und Diesel sind wieder günstiger. Hilft das gegen die
       anhaltende Wirtschaftskrise? 
       
       Tom Krebs: Nein. Diese Bundesregierung ist unfähig, eine überzeugende
       Krisenpolitik zu machen. Ihr fehlt einfach ein vernünftiges Konzept.
       
       taz: Was ist falsch am Tankrabatt? 
       
       Krebs: Er kommt zu spät und ist auch nicht richtig. Die Energiekonzerne
       zocken gerade die Verbraucher*innen ab und machen dadurch wahnsinnige
       Gewinne. Da muss der Staat viel stärker in den Markt eingreifen und die
       Preise kontrollieren. Doch die Union und weite Teile der SPD leiden an
       einer naiven Marktgläubigkeit. Das macht sie unfähig, bestimmte Sachen
       infrage zu stellen und eine effektive Krisenpolitik mit einer umfassenden
       Energiepreisbremse zu betreiben.
       
       taz: Sie haben Olaf Scholz beraten, als er Finanzminister war. Hat er als
       Kanzler mit seiner Ampel eine bessere Krisenpolitik gemacht? 
       
       Krebs: Auch die Ampel hat wirtschaftspolitische Fehler gemacht, aber
       rückblickend war sie viel besser als die schwarz-rote Koalition von
       Friedrich Merz. Der Ampel-Koalitionsvertrag war gut, Olaf Scholz sehr
       pragmatisch, und Robert Habeck hatte gute Ideen für eine strategische
       Industriepolitik.
       
       taz: Aber dann gab es noch FDP-Chef Christian Lindner als Finanzminister. 
       
       Krebs: Ja, der hat während der Energiekrise immer mehr die Ampelpolitik
       beeinflusst. Deswegen musste Olaf Scholz auch einsehen, dass
       Neoliberalismus und Sozialdemokratie nicht miteinander vereinbar sind, und
       Christian Lindner entlassen.
       
       taz: Seit dem Wahlsieg der Linken in Berlin diskutiert die halbe
       Bundesrepublik über die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne. Sie
       sagen, das reiche nicht aus. Neben Wohnraum wollen Sie auch die Stromnetze
       und Teile der Stahlindustrie vergesellschaften. Warum? 
       
       Krebs: Nur so können wir die Dreifachkrise, in der das Land steckt,
       überwinden und die Demokratie retten.
       
       taz: Dreifachkrise? 
       
       Krebs: Wir erleben zurzeit die schwerste Wirtschaftskrise der
       Nachkriegsgeschichte. Seit 2020 ist die Wirtschaftsleistung kaum gewachsen.
       Wäre das Wachstum stattdessen so ausgefallen wie die Jahre zuvor, wäre das
       Bruttoinlandsprodukt heute um 11 Prozent höher. Das entspricht einem
       Einkommensverlust für einen durchschnittlichen Haushalt von 12.000 Euro im
       Jahr. Gleichzeitig verunsichern die steigenden Energiepreise und der
       Jobabbau in der Industrie die Menschen. Und über all dem schwebt auch noch
       die Klimakrise. Das alles ist Wahlkampfmunition für die AfD.
       
       taz: Friedrich Merz ist erst seit 2025 Kanzler. Dann liegt die Schuld an
       der Misere aber doch auch an der Ampel. 
       
       Krebs: Die Ampel war mit der Energiekrise letztlich überfordert. Sie hat zu
       lange für eine Antwort auf die steigenden Gaspreise gebraucht. Anfangs
       wollte sie sogar die Verbraucher*innen mit einer Gasumlage zusätzlich
       belasten. Davon hat die AfD massiv profitiert. Später kam Robert Habecks
       Heizungsgesetz hinzu. In seinem zu Recht kritisierten ersten Entwurf hat er
       zu wenig auf Förderungen und Mieterschutz gesetzt. Beides führte dazu, dass
       sich die Zustimmungswerte für die AfD während der Ampelkoalition von 10 auf
       20 Prozent verdoppelten.
       
       taz: Vergesellschaftungen, wie Sie es fordern, klingen für viele Menschen
       nach Sozialismus. Inwiefern dachten Sie an Karl Marx, als Sie Ihr kürzlich
       erschienenes Buch „Kapital und Krise“ schrieben? 
       
       Krebs: Marx hat auf einer abstrakten Ebene sehr gut die strukturellen
       Widersprüche und Krisentendenzen des Kapitalismus analysiert. Demnach
       reicht es bei den strukturellen Problemen, die die Wirtschaft derzeit hat,
       nicht aus, einfach mit staatlichen Geldern die Nachfrage zu stimulieren.
       Wenn die gesamte Wirtschaft privatisiert ist, dann ist das nur eine
       Umverteilung von unten nach oben. Aber ich will auch keinen Sozialismus.
       Stattdessen spreche ich mich für eine geplante Marktwirtschaft aus.
       
       taz: Bundeskanzler Merz will, dass wir alle länger arbeiten. Die
       Industrielobby auch. All das soll das Lohnniveau senken und Deutschland aus
       der Krise führen. Das klingt auch sehr nach Karl Marx, dessen Hauptthese
       die Mehrwerttheorie war, derzufolge alle Profite durch die Ausbeutung der
       Arbeitskraft geschaffen werden. Haben Merz und Co. heimlich einen
       „Kapital*-Lektürekurs besucht? 
       
