# taz.de -- Buch über Ungleichheit: „Arme Menschen sind ständig damit beschäftigt, zu überleben“
       
       > Auf Social Media erklärt Soziologin Ramona Wuttig, was es heißt, arm auf
       > dem Land in Ostdeutschland aufzuwachsen. Jetzt hat sie ein Buch darüber
       > geschrieben.
       
 (IMG) Bild: Die meisten sind der Grundsicherung näher als der Milliarde, Szenerie aus den 2000ern in Sachsen-Anhalt
       
       taz: Sie schreiben autobiografisch und wissenschaftlich über Armut – warum? 
       
       Ramona Wuttig: Armut ist kein trauriges Einzelschicksal, es ist etwas, das
       Millionen Menschen betrifft. Geradezu gebetsmühlenartig werden dazu zwar
       Zahlen in den Medien wiederholt – zum Beispiel, dass sich ein Fünftel der
       Bevölkerung keine Woche Urlaub leisten kann oder dass die Kinderarmut
       ansteigt. Aber daraus erwächst keine Empörung. [1][Stattdessen wollen wir
       das Märchen von der Meritokratie glauben:] Jede:r sei seines eigenen
       Glückes Schmied.
       
       taz: Braucht es die emotionale Ansprache, um zu verstehen? 
       
       Wuttig: Ich habe zwischendurch versucht, Videos und Posts nur von Fakten
       und Zahlen zu veröffentlichen. Das wurde kaum geklickt. Also poste ich ein
       Foto von mir in unserem verdreckten Wohnzimmer und sage: „Ich bin ich. Ich
       bin zwölf Jahre alt und meine Zähne waren schwarz.“ Die Menschen reagieren,
       weil sie sehen: Es geht um [2][dieses eine Mädchen da].
       
       taz: Warum sorgt Armut in Deutschland nicht für mehr Empörung? 
       
       Wuttig: Ich glaube, zwei Dinge sind sehr vielen Leuten nicht bewusst:
       Erstens, dass die meisten von uns der Grundsicherung näher sind als der
       Milliarde. Und gegen eine Milliarde ist ja selbst eine Million gar kein
       Geld. Zweitens: Armut ist mehr als wenig Geld haben. Das komplette Leben
       ist davon betroffen: Teilhabe, Bildung, Nahrung und sogar der Tod.
       
       taz: Armut betrifft auch den Tod? 
       
       Wuttig: Ein Viertel aller Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe
       erlebt ihre Rente nicht. [3][Dazu gibt es seit Jahrzehnten Studien und
       trotzdem ist es kaum Thema]. Und wenn doch, wird der Grund meist dem
       Individuum zugeschoben: „Na ja, guck dir den doch mal an, der säuft ja
       auch, der raucht und tut nichts für sich. Dann hat er halt einen
       Herzinfarkt und stirbt mit 58.“
       
       taz: Wie erklären Sie sich die Apathie der Politik diesbezüglich? 
       
       Wuttig: Es gibt zwei Möglichkeiten: Die eine ist, die Politik weiß nichts
       vom Ausmaß der Armut, aber davon kann ich nicht ausgehen. Die andere ist:
       Man weiß es und man berechnet es ein. Das Rentensystem funktioniert ja
       jetzt schon nicht mehr. Wenn zusätzlich auch noch alle Geringverdienenden
       80 oder 90 Jahre alt würden, wäre das aktuelle System längst am Ende. Das
       heißt auch: Je höher man das Rentenalter ansetzt, desto weniger,
       insbesondere arme Menschen, erleben es.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch vom Stress, den das Armsein verursacht. 
       
       Wuttig: Man verbringt ganz viel Zeit damit, über die nahe Zukunft
       nachzudenken: Wie kommt man bis zum Ende des Monats – und das bitte nicht
       nur mit Toastbrot? Man fragt sich nicht: Wann ist mein Haus abbezahlt?
       Oder: Werde ich in meiner Rente schön reisen können? Das geht mir noch
       heute so, obwohl ich finanziell aufgestiegen bin: Was mache ich mit 40?
       Keine Ahnung! Ich guck mal, was morgen ist. Dann kommt ein neuer Monat und
       – oh Gott, jetzt ist Weihnachten!
       
       taz: „Oh Gott!“, weil Geschenke gekauft werden müssen? 
       
