# taz.de -- Linke gewinnt Abgeordnetenhauswahl: Berlin wird rot
       
       > Elif Eralp führt die Linke zu einem historischen Wahlsieg in Berlin. Der
       > Vorsprung vor der CDU ist groß. Auch die AfD hat sie in Schach gehalten.
       
 (IMG) Bild: Großer Jubel auf der Wahlparty der Linken in Berlin, in der Mitte Spitzenkandidatin Elif Eralp
       
       [1][Elif Eralp] ist die strahlende Siegerin der Berliner
       Abgeordnetenhauswahl. Mit 25,5 Prozent ist der Vorsprung der Linken vor der
       CDU, die bei etwa 20 Prozent landet, deutlich – und größer als
       vorhergesagt. Bei der zentralen Wahlparty im Festsaal Kreuzberg liegen sich
       die Genoss:innen in den Armen, „Elif! Elif“-Rufe hallen durch den Saal.
       
       Bereits zehn Minuten nach der ersten Prognose tritt Eralp auf die Bühne.
       Sie sagt: „Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen es zu
       einem besseren Ort.“ In der Stadt habe „die Liebe und die Gerechtigkeit
       über den Hass gewonnen“. Unterbrochen wird sie von „Alerta, Alerta,
       Antifascista“-Rufen ihrer Anhänger:innen. Denn alle hier wissen: Der
       Linken-Erfolg hat auch dazu geführt, die AfD in Schach zu halten. „Dieses
       Signal geht raus in die Welt“, ruft Eralp.
       
       In ihrer 20‑minütigen Rede bedankt sich Eralp dann bei allen, die sie
       unterstützt und dieses Ergebnis möglich gemacht haben: ihrer Familie in der
       Türkei, sowie allen, die sie mit Wahlaufrufen unterstützt haben, sowohl
       Menschen aus dem Kulturbereich als auch den Gewerkschaften.
       
       Voll aufgegangen ist in diesem Wahlkampf die Strategie der Linken: Obwohl
       die Abgeordnete Eralp den meisten Wähler:innen unbekannt war, einigte
       ihre Partei sich vor einem Jahr darauf, sie zur Spitzenkandidatin zu
       machen, und inszenierte von da an ein Duell Eralp gegen die CDU und tat
       dabei so, als gäbe es SPD und Grüne – bis dato auf ähnlichem Niveau in den
       Umfragen – gar nicht.
       
       ## Die Strategie „Eralp gegen Evers“ ging auf
       
       Eralp gegen Evers – den Spitzenkandidaten der CDU – lief zuletzt auf allen
       Kanälen: im Duell auf mehreren privaten TV-Sendern, auf den Titeln
       überregionaler Zeitungen und auch in unzähligen viralen Webvideos. Beim
       Wahlkampfabschluss der Linken am Freitag vor dem Roten Rathaus wurde Eralp
       von derart vielen Journalist:innen begleitet, wie es die Landespartei
       wohl noch nie erlebt hat. Während ein möglicher CDU-Sieg nur ein „Weiter
       so“ versprach, ließ die Erwartung eines Linken-Sieges die Emotionen
       hochschlagen. Die Spitzenkandidatin versprach: „Wir werden Geschichte
       schreiben, die nicht nur in Deutschland gehört wird.“
       
       Mit dem inszenierten Zweikampf hat die Linke bei der Wahl am Sonntag nun
       den beiden anderen Parteien des Mitte-links-Blocks den Rang abgelaufen: Die
       Grünen hat sie mit etwa 15 Prozent deutlich hinter sich gelassen, die SPD,
       die noch auf 12 Prozent kommt, gar deklassiert. Und dennoch: Ohne die
       beiden Parteien als Partner wird Eralp nicht die nächste Regierende
       Bürgermeisterin Berlins.
       
       25,5 Prozent der Stimmen: Das ist ein historischer Höchststand für die
       Linke in Berlin. 2001 holte die PDS unter Gregor Gysi infolge des
       Bankenskandals 22,6 Prozent, was jedoch nur für Platz drei reichte.
       
       ## Linke Hochburgen sind quer durch die Stadt verteilt
       
       Platz eins in der Hauptstadt ist eine Zäsur und von hoher symbolischer
       Bedeutung – auch als Antwort auf die erstarkende Rechte. Die Linke gewinnt
       zudem erstmals eine Landtagswahl auch mithilfe Westberliner Bezirke. Ihre
       Hochburgen sind quer durch die Stadt verteilt.
       
