# taz.de -- Stadtrundgang mit Straßenschäden: Welche Schicht ist der Schaden?
> In Kreuzberg erkundet die „Road Damage City Tour“ konfligierende
> Trottoir-Systeme und Teer-Glitches. Geleitet wird sie von Tourguide Peter
> Behrbohm.
(IMG) Bild: Die Gesellschaft zur Förderung vorbildlicher Straßenschäden bei einer „Road Damage City Tour“
Aber ist das jetzt Kunst oder was?“, fragt die Frau aus dem Café in
Kreuzkölln, vor dem gerade eine kleine Gruppe angehalten hat, angeführt von
einem Typen mit rot-weißem Overall und asphaltgrauer Flagge. Das passiert
ja nicht zum ersten Mal, sagt sie, und jetzt wolle sie doch einmal wissen:
Was genau gibt es denn hier zu sehen?
Das zumindest ist leicht zu beantworten: ein zusammenhangloses Muster im
Gehsteigpflaster. Vor ein paar Wochen, ehe im Reuterkiez überall die Straße
aufgerissen wurde, um Glasfaserkabel zu verlegen, war hier eine Markierung
in Gelb und Grün, nun haben die Pflastersteine, neu verlegt, jeden
Sinnzusammenhang verloren, aber eine neue ästhetische Qualität gewonnen.
Bei der Frage, ob das Kunst ist, wird der Mann im Overall hingegen etwas
zögerlicher: „Es ist etwas, was so interessant ist, dass es Kunst
inspirieren könnte“, sagt Peter Behrbohm, Berliner Künstler und Architekt,
der seit Mai regelmäßig als personifizierte „Gesellschaft zur Förderung
vorbildlicher Straßenschäden“ (GzFvS) rund um den Kotti Lücken, Risse und
feine Improvisationen in Pflasterstein, Teer und Beton zeigt.
Bei Behrbohms „Road Damage City Touren“ rückt als Inspiration ins Zentrum,
was ansonsten Ärgernis ist. Gerade vor der Wahl. Ein fiktives Spiel „Die
Pollerzone“ plakatiert [1][Die Partei], die CDU warnt vor „Pollerisierung“
– Politik in Berlin ist lange schon Straßenpolitik. Wer wie wo schnell oder
langsam lang fahren darf oder ausgeschlossen wird, ist nicht nur
Verteilungskampf, sondern scheint im Wahlkampf tief in der Identität der
Menschen zu rumoren. Zumindest was die Straßenschäden angeht, die wiederum
alle immer beseitigen wollen, weiß der Experte aber schon zum Auftakt um
die Vergeblichkeit.
Straße ohne Schaden, das geht gar nicht, sagt Behrbohm unter der Hochbahn
gleich am Treffpunkt am Kottbusser Tor, ein Straßennetz, das sei beständige
Arbeit, nie ist sie fertig, nie ist alles heile. Eine Aussage, die man
sonst vor allem über gotische Kathedralen zu hören bekommt. Nebenan
schwärmt eine Ortsgruppe der Grünen mit Müllsäcken aus, die Straße zu
reinigen.
## Unförmige schwarze Teerspuren im glatten Beton
Wobei: Was ein Schaden ist, ist ja ohnehin eine Frage der Definitionsmacht.
Wenn zum Beispiel eine Katze, wie man es straßenschadenarchäologisch in der
Reichenberger Straße entdecken kann, durch den feuchten Beton läuft, und
dann aber ein Mensch mit Teer nachrückt, um den Glitch zu beheben, dabei
wiederum unförmige schwarze Teerspuren im glatten Beton hinterlässt –
welche Schicht ist dann eigentlich der Schaden?
So ist es oft, geht man mit dem Blick zum Boden durch den Kiez:
Reparaturnähte, Ausbesserungen, die mit anderen Straßensteinen gelegt sind,
Teerflächen, die die Reihenfolge lesbar machen, in der die Gehwegplatten
zerbrachen. Unter dem Pflaster liegt vielleicht der Strand, aber über dem
Pflaster der Asphalt, und auch Spuren von Fliegerbomben finden sich noch in
mancher Granitplatte, Stolpersteine vor den Türen sowieso.