       Wuttig: In meiner Familie war das Gefühlezeigen schwierig. Zum einen, weil
       arme Menschen ständig damit beschäftigt sind, zu überleben statt zu leben.
       In meinem Fall kommt dazu, dass ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin.
       Sie gehörten zur Nachkriegsgeneration und sind mit einer harten Hand
       erzogen worden. Meinen Opa habe ich auf dem Sterbebett zum ersten Mal
       umarmt. Ein „Ich hab’ dich lieb!“, das existierte nicht. Aber dafür
       existierte ein: „Ich trage alte Schürzen, die auseinanderfallen, damit ich
       dir eine Gitarre zu Weihnachten schenken kann.“
       
       taz: Sie sind mit 16 Jahren allein nach Erfurt gezogen, um dort das
       Gymnasium zu besuchen – wie war diese Zeit für Sie? 
       
       Wuttig: Einerseits war es mein absolutes Glück, räumlich so früh aus dieser
       prekären Situation herauszukommen. Das lag an meiner Beharrlichkeit, aber
       auch an einzelnen Menschen, die mir viel ermöglicht haben. Zum Beispiel als
       Minderjährige eine eigene Wohnung zu mieten. Gleichzeitig hat mein Umzug
       dazu geführt, dass ich erst mal total zusammengebrochen bin. Erst mit dem
       Studium ging es langsam bergauf.
       
       taz: Was war Ihnen beim Schreiben des Buches besonders wichtig? 
       
       Wuttig: Ich wollte ein Buch für jede Bevölkerungsgruppe schreiben. Das
       heißt: kein akademisches Gerede und möglichst keine Fachwörter. Darauf
       haben meine Lektorin und ich sehr geachtet. Ich will verstanden werden.
       
       taz: Eine Szene aus dem Buch ist mir besonders in Erinnerung: Sie ziehen
       als Teenie lärmend mit Ihren Freundinnen durch die Innenstadt, werfen
       Pommes durch die Gegend und nerven die Passant:innen. Ein Moment des
       Widerstands! 
       
       Wuttig: Die Stelle spricht etwas an, das mir generell wichtig ist: Menschen
       dürfen von meinem Buch genervt sein. Wichtig ist mir, dass armutsbetroffene
       Menschen sich gesehen fühlen. Dass sie sich trauen, über ihre Erfahrungen
       zu sprechen und sich nicht für ihre Situation schämen oder denken, sie
       müssten sich klein machen.
       
       taz: Sind arme Menschen im Osten doppelt marginalisiert? Über das
       Einkommensgefälle zwischen Ost und West wird nicht viel gesprochen 
       
       Wuttig: Außer, wenn wir über die AfD reden. Dann heißt es: „Guck mal, wie
       blau der Osten ist! Das sind alles Nazis, die sind alle doof.“ Das kann man
       zwar mittlerweile nicht mehr so gut sagen, weil jetzt auch der Westen
       nachzieht. Aber es gab eine Zeit, da waren die Kommentarspalten unter
       Zeitungsartikeln voll von Vorschlägen wie: „Machen wir doch einfach wieder
       eine Mauer um den Osten. Dann haben wir das Naziproblem gelöst.“
       
       taz: Wie könnte eine Annäherung aussehen? 
       
