# taz.de -- Armut und Hitze: „Hitze hat Folgen für die soziale Teilhabe“
       
       > Armutsbetroffene benötigen mehr Plätze zum Abkühlen, Schatten und
       > Trinkmöglichkeiten, sagt Hanna Lichtenberger von der Hilfsorganisation
       > Volkshilfe.
       
 (IMG) Bild: An der Neuen Donau in Wien während der Hitzewelle im Juni 2026: Die Stadt bietet viele kostenfreie Badeplätze
       
       taz: Frau Lichtenberger, in der [1][öffentlichen Diskussion über Hitze]
       stehen oft vulnerable Gruppen wie Senioren und Kinder im Fokus. Was ist für
       die persönliche Hitzebelastung ausschlaggebender – ob sie zu diesen Gruppen
       gehören oder ihre ökonomische Situation? 
       
       Hanna Lichtenberger: Ich würde Hitzebelastung immer als Zusammenspiel von
       unterschiedlichen Belastungsfaktoren sehen und nicht einen Faktor gegen
       einen anderen ausspielen. Aber die ökonomische Situation hat sehr starke
       Auswirkungen darauf, wie gut jemand mit der Belastung umgehen kann. Wenn
       ich zum Beispiel chronisch krank bin und es in meiner Wohnung zu heiß wird,
       kann ich über einen Umzug nachdenken, wenn ich das Geld habe. Man darf die
       finanziellen Möglichkeiten der Menschen auf jeden Fall nicht aus den Augen
       verlieren.
       
       taz: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Armut und Hitze? 
       
       Lichtenberger: Armutsgefährdete Personen wohnen häufiger in Hitzeinseln.
       Bei einem [2][Forschungsprojekt der Volkshilfe und dem Institut Gesundheit
       Österreich] haben wir die Daten unserer unterstützten Familien mit der
       Hitzekarte Österreichs zusammengelegt. Man sieht, dass es eine extreme
       Konzentration der Adressen unserer Klientinnen und Klienten in den
       heißesten Straßenzügen gibt. Das sind oft stark befahrene Straßen, Straßen,
       die weniger begrünt sind, oder Straßen in dicht bebauten Vierteln. Aber es
       kommt auch auf die Art der Wohnung an. Dadurch, dass armutsgefährdete
       Personen viel häufiger Mieterinnen und Mieter sind, stehen ihnen die
       rechtlichen Möglichkeiten für viele Hitzeschutzmaßnahmen, wie Jalousien
       anzubringen, gar nicht zur Verfügung.
       
       taz: Welche Rolle spielt es, wie viel Geld jemand zur freien Verfügung hat? 
       
       Lichtenberger: Die finanziellen Mittel spielen natürlich auch eine große
       Rolle. Nicht jeder kann eine Klimaanlage kaufen. Viele haben wegen der
       Stromkosten starke Vorbehalte bei einem Ventilator. Die Möglichkeit, sich
       anzupassen, ist einfach eingeschränkt.
       
       taz: Was folgt dann daraus? 
       
       Lichtenberger: Im gesundheitlichen Bereich berichten Eltern, dass ihre
       Kinder [3][bei Hitze schlecht schlafen], häufiger weinen und unruhiger und
       aggressiver sind als sonst. Zudem hat die Hitze Folgen für die soziale
       Teilhabe: Für die Betroffenen ist es schwierig, Räume aufzusuchen, die vor
       Hitze schützen, Schwimmbäder zum Beispiel. Das heißt, sie sind, wenn es um
       die soziale Teilhabe geht, sehr stark darauf angewiesen, wie der
       öffentliche Raum und die soziale Infrastruktur gestaltet sind.
       
       taz: Macht Hitze soziale Ungleichheit nur sichtbar oder verstärkt sie diese
       auch? 
       
       Lichtenberger: Hitze verstärkt die geringere Möglichkeit der sozialen
       Teilhabe. Wenn meine Wohnung superheiß ist, lade ich wahrscheinlich
       niemanden zum Spielen ein. Wenn alle anderen ins Schwimmbad gehen, kann ich
       es mir vielleicht nicht leisten, daran teilzuhaben. Die Hitze kann sich
       außerdem auf die Bildungschancen auswirken. Es kann zu Hause so heiß sein,
       dass man sich nicht konzentrieren und dann vielleicht die Hausaufgaben
       nicht erfolgreich machen kann. Das kann sich langfristig negativ auf das
       Leben auswirken.
       
       taz: Welche Veränderungen sind nötig, um armutsgefährdete Menschen besser
       zu schützen?
       
       Lichtenberger: Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt oft in den politischen
       Debatten ein Bild von passiven Armutsbetroffenen. Aber sie sind sehr aktiv.
       Sie sind extrem damit beschäftigt, die negativen Effekte der Hitze von
       ihren Kindern abzuwenden. Eltern geben ihren Kindern zum Beispiel den
       kühlsten Raum zum Spielen, bauen behelfsmäßige Vorrichtungen zum Kühlen
       oder sparen oft ganz stark bei den eigenen Bedürfnissen, um dann doch den
       Schwimmbadausflug zu ermöglichen.
       
       taz: Welche Forderungen haben Betroffene? 
       
