# taz.de -- Die AfD und die Landtagswahlen: Stellt euch vor, wir leben in einem Land
       
       > Keine Vision, sondern real: Deutschland ist ein Land mit den
       > unterschiedlichsten Menschen. Ein Sozialstaat, der Kritik zulässt und
       > Grundrechte wahrt.
       
 (IMG) Bild: Alles ist möglich, zum Beispiel nackt durch Berlin radeln, um für CO2-freien Verkehr, Umweltschutz und Körpervielfalt zu demonstrieren
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem Millionen Menschen
       zusammenleben, die sich in vielem unterscheiden. Sie sprechen
       unterschiedliche Sprachen, glauben an unterschiedliche Götter oder an gar
       keinen, essen Schweinebraten, Falafel oder vegan, leben allein, zu zweit,
       in Familien oder Wohngemeinschaften. Sie streiten darüber, was gerecht ist,
       wie viel Steuern richtig sind, wie sie heizen und fahren, wie sie lieben
       und sterben wollen.
       
       Weil sich diese Unterschiede nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen
       lassen, müssen sie sich immer wieder einigen: in Familien und Betrieben,
       auf Marktplätzen, in Parlamenten und Gerichtssälen. Mal gelingt das gut,
       mal schlecht. Meistens kommt etwas dabei heraus, das niemand ganz wollte,
       mit dem aber möglichst viele leben können.
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem diese Verschiedenheit
       nicht als Betriebsunfall gilt. In dem Menschen ihre Vorstellungen davon,
       was richtig ist, nicht einfach durchsetzen können – auch nicht, wenn sie in
       der Mehrheit sind. In dem jeder Mensch eine Würde und Rechte besitzt, die
       gerade dann etwas wert sind, wenn andere nicht mögen, wie jemand lebt,
       glaubt, liebt, denkt oder spricht.
       
       Menschen dürfen ihre Regierung kritisieren, sich mit anderen zusammentun
       und vor unabhängigen Gerichten gegen den Staat klagen. Mehrheiten können
       entscheiden, aber sie dürfen nicht alles. Und Minderheiten bleiben
       geschützt, gerade wenn die Mehrheit sie nicht mag.
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem reichen Land, in dem nicht alle gleich
       viel und manche sogar erschreckend wenig haben, aber doch so reich, dass
       Menschen länger und gesünder leben als Generationen vor ihnen und Zugang zu
       Medizin, Bildung und sozialer Sicherung haben. Ein Land, das diesen
       Wohlstand gemeinsam erwirtschaftet hat – und in dem deshalb darüber
       gestritten wird, wie er verteilt wird. Nicht weil unser Wohlstand eine
       Illusion wäre. Sondern gerade weil er real ist.
       
       ## Die Mittel zur Veränderung sind vorhanden
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem Menschen verschieden sein
       dürfen. Muslimisch, christlich, jüdisch oder atheistisch. Hetero oder
       queer. Cis oder trans. Tradwife oder Feministin. Mit oder ohne Familie, mit
       zwei Pässen, mehreren Sprachen und Zugehörigkeiten, die nicht an einer
       Staatsgrenze enden müssen. Progressiv oder konservativ. Fußballfan,
       Gamerin, Kleingärtner oder Opernbesucherin. Niemand muss all das gut
       finden.
       
       Anerkennung bedeutet nicht, alle Lebensentwürfe selbst übernehmen zu
       müssen, sondern anderen den gleichen Raum zuzugestehen, den man für sich
       selbst beansprucht – solange die eigene Freiheit nicht auf Kosten der
       gleichen Freiheit und Würde anderer geht.
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem trotzdem vieles nicht gut
       läuft. In dem darum gerungen wird, wie Rente, [1][Pflege] und Sozialstaat
       gesichert und die Kosten des Klimawandels verteilt werden. In dem Armut
       fortbesteht und Menschen schlechtere Chancen haben. In dem sich andere mit
       ihren traditionellen Lebensentwürfen gering geschätzt fühlen. Und in dem
       Menschen angesichts rasanter Veränderungen ihr Land manchmal nicht mehr
       erkennen, wie sie es einst kannten und mochten.
       