       Wuttig: Der Osten – [4][und damit meine ich die Menschen des Ostens] – muss
       stattfinden. Und zwar überall: In den Medien, in der Politik, in der
       Wirtschaft, in der Verwaltung. [5][Dort, wo Entscheidungen getroffen
       werden, müssen Gesichter zu sehen sein], mit denen man sich identifizieren
       kann, mit denen man diskutieren kann, von denen man lernen kann. Ich
       vergleiche das gerne mit dem Gender-Pay-Gap. [6][Der Ost-West-Gap ist
       ähnlich hoch wie der unbereinigte Gender-Pay-Gap]. Die Nichtvorhandenheit
       von Ostdeutschen in Justiz, Politik, Unternehmerschaft ist zahlenmäßig
       ähnlich wie die von Frauen.
       
       Taz: Sind Sie für eine Ossiquote? 
       
       Wuttig: Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Denn was ist überhaupt ein
       Ossi? Muss ich im Gebiet der ehemaligen DDR geboren sein oder kann ich
       zugezogen sein? Wie viele Jahre muss ich im Osten aufgewachsen sein, falls
       ich später weggezogen bin? Worum es mir geht, ist, das Thema Ost-West noch
       mehr mitzudenken, ähnlich wie das in Bezug auf Geschlecht, Sexualität oder
       Migrationshintergrund bereits der Fall ist.
       
       taz: Wie denken Sie über die aktuellen politischen Entwicklungen? 
       
       Wuttig: Eine miese Nachricht jagt ja gerade die nächste: Der Sozialstaat
       wird abgebaut, am Achtstundentag wird gesägt und an
       Arbeitnehmer:innenrechten allgemein … Die drohende Verschärfung der
       Engpässe und Wartezeiten in der psychotherapeutischen Versorgung durch das
       GKV-Spargesetz finde ich besonders schlimm. Menschen sterben, weil sie
       keinen guten Zugang zu mentaler Gesundheitsversorgung haben. Ich habe erst
       mit Anfang 30 eine ADHS-Diagnose bekommen, weil überall die Wartelisten
       geschlossen waren. Wenn ich schwere Depressionen gehabt hätte, wäre das
       deutlich lebensbedrohlicher gewesen.
       
       taz: Was kann man tun? 
       
       Wuttig: Streiken. Streik ist das Mittel des Arbeitnehmers und der
       Arbeitnehmerinnen, Druck gegen den ja sonst so viel mächtigeren Arbeitgeber
       aufzubauen – und damit auch auf die Politik. Die Gewerkschaftsbindung ist
       im Osten übrigens viel niedriger als im Westen, ähnlich wie die
       Parteienbindung. Das, neben anderen Ursachen, führt auch zu niedrigeren
       Löhnen, zu weniger Tarifbindung, zu schlechteren Arbeitsbedingungen. Hier
       gäbe es viele Chancen, strukturell etwas zu verbessern.
       
       taz: Was kann man als Einzelne tun, um weniger klassistisch und
       ostdiskriminierend zu sein? 
       
       Wuttig: Klassismus ist nach meiner Beobachtung gerade bei hochgebildeten
       Menschen häufig vertreten. Sie denken, es reicht zu glauben, dass alle
       Menschen gleich sind. Wenn sie sich jedoch nicht explizit mit dem Thema
       Armut beschäftigen, kann es passieren, dass sie sich für links halten,
       während sie arme und ostdeutsche Menschen als dumm diskreditieren. Wenn
       sich privilegierte Menschen nicht sehr anstrengen, etwas über Ungleichheit
       zu lernen, haben sie oft einfach keinen Blick dafür. Das geht mir selbst in
       anderen Bereichen ja nicht anders: Ich muss mich aktiv mit Rassismus
       auseinandersetzen, um zu verstehen, was das für die Betroffenen bedeutet
       und wann ich mich selbst rassistisch verhalte.
       
       taz: Wie ließe sich das Verhältnis zwischen Ost und West verbessern? 
       
       Wuttig: Ein Fünftel der Menschen aus Westdeutschland war noch nie im Osten.
       Vielleicht kann man sie auch mal dahin locken, um sich vertrauter zu
       werden. Wir sind ja ein Land – da kann man auch mal aus Schweinfurt nach
       Erfurt kommen.
       
       22 Sep 2026
       
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