# taz.de -- Berliner Linkspartei: (Fast) alles richtig gemacht
> Die Linkspartei etabliert sich als klar stärkste Kraft im linken Lager.
> Daran dürfte sich so schnell nichts ändern – selbst wenn sie künftig
> regiert.
(IMG) Bild: Mit Elif Eralp als Regierender Bürgermeisterin würde die Linkspartei erstmals in Rote Rathaus einziehen, hier auf dem Weg ins Wahlstudio
Der Erfolg der Linkspartei bei der Abgeordnetenhauswahl hat einen klaren
Anfangspunkt. „Linke im linken Lager Spitze“ [1][betitelte die taz am 19.
Juni 2025] einen Text über neue Umfrageergebnisse. Sieben Jahre lang hatte
die Partei nicht vor SPD oder Grünen gelegen. Seither hat sich an dieser
politischen Pole-Position – ausgenommen drei Umfragen im Frühjahr, bei
denen die SPD knapp vorn lag – nur eines geändert: der Abstand zu den
beiden anderen Parteien.
Völlig neu aber ist die Situation an diesem Sonntagabend, an dem die
Linkspartei ihren Erfolg im Festsaal Kreuzberg feiert – nach der ersten
Hochrechnung um 18:30 Uhr, kurz vor Redaktionsschluss, führt die Partei mit
4 bis 5 Prozentpunkten vor der zweitplatzierten CDU, die SPD ist weit
abgeschlagen. Das gab es noch nie. Bei einer Abgeordnetenhauswahl lag die
Linkspartei nie vorn, auch nicht innerhalb des linken Lagers – und über 20
Prozent hatte sie zuletzt 2002, als sie noch PDS hieß.
Ein paar Gründe für den Erfolg der Linkspartei lassen sich klar benennen:
Sie hat einige sehr richtige Entscheidungen getroffen. Sie hat sich mit der
Mietenkrise samt Enteignung ein Thema so sehr zu eigen gemacht, dass
ähnliche Anstrengungen der Grünen nur wie eine Kopie wirkten, der das
Original vorzuziehen war. Sie hat dieses Thema so laut und durchaus mit
populistischen Zügen bespielt, dass ein schwerer zu erklärender
Lösungsversuch der SPD samt „Nein“ zu Enteignung kaum eine Chance hatte.
## Die richtige Spitzenkandidatin
Und sie hat mit Elif Eralp die richtige Spitzenkandidatin aufgestellt. Die
beeindruckte im Wahlkampf auch politische Gegner und war trotz ihrer
Intelligenz und Qualifikation als Prädikatsjuristin auch zu schlichteren
und zugespitzten Aussagen – „Millionäre belasten, um Millionen zu
entlasten“ – in der Lage. Auch dafür gibt es einen Startpunkt: Es war am
30. Januar 2025, als die damals weithin unbekannte Abgeordnete und
Fachpolitikerin Eralp aus den [2][hinteren Bänken der Linksfraktion zu
einer Zwischenbemerkung ans Rednerpult ging].
Sie und nicht die Fraktionsspitze aus Anne Helm und Tobias Schulze forderte
damals von der SPD eine Reaktion auf das gemeinsame Abstimmen von CDU und
AfD im Bundestag kurz zuvor. „Raed, könnt ihr mit dieser CDU
weiterregieren?“, rief sie dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Saleh zu: „Liebe
SPD, brich die Koalition mit der CDU und lass uns eine antifaschistische
Koalition bilden.“ Der Appell blieb zwar folgenlos. Aber schon auf dem Weg
zurück in die vierte Reihe der Fraktion konnte der Eindruck aufkommen:
Eralps Platz ist absehbar nicht mehr auf den Hinterbänken.
Aus Wahlkampfsicht war es auch richtig, nicht so entschieden wie von CDU
bis Grünen gefordert gegen antisemitische Strömungen in den eigenen Reihen
vorzugehen, womit vor allem der Neuköllner Bezirksverband aufgefallen war.
Eralp beließ es dabei, sich von antisemitischen Äußerungen zu distanzieren.