Eine der Inspirationen für die Touren liegt für Behrbohm in der Tektologie
des russischen Revolutionärs und Universalgelehrten Alexander
Alexandrowitsch Bogdanow, Mitgründer der Bolschewiki und einer der
Hauptkontrahenten Lenins. Seine Theorie versucht, die Dynamiken der
Organisation zu verstehen.
„Sie sucht in allen Strukturen Organisationsprinzipien – in kosmischen oder
biologischen Strukturen, in Kristallgittern, wo immer Elemente miteinander
in Verhältnis treten. Daraus versucht er, auf die Strukturierung der
Gesellschaft nach der Revolution zu schließen“, erklärt der Künstler. Und
verortet es gleich auf der Straße, wo Trottoir-Systeme konfligierend
aneinanderliegen, kleine Pflastersteine in die groben Muster größerer
Betonplatten eintreten. Was kann man daraus lernen für konfliktreiche
Positionen im Sozialen?
## Zwischen Kunst, Ironie und Forschungsarbeit
Meint der das ernst oder ist das einfach eine weitere Ebene Kreuzbergs als
Labor künstlerischen Verhandelns im und vom öffentlichen Raum? Immer wieder
streift die Tour Stadtgeschichte, von den linken Kämpfen um den Erhalt der
Grünanlage entlang des alten Luisenstädtischen Kanals zu den administrativ
verlegten Findlingen, die das Parken unter der Hochbahn unmöglich machen.
Immer wieder sichtbar werden die Beiträge von Gebäudedienstleister*innen,
die ihre eigenen Lösungen in der Interaktion der Häuser mit dem
öffentlichen Raum finden – „Hausmeisterkunst“ nennt Behrbohm das. Immer
wieder verwischt bei der Führung, was ironisch, was
performativ-künstlerisch und was tatsächlich so etwas wie Forschungsarbeit
ist.
Kreuzberg als [2][Ort kollektiven Kunstschaffens, das passt zur Arbeit von
Peter Behrbohm]. Bisweilen arbeitet er allein mit fiktiven, aber
performativ im Raum verorteten Behörden und Institutionen wie jener GzFvS.
Aber er ist auch Teil von Kollektiven wie PARA und Sonder, dessen Arbeit
„Jagd auf die große Bärin“, zwei Cowboy-Reiterstandbilder, lange am
Alexanderplatz zu sehen war. Den öffentlichen Raum in seiner Gemachtheit zu
entlarven und utopische Potenziale in seinen Rissen suchen, ist dabei immer
wieder zentral in seiner Herangehensweise.
Die Straße mit ihren ewigen Wehwehchen und Reparaturen, die sich wie
künstlerische Interventionen anfühlen, ist da natürlich dankbares Material
– Schäden kommen und gehen, jede Tour ist daher auch für den Guide anders.
Noch ist allerdings kein Folgetermin zu dieser Tour Mitte September
angekündigt – geht doch, wie Behrbohm sagt, während er ein gelbes Blatt mit
dem Fuß von einer Fehlstelle im Asphalt fegt, mit dem Laub auch der Blick
auf den Boden verloren. Mit Wahlkampf und Sommer geht auch die
Straßenschadenbeobachtungssaison langsam zu Ende.
15 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kleinstparteien-und-ihre-Programme/!6074451
(DIR) [2] /KuenstlerInnen-bangen-um-Atelierraeume/!6117593
## AUTOREN
(DIR) Steffen Greiner
## TAGS
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Öffentlicher Raum
(DIR) Berlin
(DIR) Infrastruktur
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Berlin-Kreuzberg
(DIR) Straßenkünstler
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Internationales Staubarchiv: „Staub ist der totale Gleichmacher“
Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker sammelt Staub von Orten, die ihm
bedeutsam erscheinen. Staub sei so ästhetisch wie anarchisch, findet er.
(DIR) Von 2006 bis 2026 in wenigen Tagen: Zwanzig Chicken McNuggets zum Preis von vier
Schon bevor die Berlin Art Week überhaupt beginnt, schubst sie von hinten.
Ein Disco-Mercedes wird zur Zeitmaschine, es wird zugehört und geschaut.
(DIR) Ein Jahr Krieg in der Ukraine: Wendepunkte des Krieges
Vom Sturm auf Kyjiw zum Stellungskrieg: Wie sich der Krieg immer wieder
veränderte – und damit die Prognosen über den Verlauf.