# taz.de -- Tango-Bravo-Konzert in Berlin: Hier schwitzen alle
> Am Kottbusser Tor in Berlin verliert man schon mal den Überblick. Der
> findet sich dann beim Tanzen zu Tango Bravo im Monarchen wieder.
(IMG) Bild: Im Monarch am Kotti wird zu groovigen Beats geschwitzt
Ein unklares Gedudel klingt über den Kotti, als ich aus der U1 aussteige.
Eine Gruppe Leute sitzt auf einer versifften Couch auf dem Kreisel und
Musik dröhnt aus einem Lautsprecher, während Wolfgang Kubicki vom
Wahlplakat der FDP hinter ihnen auf sie herunterschaut. „Die Linken nennen
uns nicht ohne Grund Wirtschaftspartei“, meint er, aber das interessiert
hier wirklich niemanden. Stattdessen ertönt jetzt laut Werbung über den
vermüllten Platz – Spotify Premium kann man sich auf dem Kotti-Kreisel eben
nicht leisten. Den Leuten auf der Couch scheint das ziemlich egal zu sein,
sie lassen weiterlaufen, bis wieder Gitarrengeklimpler ertönt. Neben mir
laufen immer wieder teilnahmslose Menschen die U-Bahn-Treppen rauf und
runter, während ich auf dich warte.
Wir sind nämlich hier verabredet, um uns heute Abend „den heißesten
Disco-Rock der Hauptstadt“ anzuhören. So jedenfalls die Ankündigung.
Eigentlich sind wir dieses Wochenende mitten im Umzug, und alles tut mir
weh, aber dann dachten wir uns, ein Bierchen und ein bisschen Musik
zwischendurch können auch nicht schaden. Es ist schließlich Samstag, und
außerdem kennen wir den Bassisten der Band, weil wir schon öfters in der
Kneipe zusammen für unseren Fußballverein gelitten haben. Tango Bravo heißt
die Band, und heute ist auch nicht irgendein Konzert, sondern das
Release-Konzert ihres allerersten Albums.
Während ich also auf dich warte, versuche ich, für mich zu erraten, wer
auch auf dem Weg in den Monarchen ist und wer aus anderen Gründen hier
abhängt – gar nicht so einfach. Der Typ mit dem blutigen Cut am Auge
vielleicht? Der schwankende, der einem anderen jungen Mann mit Mullet eine
Zigarette abschnorrt? Der Typ im Netzhemd? Die Gruppe junger
Bauchfrei-Frauen oder die zwei Typen in Fußball-Trikots?
## 70er-Jahre-Wohnzimmer-Atmosphäre
Dann bist du endlich da, wir holen uns noch einen Burger als „Grundlage“
und müssen den Eingang zum Monarchen erst mal finden. Hinter der
zugestickerten Tür, die Treppe hoch, der kleine Raum ist schon voll, als
wir ankommen, es riecht nach Zigarettenrauch. Hat was von einem Wohnzimmer,
also einem aus den 70ern, in dem man rauchen darf. In einer Ecke zieht sich
die Band noch um – ganz in Bee-Gee-Weiß, wie Tango Bravo eben auftritt. Wir
holen uns ein Bier.
Bald schon springen die vier Musiker in Weiß auf die Bühne, loben die
„schöne Aussicht auf Berlin“, die U-Bahn fährt ein weiteres Mal auf unserer
Höhe vorbei, aber wir hören sie nicht. Denn der Beat setzt ein. Der Drummer
gibt den Rhythmus vor und: Er singt! Und wie. Bass, Gitarre und Synthesizer
lassen uns bestimmt fünfzig Jahre in der Zeit zurückreisen. Die Zeit von
Disco, von „richtigen“ Bands mit Instrumenten und so und die Zeit der Hits.
Das Album trägt nicht umsonst den Titel „Disco Rock Forever“. Der Klang ist
so gut, dass du mich überrascht anschaust: „Sie sind so unglaublich gut
abgemischt“, sagst du und so was sagst du sonst nie.
Es fängt rockig an, wird dann wieder funkiger, dann wieder balladiger. Ich
brauche etwas, um darauf zu kommen, an wen mich die Stimme des
Schlagzeuger-Sängers erinnert. Liam Gallagher? Ja, vielleicht. Ein wenig
klingt es jetzt nach Oasis oder jetzt doch nach Ram Jam? Dann kommen die
„Lovesongs“, und ich muss irgendwie an Roy Orbison denken. Man weiß es
nicht. Es sind schon Tango-Bravo-Songs, und doch kommen sie einem immer
irgendwie bekannt vor. Eingängig gehen sie ins Ohr, ein Hit nach dem
anderen, oder auch nicht. Jedenfalls bekommt man Lust zu tanzen, und das
sehen alle anderen im Raum auch so.
„Die bräuchten noch ein paar Background-Vocals, dann wäre es noch geiler“,
sagst du. Und dann gehen wir endlich von der Bar weg, weiter nach vorne in
den Raum hinein. Spätestens bei der Zugabe schwitzen hier alle, und bei der
Band ist alle Anspannung gewichen – jetzt darf auch noch jeder sein Solo
liefern. Das tun sie auch. Über den groovenden Bass legt sich noch einmal
die Synthesizermelodie. Und am Ende ist doch alles schneller vorbei als
gedacht. Schade. Wir holen uns noch ein Bier. Am Merch-Stand erfahre ich,
dass es Tango Bravo schon seit zehn Jahren gibt und sie wohl auch vor
Kurzem den größten Live-Bandcontest Europas gewonnen haben. Wundert mich
nicht.
14 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Ruth Lang Fuentes
## TAGS
(DIR) Ausgehen und Rumstehen
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Konzert
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