# taz.de -- Linke Spitzenkandidatin in Berlin: „Hallo, ich bin Elif“
       
       > Die Linke Elif Eralp könnte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden
       > – wenn ihr nicht ihre Partei in die Quere kommt.
       
 (IMG) Bild: Der Stratege hinter der Kampagne von Zohran Mamdani in New York hat auch Elif Eralp beraten. Jetzt spricht sie freier
       
       Es könnte alles so schön sein. Aber jetzt ist Mittwoch, noch elf Tage bis
       zur Wahl, und Elif Eralp begegnet einem Tiger im Rausch. Eralp sitzt mit
       durchgedrücktem Rücken und versteinertem Gesicht auf einem Podium in der
       größten Synagoge Berlins. Die jüdische Gemeinde hat die demokratischen
       Spitzenkandidaten eingeladen, die Bühne ist ausgeleuchtet wie ein
       Fernsehstudio.
       
       Der Tiger ist Constantin Schreiber, gerade noch Mitarbeiter des
       Springer-Verlags; er soll heute moderieren. Wobei „moderieren“ seinen
       Auftritt nicht präzise beschreibt. Bereit zum Angriff sitzt Schreiber auf
       der Stuhlkante. Sofort schießt er sich auf Eralp ein, lässt sie keinen Satz
       aussprechen, die anderen Kandidaten scheint er derweil zu vergessen. Aber
       die erste Frage, die er Eralp stellt, ist berechtigt: „Frau Eralp, trägt
       die Linke eine Mitschuld am Antisemitismus, ja oder nein?“
       
       Im Laufe der nächsten Stunde wird der Moderator ihr vorwerfen, das
       „Märchen“ vom antimuslimischen Rassismus zu verbreiten, er wird ihr
       anlasten, dass sie nicht auf Türkisch vor Antisemitismus warne. Der
       Vorsitzende der Gemeinde springt ihm eifrig zur Seite. Er fragt Eralp, ob
       sie „Asylanten“ abschieben würde, wenn diese einen Juden ermordet haben.
       
       Eralp bleibt ruhig und spricht über Antisemitismus in der Linken. Über ihre
       Partei sagt sie den wenig beruhigenden Satz: „[1][Die ganz große Mehrheit]
       in meiner Partei steht für den Schutz jüdischen Lebens.“ Sie erzählt, dass
       sie sich seit Jahren für das Gedenken des Anschlags auf die Synagoge in
       Halle engagiere. Eralp macht deutlich, dass es falsch sei, Rassismus und
       Antisemitismus gegeneinander auszuspielen.
       
       ## Die Debatte hat sie ihren Genossen zu verdanken
       
       Während Eralp ins Kreuzverhör genommen wird, lehnt sich der CDU-Kandidat
       lächelnd in seinem Stuhl zurück. Seine Parteifreunde stehen im Verdacht, in
       der „Fördermittelaffäre“ Millionen Euro, die für den Kampf gegen
       Antisemitismus gedacht waren, an Kumpel vergeben zu haben. Doch danach
       fragt der Moderator nicht. Auch dass die AfD gerade eine Wahl gewonnen hat
       und welche Bedrohung sie für Juden ist, erwähnt auf der Bühne nur Elif
       Eralp. Wenn es noch ein Beispiel gebraucht hätte, wie mit dem Vorwurf,
       Antisemitismus sei das Problem von Linken und Ausländern, Politik gemacht
       wird – diese Veranstaltung liefert es.
       
       Aber wahr ist auch: Dass Elif Eralp elf Tage vor der Wahl in Berlin über
       Antisemitismus in ihrer Partei sprechen muss, hat sie ihren Genossen zu
       verdanken. Auf Einladung der Linken in Neukölln war ein Rapper aufgetreten,
       [2][der von der Bühne aus Terroranschläge verherrlichte („Intifada wie die
       PFLP“)] und nicht von der Bühne geworfen wurde. Seitdem droht die Linke die
       Kontrolle über den Wahlkampf zu verlieren. Und nicht nur Jüdinnen und Juden
       in Berlin fragen sich, wen sie da eigentlich wählen würden: Elif Eralp, der
       viele ihr Engagement abnehmen, oder eine Blackbox namens Linkspartei?
       
