# taz.de -- Gedanken einer alleinerziehenden Mutter: Warum ich als SPD-Mitglied zum ersten Mal die Linken wählte
       
       > Unsere Autorin muss gut rechnen, um über die Runden zu kommen. Da wären
       > 18 Euro mehr pro Monat nicht schlecht. Deshalb hofft sie auf eine links
       > geführte Regierung.
       
 (IMG) Bild: Das Sozialticket kostet derzeit 27 Euro und könnte billiger sein, wen die Politik es wollte
       
       Sozialdemokratie wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Mein Großvater
       war SPD, Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde, und mein Urgroßvater war
       Mitglied der [1][USPD].
       
       Die damalige SPD scheint mit der heutigen vom Werteverständnis her nicht
       mehr viel zu tun zu haben. Dabei stand die Berliner SPD doch eher für einen
       sozialen und linken Kurs.
       
       Als alleinerziehende Mutter, die mal mit Grundsicherung, mal mit Bürgergeld
       und je nach Einkommen und Miete mit Wohngeld und Kinderzuschlag aufstocken
       muss, bin ich auf eine soziale Politik angewiesen. Seitdem ich Kinder habe,
       beziehe ich unterschiedliche soziale Transferleistungen.
       
       „Die versteht uns vielleicht“, diesen Satz, sagte der Besitzer unserer
       Stammbäckerei, selber mit türkischen Wurzeln. „Die will wieder das
       Sozialticket reduzieren“, denke ich und rechne mir gleich aus, was uns als
       Familien 18 Euro mehr im Monat bringen würde.
       
       ## Wie ein Schlag ins Gesicht
       
       Da ich mittlerweile seit über 10 Jahren auf soziale Transferleistungen
       angewiesen bin, weiß ich, dass das Sozialticket früher einmal 27 Euro
       gekostet hat. Durch die Coronapandemie wurde es dann, auch dank der SPD,
       auf 9 Euro reduziert. Doch unter Schwarz-Rot und dem Sparkurs wieder auf 27
       Euro erhöht.
       
       Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht, weil es sich für mich so
       anfühlt, als ob genau bei denjenigen gespart wird, die es am nötigsten
       haben. Ich komme aus einer alten Arbeiterfamilie. Nach dem Abitur hatte ich
       kein Geld für einen Führerschein. Meine Mutter gab mir 50 DM für ein
       Abikleid, was schon damals zu wenig war.
       
       Ich habe bis heute keinen Führerschein. Ich weiß, es mag für viele zynisch
       klingen, aber ich habe ja bis heute nicht das Privileg, mich über
       Parkgebühren und Benzinpreise herumzuärgern. Ich muss gucken, wie ich
       günstig noch an halbgute gebrauchte Winterschuhe in Größe 30 komme. Ich
       muss meinem Kind erklären, warum Turnverein und Fußballverein parallel
       finanziell nicht drin sind, während für andere Kinder Klavier und Bouldern
       und Spaßbad am Wochenende kein Problem sind.
       
       Mit einer linken Bürgermeisterin hätten wir schon einmal 18 Euro mehr, und
       da ich Mieterin bei Vonovia bin, erhoffe ich mir auch hier Unterstützung.
       Sorry, SPD, aber das war bei euch leider nicht mit drin.
       
       Sonntagabend, kurz vor 17 Uhr, parke ich das jüngere Kind bei der
       Nachbarin, schwinge mich aufs Fahrrad und radle zu einem Bio-Brotladen im
       Kiez, der auch sonntags aufhat. Dort bekomme ich umsonst zwei große Leiber
       Vollkornbrot, die sonst pro Stück fast 6 Euro kosten. Zur Mittagszeit bei
       der Berliner Tafel anzustehen, ist bei mir als Aufstockerin nicht möglich
       und so lege ich die Scham beiseite und frage im lokalen Einzelhandel nach,
       um etwas Entlastung zu erfahren.
       
       ## Sofortzuschlag für arme Kinder wird gestrichen
       
       Dank der Bundesregierung, und daran ist auch die SPD beteiligt, fehlen nun
       nochmal 50 Euro – der [2][Sofortzuschlag für arme Kinder] wird gestrichen.
       Daran wird zwar eine linke zukünftige Regierende Bürgermeisterin nichts
       ändern können, aber es gibt auch in Berlin Möglichkeiten, Kinderarmut
       sinnvoll zu bekämpfen: Das Procedere der Bildungs- und Teilhabeleistungen –
       kurz BuT – ist in Berlin hochgradig kompliziert. Meistens wird der
       [3][Berlinpass für die Kinder verspätet zugeschickt]. Durch ihn bekommen
       sie günstigeren Eintritt in landeseigene Einrichtungen wie Zoo oder
       staatliche Theater.
       