       Lichtenberger: Bei einer Gruppendiskussion zum Umgang mit Hitze hat eine
       alleinerziehende Mutter mal einen eindrücklichen Satz gesagt: Sie brauche
       nicht die 35. Beratung dazu, dass sie in der Nacht lüften und am Tag die
       Fenster zumachen sollte – das wisse sie schon. Das, was sie brauche, sei
       mehr Geld, um ihre Wohnung zu verändern. Nicht sie macht etwas falsch,
       sondern ihre Wohnung ist einfach untragbar. Und diesen Zustand kann sie nur
       dann verändern, wenn die Politik Rahmenbedingungen schafft, die das möglich
       machen.
       
       taz: Was wären das für Rahmenbedingungen? 
       
       Lichtenberger: Wir haben die Betroffenen gefragt, was sie brauchen. 44
       Prozent der Befragten im erwähnten Forschungsprojekt sagen, sie wünschen
       sich mehr Plätze zum Abkühlen, mehr Schatten und Trinkmöglichkeiten und
       konsumfreie, geschlossene Räume, die auch im Sommer zur Verfügung stehen.
       Es gibt sogenannte Cooling Center, das sind einfach gekühlte Räume, in
       denen es Wasser gibt. Was für Familien häufig attraktiver ist, sind so
       etwas wie Indoorspielplätze, die gekühlt sind, oder Büchereien, in denen es
       auch die Möglichkeit gibt, sich zu bewegen. Das klingt vielleicht für viele
       deutsche und österreichische Ohren absurd, aber in Skandinavien ist es
       total normal, dass Kinder in der Bibliothek laufen und spielen.
       
       taz: Welche Möglichkeiten gibt es noch? 
       
       Man könnte außerdem Wasserspielplätze zugänglicher machen. Das muss nicht
       immer der High-End-Wasserspielplatz sein, die Feuerwehr kann auch einfach
       mal eine Stunde lang Wasser sprühen. Die Bedürfnisse von Kindern
       mitzudenken, kann schon helfen und muss nicht immer unbedingt wahnsinnig
       viel kosten. Gleichzeitig glaube ich, dass die Investitionen in die soziale
       Infrastruktur Mittel brauchen.
       
       taz: Welche systematischen Veränderungen bräuchte es, um solche
       Veränderungen umzusetzen und eine klimagerechte Gesellschaft zu gestalten?
       
       Lichtenberger: Die reichsten zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung
       verursachen viermal so viele Treibhausgase wie die ärmsten zehn Prozent. Um
       die strukturellen Veränderungen, für die wir uns als Volkshilfe einsetzen,
       um Spielräume für Klima und soziale Infrastruktur zu schaffen, wären zum
       Beispiel eine Vermögensteuer oder eine Erbschaftsteuer sinnvoll. Im Kontext
       der Hitze können wir uns zudem fragen: Wenn eine Wohnung über mehrere Tage
       hinweg über 38 Grad hat, ist da nicht eine Verantwortung des Vermieters und
       der Vermieterin da, sich darum zu kümmern, dass diese Wohnung kühler wird?
       Ist es legitim, den gleichen Profit aus der Wohnung zu schlagen, egal
       welche Temperatur sie hat?
       
       taz: Wie müsste ein Stadtviertel aussehen, damit Sie sagen: Hier habe ich
       das Gefühl, dass an alle Menschen und an Klimaanpassung gedacht wird? 
       
       Lichtenberger: Das wäre ein Stadtviertel, in dem sehr viel leistbarer
       Wohnraum zur Verfügung steht – Wohnraum, in dem es nicht schimmelt, nicht
       zu heiß wird und Menschen aller Altersgruppen unterkommen. Es gibt Parks,
       in denen Menschen Ruhe und Erholung suchen können, und beschattete
       öffentliche Räume, in denen Kinder Platz für Spiel und Spaß haben.
       Autoverkehr spielt keine große Rolle. Mit dem Rad oder zu Fuß kann man
       einfach viele Wege erledigen. Und es braucht viel Raum zum Verweilen, im
       Winter genauso wie im Sommer.
       
       taz: Gibt es Städte, die für Sie ein Positivbeispiel darstellen? 
       
       Lichtenberger: Die Stadt Wien hat sehr viele Ressourcen aus der
       Vergangenheit, die heute auch bei Hitze tragen. Das sind zum Beispiel die
       Familienbäder und die Parkflächen. Es gibt sehr viele günstige oder
       kostenfreie Badeplätze in Wien. Für Menschen, die hier wohnen und einen
       kostenfreien Badeplatz suchen, ist es möglich, mit den öffentlichen
       Verkehrsmitteln dorthin zu kommen. Die Donauinsel ist das Schlagwort. Das
       sind Dinge, die im Roten Wien geschaffen worden sind. Es gibt Probleme in
       Wien und es gibt Luft nach oben. Aber es gibt auch viel Gutes, gerade mit
       dieser sozialen Infrastruktur, auf die Wien zurückgreifen kann.
       
       30 Aug 2026
       
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