Ein Satz wie „Solche Leute haben in meiner Partei nichts verloren“ war von
ihr nicht zu hören, jedenfalls nicht nach außen dokumentiert. Er hätte auch
signifikant Stimmen aus dem Propalästina-Lager kosten können.
Strategisch allerdings könnte das allerdings der einzige große Fehler im
Wahlkampf gewesen sein. Wer SPD und Grünen in den vergangenen Wochen
genauer zuhörte, konnte gewisse Absetzbewegungen wahrnehmen.
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hält die Linke auch wegen der
antisemitischen Vorfälle [3][für „nicht regierungsfähig“.]
## Grüne stellen konkrete Bedingung
Und Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf malte konkret aus, [4][wann er kein
Linksbündnis eingehen werde]: Die Regierung dürfe nicht vom Bezirksverband
Neukölln abhängig sein. Was bedeutet: Rot-Grün-Rot müsste ohne die dortigen
Linkspartei-Abgeordneten auf eine Mehrheit im Landesparlament kommen. Was
durchaus passieren könnte, sollten sich die Zahlen der ersten Hochrechnung
am Ende als haltbar erweisen.
Unabhängig davon wird sich an der neuen Führungsrolle im linken Lager so
bald nichts ändern. Natürlich wird es Proteste und Enttäuschungen geben,
wenn Eralp einen Haushalt mit Milliardenkürzungen umsetzen muss – und
mutmaßlich bei denselben Leuten, die vorher geglaubt haben, die Linkspartei
habe irgendwo eine Druckmaschine für das fehlende Geld im Keller.
Doch weil die Linkspartei ja nicht allein, sondern mit zwei linken
Juniorpartnern regieren würde, hätten von ihr enttäuschte Wähler keine
Alternative – außer Nichtwähler zu werden oder den Weg zur AfD zu suchen.
Von der Linkspartei zu Grünen oder SPD (zurück) zu gehen, die unabwendbare
Kürzungen im Parlament und im Senat genauso zu verantworten haben, wäre
wenig sinnig.
Eine Regierungsbeteiligung könnte also verschmerzbar sein. In Erinnerung
ist allerdings, dass die Linkpartei jedes Mal, wenn sie in Berlin
mitregierte, [5][bei der nächsten Wahl schlechter abschnitt] als bei der
vorigen. Am stärksten war das nach der ersten rot-roten Koalition mit dem
SPDler Klaus Wowereit als Regierungschef so: Da rutschte sie von fast 23
Prozent auf 13,4 ab. Bei der jüngsten Wahl 2023 landete sie mit 12,2
Prozent abgeschlagen hinter Sozialdemokraten und Grünen, die damals beide
gleichauf bei 18,4 Prozent lagen.
## In der Opposition dürfte die Linkspartei weiter wachsen
Aber selbst wenn die Linkspartei dieses Mal nicht in die Regierung einzieht
– aus eigener Entscheidung oder weil Grüne und SPD nicht wollen –, dürfte
das ihre führende Rolle im linken Lager ebenso wenig schwächen, sondern
sogar noch stärken. Denn wer Milliardenkürzungen nicht nachvollziehen mag
und sie Grünen und SPD vorhält, der hätte mit einer Linkspartei als
Oppositionsführerin eine klare Alternative für seine Stimme, in Umfragen
oder künftigen Wahlen.
Auch wenn nach diesem Wahlabend trotz klarem Sieg der Linkspartei offen
ist, ob Eralp wirklich durch ein rot-grün-rotes Bündnis zur Regierenden
Bürgermeisterin gewählt wird, wird ihr Erfolg im Vergleich mit der letzten
Umfrage vor Eralps denkwürdigem Auftritt im Abgeordnetenhaus Anfang 2025,
noch deutlicher. Damals mochten sie gerade mal 6 Prozent der Wähler
unterstützen.
20 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Umfrage-zu-Berlins-Parteien/!6091740
(DIR) [2] /Merz-Debatte-im-Abgeordnetenhaus/!6063320
(DIR) [3] /Abgeordnetenhauswahl-am-20-September/!6211308
(DIR) [4] /Antisemitismus-Debatte-im-Wahlkampf/!6211645
(DIR) [5] https://www.wahlrecht.de/ergebnisse/berlin.htm
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Elif Eralp
(DIR) Die Linke
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