# taz.de -- Koalitionsbildung in Berlin: Die SPD steht vor einer Zerreißprobe
> Die Berliner Grünen haben sich bereits auf ein Linksbündnis unter einer
> Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp festgelegt. Die SPD steht dagegen
> vor einem Machtkampf.
(IMG) Bild: Spitzenkandidat Steffen Krach am Wahlabend: Könnten der SPD fünf Jahre in der Opposition gut tun?
Ohne die Trümmerfrauen wäre Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder
aufgebaut worden. Ist es das, was Steffen Krach im Kopf hat, als er am
Montag im Willy-Brandt-Haus vor die Kamera tritt? „Bei 12 Prozent kann man
nicht mehr sagen, dass man die Berlinpartei ist“, sagte der Spitzenkandidat
der Berliner SPD, der die [1][Abgeordnetenhauswahl am Sonntag] krachend
verloren hat. „Deswegen geht es jetzt um den Wiederaufbau der Berliner
SPD.“
Für eine [2][mögliche Koalition mit der Linkspartei und den Grünen] stellte
Steffen Krach, der Trümmermann der Berliner Sozialdemokraten, sogar noch
eine Forderung. Linken-Wahlsiegerin Elif Eralp müsse sich eindeutig vom
Antisemitismus in Teilen ihrer Partei distanzieren. Ohne Konsequenzen
könnte es keine Kooperation geben, sagte Krach mit Blick auf den Besuch
eines führenden Clan-Mitglieds auf einer Linken-Wahlparty.
[3][Der Wahlverlierer] stellt also weitere Bedingungen, nachdem er auch
nach der Wahl schon sein Nein zur Vergesellschaftung großer privater
Wohnungsbestände bekräftigt hatte. Arbeitet Krach womöglich daran, die
Hürden für ein Bündnis mit Linkspartei und Grünen unüberwindbar zu machen,
bevor überhaupt die Gespräche dazu aufgenommen werden?
Schon am Wahlabend hat Krach einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Dieses
Wahlergebnis ist kein Regierungsauftrag.“ Man kann das als Demut
interpretieren, aber auch als Ansage: Der Weg in ein Linksbündnis unter
Führung einer Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp ist für die Berliner
SPD kein Automatismus.
## Doch lieber Opposition?
Wie zerrissen die Genossinnen und Genossen sind, war auch auf der Wahlparty
der SPD im Astra Kulturhaus in Friedrichshain zu spüren. Dass die
Linkspartei die Berlinwahl gewinnt und die vormalige „Berlinpartei“ SPD auf
dem letzten Platz landete, war vor allem für Ältere schwer zu ertragen.
Manch einer erinnerte gar an die Zeiten der Teilung der Stadt.
Die Frage, wie ein Linksbündnis zu verhindern ist, treibt so manche aus dem
„pragmatischen“ Flügel um, auch wenn sich keiner damit zitieren lässt.
Immerhin lässt sich Krachs Ausspruch auch so interpretieren, dass der SPD,
die seit 37 Jahren in Berlin regiert und mitregiert, auch fünf Jahre in der
Opposition guttun könnten. Warum nicht eine von der SPD tolerierte
Minderheitsregierung aus Linkspartei und Grünen, heißt es hinter
vorgehaltener Hand.
Wer sich zitieren lässt, ist der im Wahlkampf weitgehend unsichtbar
gebliebene Fraktionsvorsitzende Raed Saleh. „Die Menschen lassen sich nicht
mehr mit inhalts- und haltungsleeren Phrasen der gescheiterten und
abgewählten pragmatischen Politik der Mitte zukleben“, ließ Saleh am Montag
mitteilen. Ein Statement in Richtung Bundespartei, das die Gretchenfrage
für Berlin nicht beantwortet.
## Giffey ist raus
Steffen Krach aber muss eine Antwort finden. Gibt es ein Linksbündnis,
trotz seines Neins zur Vergesellschaftung? Lässt die SPD die Sondierungen
mit Linken und Grünen scheitern, um dann in Gespräche mit der CDU zu gehen?
Oder heißt die Antwort auf all die Fragen tatsächlich Opposition?
Für eine „Koalition der Vernunft“ hat sich der CDU-Spitzenkandidat Stefan
Evers – wie Krach ein Verlierer der Wahl – bereits offen gezeigt. Doch die
Festlegung der beiden Landesvorsitzenden Nina Stahr und Philmon Ghirmai
noch am Wahlabend auf ein Linksbündnis schließt diese Option zunächst aus.
Hinzu kommt, dass mit Noch-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey die
prominenteste Gegnerin eines Linksbündnisses den Sprung ins
Abgeordnetenhaus verpasst hat. Giffey, die auf der Bezirksliste nicht
abgesichert war, hat das Rennen um das Direktmandat in ihrem Wahlkreis in
Rudow knapp gegen die CDU verloren. Für die SPD hat einzig Lars Düsterhöft
in Treptow-Köpenick einen Wahlkreis gewonnen.
Nicht wenige Sozialdemokraten sprechen sich deshalb für ein Linksbündnis
aus. „Der Wählerwille ist eindeutig“, sagt die SPD-Abgeordnete Linda
Vierecke, die allerdings wegen des Linksrucks auch in Pankow nicht mehr im
nächsten Abgeordnetenhaus vertreten sein wird. Für sie ist das auch eine
Frage des demokratischen Selbstverständnisses. „Ich sehe nicht, dass das
Wahlergebnis ein Auftrag für eine Koalition mit der CDU oder eine
Minderheitsregierung ist.“
## Geht Krach all-in?
Hinzu kommt, dass ein Kenia-Bündnis aus CDU, Grünen und SPD laut
vorläufigem amtlichen Endergebnis nur eine Mehrheit von 2 Sitzen im
Abgeordnetenhaus hätte. Ein Linksbündnis käme dagegen auf eine Mehrheit von
15 Sitzen. Auf Abgeordnete aus dem Linken-Kreisverband Neukölln, die zuvor
mit antisemitischen Positionen für Schlagzeilen sorgten, wäre die Koalition
also nicht angewiesen. Krach dürfte das nicht beruhigen, andere in der SPD
schon.
Sollte sich die Linkspartei am Freitag mit großer Mehrheit für die Aufnahme
von Sondierungsgesprächen aussprechen, wäre dann also die SPD am Zug und
dort vor allem die neue Fraktion. Eine Möglichkeit wäre, dass Krach bei
seiner Mission Wiederaufbau alles auf eine Karte setzt und für den
Fraktionsvorsitz kandidiert. Doch das ist mit großem Risiko verbunden.
Sollte er scheitern, wäre er wohl politisch erledigt. Saleh hätte dann
freie Hand – auch für ein Linksbündnis.
Schon am Montagabend muss Krach die Sitzung des Landesvorstands überstehen.
Auch der hat bei der Frage nach dem künftigen Senatsbündnis ein Wörtchen
mitzureden. Er könnte zum einen auf eine Mitgliederbefragung setzen und
hoffen, dass sich die Basis gegen ein Linksbündnis ausspricht.
Oder der Landesvorstand macht den Weg frei für eine Koalition unter Elif
Eralp. Dann aber wohl ohne den Aufbauhelfer Steffen Krach, der die Lage der
SPD mit seinen roten Linien nur noch zu erschweren scheint. Auch wenn er im
Willy-Brandt-Haus noch versucht, Optimismus zu verbreiten und betont: Man
werde in der Zukunft „überall in Berlin die Berliner SPD wieder aufbauen“.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
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