# taz.de -- Von 2006 bis 2026 in wenigen Tagen: Zwanzig Chicken McNuggets zum Preis von vier
> Schon bevor die Berlin Art Week überhaupt beginnt, schubst sie von
> hinten. Ein Disco-Mercedes wird zur Zeitmaschine, es wird zugehört und
> geschaut.
(IMG) Bild: In welches Zeitloch diese Tür wohl führt? Fotogebilde von Lasse Müller bei Paintshop
Als wir zum Tor eintreten, öffnet sich ein Zeitloch. Kurz will man sich
dagegen wehren, blickt noch einmal zurück über die Schulter. Hinter dem
sich schließenden Spalt nieselt die Stadt. Die Tür fällt ins Schloss, es
ist 2006. L. und ich laufen durch die Schöneweider Industriearchitektur.
Betonstaub, Zigarettenrauch, ein mit Diskokugelspiegelscherben beklebter
Mercedes an einem Kran, eine schummrig erleuchtete Tafel. An den Rändern
wartet Kunst, teils noch verpackt.
Eine sich drehende Skulptur mit bunten Lichtern, Kunststofftorsos,
Schläuchen, in der Erinnerung auch Gasmasken, aber vielleicht addiert die
nur das Hirn. Auf der Künstler:innenliste an der Wand mit den
Produktionsnotizen reihen sich Namen aus den
Alles-war-so-billig-die-Stadt-war-so-geil-Jahren, darunter Martin Eder,
[1][Lars Eidinger], Frank Küster. „Unruhe“ heißt die Ausstellung, die nun
zur Art Week eröffnen soll, kuratiert hat sie die Künstlerin Anna Borowy.
Doch erst mal wird gegessen. Die Tischrede hält Filmemacher Ralf
Schmerberg, der vor einigen Jahren, eigentlich auf der Suche nach einem
Studio auf die Räume stieß und sie kurzerhand mietete. „MaHalla“ heißt sie
nun: ein „Family“-Projekt, das sich nach und nach dem Außen öffnet. Einen
Eindruck in Schmerbergs eigene Arbeiten gibt es auch: Vor dem Dessert
serviert er den Trailer seines Langfilms „Inderella“ – ein bildgewaltiges
Epos über seine Liebe zum asiatischen Subkontinent.
Die bewegten Farben stehen der Halle ohne Frage gut. Gerade will man über
die Perspektive des Regisseurs nachdenken, da erinnert man sich: Wir sind
in der Zeit zurückgereist. Später soll es zum Rundgang in den Keller gehen.
L. und ich sind müde, uns ist nach Aufbruch, man hat schon genug Untergrund
im Leben gesehen. „Hast du etwa Angst?“, fragt einer der
Ausstellungsbeteiligten L. Sie schweigt nur trocken irritiert, ein Zucken
in den Augenbrauen. Für den langen Weg gen Stadtzentrum schließen sich zwei
Kolleginnen mit an. Der Disco-Mercedes zwinkert glitzernd im verregneten
Gegenlicht der Straßenlaternen.
## Wieder im Jetzt angekommen
Zurück im Jahr 2026 schubst die Art Week schon von hinten, bevor sie
begonnen hat. Zu viel auf einmal. Gut, dass einige schon vorher anfangen.
Der Projektraum Louche Ops zum Beispiel, der mit dem Maler und Autor Arnold
Kemp eröffnet. Später drängt sich dann doch die Literatur nach vorne. Beim
Writer’s Thursday im schnitzelgoldenen Borchardt wird gelesen. Das Programm
ist erstaunlich flexibel. [2][Maxim Biller] beginnt als eine Art secret
track das Lesemarathon-Line-Up, [3][Hendrik Bolz] wird nach vorne
geschoben: nach charmantem Vortrag im wörtlich kochenden Saal schultert er
beiläufig die Sporttasche und stapft gen Friedrichstraße davon. Später wird
er bei Maybrit Illner sitzen und über den Osten vor der Wahl sprechen. Die
nahe Zukunft ist nicht mehr zu ignorieren.
Auch am nächsten Abend, beim Projektraum-turns-Gallery-Laden Paintshop auf
der Hasenheide, liegt ein Hauch Futur in der Luft. Hier hat der
Pernice-Schüler Lasse Müller die Realität nachgebildet. Ein fleißiger Nerd
muss sein, wer wie Müller mit Hunderten von Fotos eines Objekts
(Straßenpoller, Birkenstämme, Badezimmertüren, Überwachungskameras) penibel
das, was da ist, auf Papier abbildet, um es anschließend auf Holz montiert
wieder nachzubauen. Nur manchmal blitzt da ein polygoner Glitch aus dem
Material. So faltet sich die Heizung der Badezimmerkulisse einer
zeitgenössischen Bundeswehrwerbung gleich plötzlich in nichteuklidische
Strukturen. Wie stark Abbild hier Bild wird, inklusive täuschend echter
Lichteinschlüsse lohnt dann doch den zweiten Blick auf das, was man im
ersten Moment als einzeiligen, aufwendigen Witz verstehen könnte.
Ästhetisch suchen die Arbeiten Nähe zu potentiell gewaltvollen
Computerspielen, inklusive der inhärenten Vorstellung einer Zukunft, die
längst schon wieder Vergangenheit ist. Ein bisschen wie die McDonaldsApp
mit der F. und L. später am Hermannplatz versuchen 20 Chicken McNuggets zum
Preis von vier zu erhalten. Oder wie die besoffenen Iren, die in der
gleichen Lokation lautstark darüber fluchen, dass sich das Versprechen von
Clubs und Drogen in dieser Stadt in dieser Nacht nicht einzulösen scheint.
Oder wie die Landtagswahl des folgenden Abends, nach deren ersten
Hochrechnungen man sich gleich wieder nach einem Zeitloch sehnt.
Formulieren muss man sich das allerdings mit konkretem Jahrzehnt. Man
könnte sonst leider kriegen, was man sich wünscht.
8 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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