       Nur zwei Jahre ist es her, da lag die Partei geschwächt durch den Streit um
       Sahra Wagenknecht am Boden, bewegte sich auch in Berlin Richtung
       5-Prozent-Grenze. Doch seitdem geht es, auch mit neuem Schwung nach der
       Bundestagswahl, aufwärts. 10.000 Menschen sind in Berlin neu beigetreten;
       keine Partei ist in der Hauptstadt derart präsent, mit Mieterversammlungen,
       [2][Haustürgesprächen], bei Müllsammlungen und in den sozialen Netzwerken.
       An einer Viertelmillion Türen habe die Partei geklopft, verkündete der
       Berliner Parteichef Maximilian Schirmer beim Wahlkampfabschluss – „das hat
       noch nie eine Partei bei einer Landtagswahl geschafft“.
       
       Doch das allein erklärt nicht, wieso die Linke ihren Erfolg von der
       Bundestagswahl, bei der sie in der Stadt ebenso vorn lag, wiederholen und
       sogar noch ausbauen konnte. Ein großer Faktor ist die Kandidatin selbst,
       die sich allein schon deswegen von ihrer Konkurrenz absetzen konnte, weil
       sie kein Mann ist, der Stefan oder Steffen heißt. Ihren
       Migrationshintergrund musste Eralp noch nicht einmal in den Vordergrund
       stellen, aber in einer Stadt, in der 42 Prozent der Bewohner:innen eine
       Zuwanderungsgeschichte haben, viele davon wie sie türkeistämmig sind, ist
       das ein Pfund. Es sei „nicht vorgesehen, dass einer von uns das schafft“,
       war eine ihrer Botschaften. Und nach der Wahl in Sachsen-Anhalt erklärte
       sich Eralp selbstbewusst zur „Antwort auf die AfD“.
       
       Zugleich machte Eralp nicht nur keine Fehler im Wahlkampf, sondern wurde
       zunehmend souveräner. Ihre Reden klangen nicht mehr wie auswendig gelernt,
       authentisch vermittelte sie, die großen Probleme der Berliner:innen aus
       dem eigenen Leben zu kennen, beispielsweise dass sie selbst als Mutter auf
       Wohnungssuche war. Als Kandidatin zum Anfassen mit dem Ziel einer
       „umarmenden Politik“ kam sie dem vielfach zitierten Vergleich mit dem New
       Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani immer näher, selbst wenn der ganz große
       Personenhype in der Stadt ausblieb.
       
       Das einzige Störgeräusch in den vergangenen Wochen war der mangelnde Willen
       [3][von Teilen ihrer Partei, die Palästina-Solidarität] nicht in Richtung
       Antisemitismus zu überdehnen, besonders nachdem ein Rapper auf einer
       Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken die „Initifada“ preisen
       konnte. Eralp selbst, lange aktiv in der antirassistischen Arbeit,
       vermittelte zwar glaubhaft, gegen Antisemitismus wie Rassismus zu stehen,
       musste aber über kein anderes Thema so häufig reden.
       
       Sie selbst bekam Unterstützung durch einen Wahlaufruf von Überlebenden und
       Angehörigen der Opfer rechter Anschläge. Kein Aufruf für die Linke, sondern
       einer für Eralp. Inwiefern die trotzigen Teile der Partei dennoch geschadet
       haben, wird sich womöglich erst in kommenden Sondierungs- oder
       Koalitionsgesprächen zeigen.
       
       Gepunktet hat die Linke aber nicht nur mit ihrer Kandidatin, sondern auch
       inhaltlich, mit ihrem Fokus auf Mieten, Müll und Nahverkehr. Die goldene
       „Mietendeckel“-Kette von Eralp war mehr als ein Gag, sondern Ausdruck, dass
       es der Partei gelungen ist, das glaubhafteste Angebot für die geschundenen
       Mieter:innen der Stadt zu sein. Mietwucher- und Heizkostenchecks gaben
       Zehntausenden praktische Hilfe, Versammlungen in Großsiedlungen gegen
       untätige oder dreiste Konzerne ebenso. Hinzu kommt eine Palette an
       mietenpolitischen Maßnahmen, die in der Schublade liegen – und das
       Versprechen, die Vergesellschaftung der großen Immobilienkonzerne endlich
       voranzutreiben.
       
       Die Umsetzung des erfolgreichen Volksentscheids von 2021 dürfte der größte
       Stolperstein in Gesprächen für ein Linksbündnis werden. SPD-Spitzenkandidat
       Steffen Krach hat dem Plan im Vorhinein eine Absage erteilt. Aber die
       Berliner:innen haben diese Haltung der SPD nicht belohnt.
       
       20 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erik Peter
       
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