# taz.de -- Debatte in Berlin: Wer enteignet wen?
       
       > Ständig wird für alles Mögliche enteignet – für Kohle, für Straßen. Woher
       > dann die Aufregung, wenn in Berlin Häuser vergesellschaftet werden
       > könnten?
       
 (IMG) Bild: Der VW-Käfer weckt Kindheitserinnerungen
       
       Neulich stand ich mit dem Fahrrad an der Ampel und wartete auf Grün, als
       ein VW-Käfer direkt neben mir zum Stehen kam. Er war in diesem
       60er-Jahre-Grauton gehalten und blitzte in der Sonne wie frisch lackiert.
       Kindheitserinnerungen. Laut Wikipedia war der Käfer mal das meistverkaufte
       Auto der Welt. Meine Eltern konnten ihn sich leisten. Er war günstig.
       
       VW wurde in der Nazizeit gegründet. Hitler wollte einen bezahlbaren Wagen
       für das deutsche Volk. Zwangsarbeiter [1][bauten dann allerdings
       stattdessen Rüstungsgüter]. Erst nach dem Krieg kam der Käfer aus der
       Fabrik. Billige Autos für alle zu bauen war immer noch das Ziel. Später
       wurde VW irgendwann teilprivatisiert.
       
       Szenenwechsel. Wir befinden uns im Jahr 2026. In Berlin ist die Partei Die
       Linke stärkste Kraft geworden. Sie verspricht, wofür eine
       Mieter*inneninitiative namens „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ seit
       Jahren kämpft und wofür ein [2][Volksentscheid die Mehrheit erzielt hat]:
       die Vergesellschaftung von rund 240.000 Wohnungen, bislang Eigentum von
       börsennotierten Immobilienkonzernen.
       
       Schon in meiner [3][ersten Kolumne] hatte ich das Thema am Wickel. Aber
       weil das Geschrei derzeit groß ist und das Wahlergebnis die Welt
       erschüttert (vor allem Bayern – sie wollen Berlin jetzt den Geldhahn
       abdrehen), muss es noch mal sein.
       
       ## Gängige verfassungsrechtliche Maßnahme
       
       Seit sich abzeichnet, dass eine mögliche linke Regierung diesen
       Volksentscheid umsetzen könnte, sind noch vehementer als vorher die
       „heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen
       Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz gerufen“, um es
       mit Marx zu sagen. Abgesehen von den Warnungen vor zusammenbrechenden
       Häusern, Gulag, dem Niedergang Deutschlands und Trumps Rache lautet das
       wesentliche Argument: Enteignung, ja schon alleine das darüber sprechen,
       würde private Investoren abschrecken, weltweit. Niemand würde mehr ein Haus
       errichten. Berlin in Ruinen.
       
       Enteignung, Enteignung, Enteignung – so tönt es jetzt entsetzt aus allen
       konservativen und neoliberalen Lautsprechern. Dabei ist Enteignung eine
       gängige verfassungsrechtlich gedeckte Maßnahme. Ständig wird enteignet,
       auch die CDU steht dafür, zu Gunsten des Baus von Autobahnen oder des
       Abbaus von Kohle. Noch der letzte Journalist dürfte mittlerweile allerdings
       begriffen haben, dass es bei dem Berliner Vorhaben nicht um Enteignung
       ([4][Artikel 14 GG]) geht, sondern um Vergesellschaftung ([5][Artikel 15
       GG]): die Umwandlung von einem profitorientierten Verwendungszweck eines
       Gutes, seien es Produktionsmittel oder Grund und Boden, hin zu einem
       gemeinnützigen Umgang.
       
       ## Auto wichtiger als Wohnen?
       
       Zurück zum Käfer. Der Bundesverband der Deutschen Industrie, Vertreter der
       Kapitalinteressen, fand schon Anfang der 1950er Jahre staatliches
       Unternehmertum störend. Man diskutierte damals darüber, VW zu
       privatisieren. Die SPD war dagegen, der damalige wirtschaftspolitische
       Sprecher der Bundestagsfraktion sagte, „die Lieferung eines billigen
       Volkswagens auch an Bezieher von kleinen Einkommen sollte die Aufgabe der
       öffentlichen Hand“ sein. Der Bundesverband sah das anders. Staatliches
       Unternehmertum käme einer Enteignung gleich, hieß es.
       
       Bis heute ist VW dem Staat übrigens wichtig genug, um ein Mitspracherecht
       zu behalten, das Land [6][Niedersachsen hat Sperrminorität]. Beim Wohnen,
       ein im Vergleich zum – sorry – Kleinwagen ungleich wichtigeres
       Grundbedürfnis, sieht das anders aus. Ohne Bedenken wird hier ein
       lebensnotwendiges Bedürfnis dem Profitinteresse unterworfen.
       
       Indem die Konzerne die Mieten immer weiter erhöhen – Profit kennt keine
       Grenze –, senken sie nicht nur das verfügbare Einkommen der Mieter, sie
       nehmen ihnen und ihren Kindern auch wichtige [7][Lebenschancen und
       Entfaltungsmöglichkeiten]. Da stellt sich die Frage: Wer enteignet hier
       wen?
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verkauf-des-VW-Werkes-Osnabrueck/!6210855
 (DIR) [2] https://download.statistik-berlin-brandenburg.de/eb55b8b784d62692/df8fedf66eb0/SB_B07-04-02_2021u00_BE.pdf
 (DIR) [3] /Hitze-Klima-Wohnen/!6193864
 (DIR) [4] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_14.html
 (DIR) [5] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_15.html
 (DIR) [6] /Machtkampf-bei-Volkswagen-Aufstand-gegen-den-Vorstandschef/!6206737
 (DIR) [7] /Buch-ueber-Ungleichheit/!6214042
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine Nuss
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Klassenfahrt
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 (DIR) Vergesellschaftung
 (DIR) Die Linke
       
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