       Stellt euch aber auch vor, wir leben in einem Land, in dem die Mittel zur
       Veränderung längst vorhanden sind. Wahlen und Parlamente. Gerichte und
       Grundrechte. Steuern und Sozialversicherungen. Tarifverhandlungen und
       Streiks. Parteien und Vereine. Bürgerräte und Bürgerinitiativen. Freie
       Medien und Wissenschaft. Demonstrationen und ziviler Ungehorsam.
       [2][Streit, Kritik, Kompromiss] und Reform. Nichts davon garantiert gute
       Ergebnisse. Aber all das macht schlechte Ergebnisse kritisierbar,
       Entscheidungen korrigierbar und Verhältnisse veränderbar.
       
       ## Ungerecht, widersprüchlich und unfertig
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, durch das kein großer Ruck gehen
       muss. Schon gar keiner, der erst alles einreißt, damit etwas Neues
       entstehen kann. Ein Land, in dem es vielmehr ständig ruckelt. Weil Menschen
       sich und anderen täglich einen Ruck geben: Kinder unterrichten, Angehörige
       pflegen, eine Firma gründen, [3][Geflüchteten Deutsch beibringen], einen
       Fußballverein trainieren, gegen eine Entscheidung protestieren oder sich
       nach einem erbitterten Streit doch noch auf einen Kompromiss einigen.
       
       Stellt euch vor, wir leben in einem Land, das sich von der Behauptung nicht
       bange machen lässt, hier stehe auf der einen Seite eine abgehobene Elite
       und auf der anderen „das Volk“. Natürlich gibt es Macht und Privilegien und
       werden manche Stimmen lauter gehört als andere. Aber politische Gegner sind
       keine Feinde – in einem Land, das seine eigene Vorstellung eines guten
       Zusammenlebens nicht nur daraus gewinnt, wogegen es ist.
       
       Das nicht neidisch auf die Wucht autoritärer Parolen blickt und glaubt, nur
       Hass könne Menschen emotional bewegen. Freiheit bewegt. Gerechtigkeit
       bewegt. Verschiedenheit macht Freude. Solidarität begeistert. Und die
       Erfahrung, trotz fundamentaler Unterschiede gemeinsam etwas hinzubekommen,
       erzeugt Stolz.
       
       Stellt euch vor: Wir leben in diesem Land! Nicht weil hier alles so wäre,
       wie es sein sollte. Vieles läuft gut, vieles schlecht, manches
       unerträglich. Menschen werden diskriminiert, Chancen sind ungerecht
       verteilt, Institutionen versagen. Und keine freiheitliche Gesellschaft hat
       eine Garantie auf ihren Fortbestand, sondern muss sich schützen und
       verteidigen.
       
       Aber wir leben in einem Land, in dem Entscheidungen korrigierbar bleiben
       müssen, wir hart miteinander streiten und zugleich verhältnismäßig
       miteinander umgehen können. Und in dem alle dazugehören – bei allen
       Unterschieden. Gerade deshalb schützt die freiheitlich-demokratische
       Grundordnung die gleiche Freiheit und Würde aller und darf sich gegen
       diejenigen verteidigen, die sie beseitigen wollen.
       
       Die Gemeinschaft, die wir werden wollen, entsteht längst in der
       Gemeinschaft, die wir sind: unfertig, widersprüchlich, ungerecht und immer
       wieder veränderbar. Entscheidend ist, dass wir das Gemeinsame im
       gemeinsamen Handeln immer neu herstellen. Das ist keine alternative Vision
       von einem anderen Land. Das war, ist und bleibt unser Land im Werden.
       
       17 Sep 2026
       
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