       Eigentlich stünde meinem 10-jährigen Kind auch Nachhilfe zu. Ich dachte,
       ich könne einfach so irgendwo Nachhilfe bei einem Institut in Anspruch
       nehmen. Doch die Lernförderung läuft ausschließlich über die Schule, und
       der Träger, mit dem die Schule einen Vertrag hat, sieht ausschließlich 90
       Minuten Lernförderung vor. Die Kinder dürfen auch nicht früher gehen, weil
       der Träger das sonst nicht abrechnen kann. Für mein Kind sind nach einem
       vollen Schultag und massiven Konzentrationsproblemen 90 Minuten einfach zu
       lang. Hier erhoffe ich mir mehr Flexibilität, was die Berliner
       BuT-Leistungen angeht.
       
       Und ja, [4][enteignen ist ein heißes Thema]. Wer aber wie ich schon drei
       Mal gegen Vonovia geklagt hat (und bis jetzt immer gewonnen hat), weiß, was
       es heißt, dort Mieterin zu sein. Ohne die Rechtsschutzversicherung beim
       Mieterverein wäre auch das nicht möglich. Denn Vonovia versucht alles,
       wirklich alles, um irgendwie an Geld zu kommen.
       
       Da das über die Mieten selber schwieriger geworden ist, versucht es Vonovia
       jetzt über die Betriebskosten. Alle vier Wochen brummt und rattert es im
       Garten. Der eh schon raspelkurze Rasen in der Außenanlage wird weiter kurz
       gemäht, Hecken geschnitten und Zweige entfernt. Um 60 Prozent ist dieser
       Posten gegenüber der Betriebskostenabrechnung vom Vorjahr gestiegen.
       
       Trotz Anforderungen der Belege ist nicht klar, wodurch die hohen Kosten
       verursacht wurden. Auch hier steht wieder ein Termin beim Mieterverein an,
       denn die Betriebskosten steigen bei uns um 30 Euro. Bei anderen Nachbarn
       mit größeren Wohnungen deutlich mehr. Während ich, mit unseren 2,5 Zimmern
       „nur“ 200 Euro nachzahlen soll, sind es bei den anderen um die 500 bis 900
       Euro.
       
       ## Vonovia und Co Einhalt bieten
       
       Auch hier hoffe ich, dass mithilfe einer linken Regierenden Bürgermeisterin
       und einer linken Politik Vonovia und Co Einhalt geboten wird. „Sie bekommt
       auch die Miete sowieso vom Jobcenter“, werden viele sagen. Doch ich wechsle
       ja ständig hin und her und bin ich bei Wohngeld und Kinderzuschlag, werden
       mir diese 30 Euro nicht mit angerechnet. Die muss ich selber zahlen.
       
       Das Thema Schulessen stößt auch mir als Elternvertreterin auf. Es gab auf
       Senatsseite einen Beschluss gegen Essensverschwendung. An sich eine gute
       Sache. Daraufhin wurden Chipkarten oder Essenschips eingeführt. Die Eltern
       müssen zuvor im Internet genau die Mahlzeit auswählen, die das Kind an dem
       Tag kriegen soll. Vergessen sie es, steht das Kind ohne Essen da. Wenn es
       Glück hat, bekommt es noch ein Notessen, muss sich aber ganz nach hinten in
       die Schlange stellen.
       
       Es sind Kinder von Eltern mit psychischen Problemen, Eltern mit wenig Geld
       oder mit keinen Deutschkenntnissen, oder Kinder aus Willkommensklassen, die
       zwar mit Chip, aber ohne Mittagessen dastehen – genau die Kinder, die oft
       morgens nicht gefrühstückt oder eine Brotbox zur Schule mitbekommen haben.
       Auch hier müsste das System dringend verändert werden. Denn ein warmes
       Mittagessen sollte jedem Berliner Kind garantiert sein, unabhängig, ob die
       Eltern in der Lage sind, das Essen vorher im Internet anzuklicken.
       
       Jetzt muss ich abwarten und leise hoffen, was in Koalitionsverhandlungen
       und -verträgen beschlossen wird. Die 18 Euro mehr im Monat durch ein
       günstigeres Sozialticket sind schon verplant. Sie würden dann doch
       Fußballverein und Turnverein parallel möglich machen. Mein Kind wäre
       glücklich.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Unabh%C3%A4ngige_Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands
 (DIR) [2] /Joachim-Rock-zu-Kuerzungsplaenen/!6195991
 (DIR) [3] /Wie-Berliner-Kinder-mit-Buergergeld-leben/!6182777
 (DIR) [4] /Neue-Studie-von-Oekonomen/!6216095
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Schwedt
       
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