       Dabei hatte alles so gut angefangen. Eben war Elif Eralp, Mutter zweier
       Kinder, noch eine unbekannte Fachpolitikerin aus der zweiten Reihe. Dann
       schaffte die Linke es, sie mit einer Kampagne im Stil von New Yorks
       Bürgermeister Zohran Mamdani populär zu machen und mit der Mietenpolitik
       das Thema des Wahlkampfs zu setzen. Der Schock von Sachsen-Anhalt soll ihr
       auf den letzten Metern noch einen Push geben. Elif Eralp wäre die erste
       Linke und die erste Frau mit türkischen Wurzeln im Roten Rathaus.
       
       Kann Elif Eralp das schaffen – mit und trotz ihrer Partei?
       
       ## Was die meisten umtreibt, sind die hohen Mieten
       
       Vier Wochen vorher, Berlin-Charlottenburg, Haustürwahlkampf. Der Kiez ist
       nicht gerade ein Heimspiel für die Linke, aber jetzt, Mitte August, scheint
       Eralp alles zu gelingen. Sie klingelt sich durch die Treppenhäuser, nimmt
       immer zwei Stufen auf einmal. Eralp klopft und tritt einen Schritt zurück.
       Wenn die Tür aufgeht, sagt sie den immer gleichen Satz: „Hallo, ich bin
       Elif, und ich wollte fragen, wo der Schuh drückt.“
       
       Dann geht es los: Der Schulweg ist zu gefährlich, die Baustellen stören
       beim Gassigehen, vor dem Supermarkt sitzen zu viele Alkoholiker. Keine
       klassischen Linke-Themen, oft Kommunalpolitik. Elif Eralp aber macht sehr
       verständnisvoll „Hm, hm, hm“ und sagt dann: „Das nehme ich auf jeden Fall
       mit.“ Das Gespräch mit den Wählern ist eine Stärke der Kandidatin, hier
       kann sie ihre Herzlichkeit ausspielen. Und oft reicht es, dass überhaupt
       mal jemand zuhört.
       
       Hinter fast jeder Wohnungstür, die sich an diesem Samstag öffnet, steht
       jemand, der sagt: Ich wähl euch. Was die meisten umtreibt, sind die hohen
       Mieten.
       
       Dass Eralp in Umfragen führt, hat sie auch ihren Genossinnen zu verdanken.
       Auf der Straße läuft Eralp immer wieder Grüppchen von Linken in die Arme,
       die für sie an Türen klingeln. Viele sind Anfang 20, sie tragen eine
       Warnweste der Linken und eine Kufija über den Schultern. Keine Partei
       klingelt an so vielen Haustüren, kein Wahlplakat sieht man in Berlin so
       häufig: Elif, Elif, Elif. Die Linke ist jetzt die größte Partei der Stadt,
       ihre Mitgliederzahl hat sich seit dem Wahlkampf vor der Bundestagswahl
       verdoppelt. Sie ist eine andere Partei geworden.
       
       ## Die Linke braucht Koalitionspartner
       
       Verändert hat sich auch die Strategie: Es gibt einen Mut zur
       Personalisierung, den die Linke früher als Personenkult ablehnte. Im
       Frühjahr haben sie den Strategen hinter der Kampagne von Zohran Mamdani
       nach Berlin geholt, Morris Katz. Eralp hat ein Coaching gemacht, sie
       spricht freier und besser. Aber Leute in ihrem Umfeld sagen auch: Sie
       bleibt halt eine deutsche Juristin, keine Entertainerin wie das Vorbild aus
       New York.
       
       Und es gibt noch einen entscheidenden Unterschied. In Berlin braucht die
       Linke Koalitionspartner, um regieren zu können. Und das könnte schwierig
       werden.
       
       Denn die Linke will nur regieren, wenn der Volksentscheid umgesetzt wird,
       der die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gefordert hatte. Der
       Spitzenkandidat der SPD hat das ausgeschlossen, ist nun aber in eine Affäre
       um mutmaßliche Bestechlichkeit verwickelt. So ist das nun in Berlin – die
       große Linke braucht die kleine SPD.
       
       Offiziell trägt Eralp die rote Linie ihrer Partei mit. Aber spricht man mit
       ihr, wird deutlich, dass sie schon gern regieren würde, wenn ihre Partei
       sie lässt. Noch mal eine linke Mehrheit in Berlin nicht zu nutzen, das soll
       auf keinen Fall passieren. Aber wie könnte ein Kompromiss mit der SPD bei
       einer Vergesellschaftung aussehen?
       