       Krebs: Würde Marx heute leben, könnte er sehr gut das Verhalten der
       Unternehmensverbände erklären. Er hat den entfesselten Kapitalismus sehr
       gut beschrieben. Es ist im Interesse der Unternehmen, dass ihre
       Angestellten möglichst lange für möglichst wenig Geld arbeiten. Nur ist ein
       Wirtschaftsmodell, das auf der Ausbeutung billiger Arbeit beruht,
       langfristig nicht stabil.
       
       taz: Und die Verstaatlichung ganzer Wirtschaftszweige macht das System
       stabiler? 
       
       Krebs: Soll eine Wirtschaft stabil und widerstandsfähig sein, müssen
       elementare Güter von gemeinnützigen Unternehmen bereitgestellt werden. Denn
       private Unternehmen haben letztlich immer einen Zweck: Sie sollen ihren
       Eigentümern eine möglichst hohe Rendite erwirtschaften. Und das kann den
       Bedürfnissen der Gesellschaft widersprechen, wie wir an der Wohnungskrise
       sehen. Eine Mietpreisbremse oder ein Deckel wird nicht reichen, um in
       Städten wie Berlin wieder genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dafür
       sind mehr öffentliche Wohnungsunternehmen nötig.
       
       taz: Aber was spricht für die Vergesellschaftung der Stromnetze? 
       
       Krebs: Das sind die hohen Netzentgelte. Man kann niedrige Strompreise und
       ein privatisiertes Stromnetz nicht gleichzeitig haben. Wir haben die
       höchsten Strompreise in der EU, und in den vergangenen Jahren lagen die
       Entgelte hierzulande rund 35 Prozent über dem EU-Durchschnitt.
       
       taz: Warum machen private Netzbetreiber den Strompreis teurer? 
       
       Krebs: Netzbetreiber sind regulierte Monopolisten, die den Preis trotz
       Regulierung letztlich bestimmen können. Zudem haben sie Eigentümer wie das
       Finanzunternehmen BlackRock, die zweistellige Renditeraten für ihr
       eingesetztes Kapital fordern. Diese zahlen wir alle mit unseren
       Stromrechnungen. Und in Zukunft werden diese noch höher sein. Weil unsere
       Stromnetze überwiegend in privater Hand sind, entstehen bei dem geplanten
       Netzausbau Mehrkosten in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro.
       
       taz: Nicht nur private Unternehmen können schlechten Service zu hohen
       Preisen liefern. Die Deutsche Bahn befindet sich zu 100 Prozent in
       öffentlicher Hand. 
       
       Krebs: Die Probleme der Deutschen Bahn fingen an, als man sie privatisieren
       wollte. Damals wurde sie kaputt gespart. Die Folgen spüren wir noch heute.
       Dass es anders gehen kann, zeigt die Schweiz. Dort ist die Bahn ebenfalls
       in öffentlicher Hand. Doch hat die Schweiz in ihr Bahnsystem investiert.
       
       taz: Sie schreiben, neben den Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge
       gehöre auch die Stahlindustrie in die öffentliche Hand. Warum? 
       
       Krebs: Die Stahlindustrie befindet sich derzeit in einer massiven Krise,
       weil sie unter globalen Überkapazitäten leidet und die grüne Transformation
       ansteht. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sie in Deutschland erhalten
       bleibt. Denn Stahl ist ein wichtiger Grundstoff für viele andere
       Industriezweige. Zudem gibt es in der Stahlindustrie bereits positive
       Beispiele: In Salzgitter, wo das Land Niedersachsen beteiligt ist, und im
       Saarland, wo die Stahlwerke in der Hand einer Stiftung sind, läuft die
       Transformation deutlich besser als anderswo.
       
       taz: Gegen die Vergesellschaftungspläne der Linken formieren sich massive
       Widerstände. Ihre Pläne gehen noch darüber hinaus. Glauben Sie, dass sie
       eine realistische Chance auf Umsetzung haben? 
       
       Krebs: Zugegebenerweise mit dieser Bundesregierung nicht. Auch habe ich
       wenig Hoffnung in die Parteien auf Bundesebene. Vor allem nicht in Grüne
       und SPD.
       
       taz: Auf wen setzen Sie dann? 
       
       Krebs: Die Gewerkschaften.
       
       taz: Warum? 
       
       Krebs: Letztlich geht es um die Sicherung guter Arbeitsplätze,
       Lebensumstände und der Demokratie. Dafür stand die Gewerkschaftsbewegung
       schon immer ein. Sie forderte deswegen immer schon mehr öffentliche
       Unternehmen.
       
       taz: Da scheinen Konflikte mit der Wirtschaftslobby schon vorprogrammiert. 
       
       Krebs: Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen und wieder kämpferischer
       werden. Die Sozialpartnerschaft, wie es sie seit Jahrzehnten gab, wird
       sowieso gerade von großen Konzernen wie Volkswagen, ThyssenKrupp und BASF
       aufgekündigt.
       
       taz: Mit Yasemin Fahimi steht eine Frau an der Spitze des DGB, die einst
       SPD-Generalsekretärin war. Sind die Gewerkschaften für solche radikalen
       Forderungen nicht zu sehr verbandelt mit den Sozialdemokraten? 
       
       Krebs: Der DGB muss wieder politischer werden und von der Defensive in die
       Offensive kommen. Dass er wie am 26. September mobil gegen die geplanten
       Sozialeinschnitte macht, zeigt aber, dass er auch gegen eine Regierung mit
       SPD-Beteiligung auf die Straße gehen kann.
       
       2 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simon Poelchau
       
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