# taz.de -- Zwischen Späti und Nudelladen: Steine, Schwitzen, Schlusspunkte
       
       > Wenn der Handwerker verschwindet, die Nudeln unerreichbar bleiben und
       > sich der Berliner Sommertag am Ende im Kreis schließt.
       
 (IMG) Bild: Die Landschaft trägt die Figur. Malerei von Filip Henin bei Robert Grunenberg
       
       Vor dem Späti lassen die Stammgäste ihre Zungen schleifen. Dazwischen
       Klopfgeräusche: Gummihammer auf Pflastersteinchen. „Hallo“, hallt klar eine
       hell klingende Kinderstimme die Hauswand empor und schiebt sich durch das
       offene Fenster. „Hallo“, knarren rau gerauchte Männerstimmbänder zurück.
       „Was machst du da?“, fragt das Kind. „Ick mach’ hier mit die Steine.“ „Ach
       so.“ Das Kind scheint zufrieden abzuziehen, zurückbleiben Klopfen und
       lallendes Gemurmel.
       
       Ich mache mir ein Käsebrot. Als alles verstummt, dringt ein Hauch kalter
       Kippe ins Zimmer. [1][Beim Verlassen der Wohnung ist das Trottoir leer].
       Vor dem Haus markieren zwei rot-weiße Kunststoffbauzäune den Ort der
       Konversation. Sandige Unebenheiten, ein bizarr großer Haufen
       übriggebliebenes Mosaikpflaster. Der Steinemacher ist verschwunden. Später
       will ich Nudeln in Charlottenburg essen. Nummer 82.
       
       Verlangsamt ziehen die Schwimmer im Columbiabad unterm bedeckten Himmel
       ihre Bahnen. Zwei Polizisten diskutieren mit dem Bademeister, der
       Bademeister diskutiert mit zwei Jungs mit Wasserpistolen und Körpern wie
       aus Knete. „Warum denn nicht?“, nölt der eine und schießt gelangweilt einen
       Wasserstrahl ins Schwimmerbecken. „Sind doch eh alle nass.“ „Nee, nee. Dit
       zählt nicht“, brummt der Bademeister und schlappt zurück zu seinem Stuhl.
       Auf seinem Rücken steht: „So Pool ist nur Berlin.“ Die Jungs ziehen mit
       bewölkten Gesichtern Richtung Nichtschwimmerbecken. Vielleicht muss ich die
       Nudeln zweimal bestellen. Einmal zum Mitnehmen für morgen, direkt aus dem
       Kühlschrank. Die Kantstraße ist weit weg.
       
       ## Weißweindunst und klebrige Körper
       
       Unter der Dusche will ein zweijähriger Junge seinen Platz im Warmen nicht
       verlassen. Die Mutter wartet. Man sieht ihm an, dass er diese Lust am
       warmen Duschen für den Rest seines Lebens nicht aufgeben wird. Ich kann ihn
       verstehen. Vor einem französischen Restaurant am Savignyplatz demonstrieren
       Tierrechtler gegen den Verzehr von Entenstopfleber. Sie sind durch ihr
       Megafon schwer zu verstehen, verzerrt erkennt man „murderer“ in ihren
       Sprechgesängen. Gäste und Passanten nehmen sie nicht wahr. Zwei Polizisten
       beobachten sie mit schweren Lidern.
       
       Eine Menschentraube hat sich vor [2][Robert Grunenbergs Galerie]
       versammelt, darunter auch S. Wir haben uns bisher nie außerhalb des
       Internets kennengelernt, tauschen ein paar Worte. Eigentlich suche ich D.
       Mittlerweile habe ich großen Hunger. Statt der antizipierten Kälte des
       Kunstmarkts schlägt mir im Innenraum Schwüle entgegen. Zwischen
       Weißweindunst und klebrigen Körpern hängen dicke Malereien von Fili Henin,
       Øyvind Sørfjordmo und Jan Zöllner.
       
       Ich starre auf einen Windhund im Lavendel, darunter Knochen, am
       hochgezogenen Horizont ragen schmale Pappeln in den Himmel. Bei Henins
       Arbeiten definiert die Fläche die Figur, sie gefallen mir, trotz teils
       lieblicher Motive, ungemein gut. Es liegt am Gestus. Der Galerist stellt
       mich dem Maler vor. Ich druckse herum, wir enden in einem Gespräch über
       eins seiner älteren Bilder, hellgelb mit Spinne, Riesenformat. Ich würde es
       so gern mal in echt sehen, leider hängt es nicht hier. Da erscheint D.,
       schön wie immer, wir versinken kurz in Sätzen über Südfrankreich, Schuhe,
       das Internet und Nudeln. Irgendwann kann ich mich ihrem zarten Silberblick
       entreißen und laufe aufgekratzt gen Westen.
       
       Als ich den Nudelladen erreiche, ist das Licht aus. Auf einem Schild steht:
       „Wegen Umbau geschlossen bis 12.08.“ Das Trottoir ist leer, nur zwei
       Polizisten entfernen sich weit hinten im Bild. Vor dem Laden ein bizarr
       großer Haufen Steine.
       
       4 Aug 2026
       
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