       Nach dieser Frage ändert sich die Haltung von Eralp. Hatte sie eben noch
       entspannt geplaudert, ist sie jetzt kontrolliert, ihre Wangen werden rot.
       „Dazu sag ich nichts.“ Man berate sich dazu innerhalb der Partei. Und sie
       habe auch ihre Kontakte in die SPD.
       
       Die V-Frage könnte zu einer Fangfrage werden für Elif Eralp, zu einer Frage
       also, auf die es keine richtige Antwort gibt. Besteht sie auf der
       Vergesellschaftung, wird eine Mehrheit im Parlament schwierig. Ist sie zu
       nachgiebig, wird ihre Parteibasis eine Koalition ablehnen.
       
       ## Ihr Lebensweg ist typisch für eine linke Aktivistin
       
       Läuft man mit Elif Eralp in diesen Tagen durch die Straßen Berlins, wird
       sie immer wieder auf Türkisch begrüßt. „Elif, wie sind die neuesten
       Umfragen?“ „Elif, ich wurde gerade eingebürgert, ich wähl dich auf jeden
       Fall.“ Erstaunt dreht sie sich zu ihrem Mitarbeiter um. „Krass, plötzlich
       werd ich erkannt.“ Es ist für sie eine neue Erfahrung.
       
       Elif Eralp ist 45 Jahre alt, ihre Eltern flohen als Sozialisten aus der
       Türkei nach Deutschland, sie im Bauch ihrer Mutter. Eralp wurde in München
       geboren, wuchs in Hamburg-Altona auf. Dort ging sie aufs bürgerliche
       Gymnasium, nicht auf die Gesamtschule nebenan. Das Video, in dem sie ihre
       Kandidatur als Bürgermeisterin verkündete, beginnt mit dem Satz: „Menschen
       wie ich sollen in diesem Land eigentlich nicht Bürgermeisterin werden.“ Das
       stimmt – aber für Kai Wegner, Sohn eines Bauarbeiters, gilt der Satz auch.
       Eralps Vater war Arzt.
       
       Ihr Lebensweg ist dann auch eher typisch für eine linke Aktivistin. Als
       Kind malte sie Plakate für Umweltschutz, studierte dann Jura und blockierte
       den Castor. Lebhaft kann sie erzählen, wie eine Reiterstaffel auf sie zu
       galoppierte. Bald könnte sie Dienstherrin von 18.000 Polizisten sein.
       
       Ihren Erfolg hat Eralp auch dem Angebot der Konkurrenz zu verdanken: Für
       Grüne, SPD und CDU treten drei fast gleichaltrige angegraute Männer an, die
       kaum jemand kennt. In einer Stadt, in der fast jeder zweite Bewohner eine
       Migrationsgeschichte hat und jede zweite Bewohnerin eine Frau ist, hat
       Eralp einen Vorteil. Und sie profitiert von einem längeren Trend: Schon bei
       der Bundestagswahl war die Linke hier stärkste Kraft. Klappt das noch
       einmal? Die letzten Umfragen sehen die Linke knapp vor der CDU.
       
       ## Ramelow hält Eralp für stabil
       
       Vor Kurzem hat Elif Eralp sich mit Bodo Ramelow zum Abendessen getroffen.
       Ramelow ist der einzige Linke, der je Ministerpräsident war. Sie saßen in
       einem Restaurant mit Spreeblick, es gab Pasta. Beim Essen machte Eralp sich
       Notizen.
       
       Ramelow erzählt der taz, dass er Eralp als nüchterne Fachpolitikerin
       kennengelernt habe und skeptisch gewesen sei, als er von ihrer
       Spitzenkandidatur erfahren habe. Das sei nun anders.
       
       In der Linken gilt Ramelow als starke Stimme im Kampf gegen Antisemitismus.
       Die Partei habe sich in den vergangenen Jahren verändert, sagt er. Und:
       „Ich bin froh, dass Elif stabil ist und zu Antisemitismus nicht schweigt.“
       
       Worüber sie genau gesprochen haben, wollen Ramelow und Eralp nicht
       verraten. Ramelow hat ihr von der Einsamkeit im Amt erzählt, von der Last
       der Verantwortung auf den Schultern. Als Ministerpräsidentin, habe Ramelow
       ihr gesagt, gehe es nicht mehr nur um das Interesse der Partei. „Manchmal
       musst du sehr einsame Entscheidungen treffen, Elif.“
       
       Wenn ihre Partei sie denn lässt.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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