# taz.de -- Gipfel gegen soziale Ungleichheit: „Billiger kann ich gar nicht leben“
       
       > Auf dem Armutsgipfel kommen Betroffene und Verbände zusammen. Viele
       > Probleme seien für Menschen aus der Mittelschicht gar nicht
       > nachvollziehbar, heißt es.
       
 (IMG) Bild: Vielen fehlt schlicht das Geld für gesunde Ernährung oder echte soziale Teilhabe
       
       Es sind keine zehn Gebote, sondern zehn Zitate, die in der
       Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg an diesem Donnerstag vor dem Altar
       aufgestellt sind. Auf einem steht: „Behördenbriefe kann ich nur noch mit
       Beruhigungsmittel schreiben.“ Auf einem anderen: „Billiger kann ich gar
       nicht leben.“
       
       Es sind zehn Aussagen von Menschen, die darüber berichten, wie Armsein in
       ihren Alltag hineinwirkt. Es geht um die Sorge, seinen Kindern nichts mehr
       bieten zu können, ums Sparen, um mediale Stigmatisierung, die Schikane von
       Ämtern oder auch die Angst, kleine Fehler zu begehen – zum Beispiel sich
       versehentlich auszuschließen und dann einen Schlüsseldienst bezahlen zu
       müssen.
       
       Ein paar Dutzend Menschen lesen sich die Zitate durch. Sie sollen bei den
       Aussagen stehen bleiben, die sie berühren. Die Aktivität ist Teil eines
       Panels mit dem Titel: „Wenn Privates politisch ist: Alltagserleben von
       Armut.“ Organisiert wird die Diskussion vom Paritätischen Gesamtverband,
       der Diakonie und der Nationalen Armutskonferenz im Rahmen eines „Gipfels
       gegen soziale Ungleichheit“, der an zwei Tagen in Berlin stattfindet.
       
       ## Handlungsfähigkeit bewahren
       
       Eine Frau bleibt vor einem Plakat stehen, auf dem die Frage gestellt wird:
       „Warum lebe ich überhaupt?“ Das habe sie berührt, weil sie selbst „von
       Anfang an kein leichtes Leben“ gehabt habe, sagt sie. Sie wolle aber
       kämpfen. „Ich habe keine Lust mehr auf diese Ohnmacht, auf diese
       Schuldzuweisungen von der Gesellschaft.“ Sie könne jetzt mit über 50
       endlich sagen: „Es ist strukturelle Gewalt.“
       
       Nach und nach entspinnt sich eine Diskussion über Armut. Eine der
       Teilnehmerinnen der Diskussion, Monika Göring sagt, sie kenne Armut aus
       eigener Erfahrung. Es sei schwer, Menschen aus der Mittelschicht ihre
       Situation zu vermitteln, erzählt sie. Sie werde oft gefragt, wo sie Urlaub
       machen wolle – dabei könne sie sich das gar nicht leisten.
       
       Viele der Teilnehmer*innen teilen ihre individuellen Erfahrungen. Ein
       Mann erzählt, dass er derzeit gar keine Sozialleistungen bekomme, weil er
       kein Konto hat. Er gehe Flaschen sammeln. Ein anderer Mann bemängelt, dass
       die Perspektiven von Menschen in extremer Armut, also etwa Obdachlosen,
       unterrepräsentiert seien. Gefordert wird auch, sich eingängiger mit der
       Berechnung von Regelsätzen in der Grundsicherung zu beschäftigen –
       [1][diese werden systematisch kleingerechnet.]
       
       Zu Gast ist unter anderem auch Kai Marquardsen, der sich als Professor an
       der Hochschule für angewandte Wissenschaften mit Armut und sozialer
       Ungleichheit befasst. Aus seiner Forschung wisse er, dass Betroffene sehr
       unterschiedliche Umgänge mit Armut finden. Manche [2][würden kämpfen],
       andere fliehen [3][oder erstarren]. Es sei wichtig, die Handlungsfähigkeit
       zu bewahren oder wiederherzustellen.
       
       Doch genau das ist schwierig, wenn die Politik die Bedürfnisse von armen
       Menschen immer weniger berücksichtigt. Die geplante [4][Kürzung des
       Wohngeldes], die Verschärfungen in der Grundsicherung, das [5][neue
       Pflegegesetz] – all diese Kürzungsreformen werden die Lage verschlechtern.
       
       Achim Meyer auf der Heyde, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes,
       betonte bereits am Mittwoch, dass es wichtig ist, armutsbetroffene Menschen
       stärker einzubeziehen. Oft werde Betroffenen unterstellt, „sie seien selbst
       schuld an ihrer prekären Lage“. Stattdessen brauche es eine „Politik der
       effektiven Armutsbekämpfung: mehr Förderung, mehr soziale und berufliche
       Integration und eine bessere soziale Sicherung“.
       
       Der Armutsgipfel in Berlin war ein Begegnungsraum. In verschiedenen Panels
       und Vorträgen konnten sich arme Menschen mit Menschen aus Politik,
       Wissenschaft und Verbänden austauschen und vernetzen. Laut Veranstaltern
       sind in den zwei Tagen knapp 400 Menschen zusammengekommen.
       
       1 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jasmin Kalarickal
       
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