# taz.de -- Berlin gibt Russland Schuld: Unfreundliche Grüße nach Moskau
       
       > EU und Nato sichern Deutschland ihre Solidarität zu. Auf das Mantra der
       > Einigkeit sollen nun schnell neue und scharfe Sanktionen folgen.
       
 (IMG) Bild: Nato-Generalsekretär Mark Rutte und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gaben eine gemeinsame Erklärung ab
       
       Sie bemühten sich sichtlich, den Eindruck zu vermeiden, es handle sich um
       eine Kriegserklärung an Russland: Nato-Generalsekretär Mark Rutte und
       EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kamen beide am Mittwoch in
       Brüssel zusammen. Ihr Top-Thema: [1][die Drohnenattacke am Flughafen
       Leipzig/Halle] und die Ansage der Bundesregierung, dass russische Dienste
       für den Vorfall zur Verantwortung zu ziehen sind.
       
       Beide sagten Deutschland ihre volle Solidarität zu und sprachen von einer
       neuen Eskalation seitens Russlands. Eine Attacke, ausgeführt von russischen
       Agenten mit militärischem Material, die Nato-Territorium ins Visier nahm,
       markiere eine weitere Stufe russischer Aggression. „Wäre der Anschlag
       geglückt, hätte er tödlich enden können“, sagte von der Leyen.
       
       Von der Leyen ordnete den Vorfall in Leipzig in eine Reihe ähnlicher
       Ereignisse in Europa ein: etwa Drohnen, die [2][in den Luftraum Estlands]
       eindringen, oder Einschläge in Rumänien und Polen. Rutte erinnerte an
       brennende Munitionsfabriken. All das seien Sabotageakte und Angriffe auf
       kritische Infrastruktur in Staaten, die die Ukraine militärisch, politisch
       und humanitär unterstützen. Kritische Infrastruktur sei zum vordersten Ziel
       russischer Attacken geworden. „Das ist das neue Normal“, kommentierte die
       EU-Kommissionspräsidentin die Vorfälle.
       
       Beide erinnerten an ihr letztes Treffen vor der Sommerpause beim
       Nato-Gipfel in Ankara. Schon dort sei die Geschlossenheit des Bündnisses
       spürbar gewesen. „Wir sind vereint. Wir werden den Druck aufrechterhalten.“
       
       ## Vor allem Visabestimmungen unklar
       
       Doch was heißt das konkret? Da sind zunächst die diplomatischen Reaktionen,
       die die Bundesregierung am Dienstag angekündigt hatte: Der russische
       Botschafter wurde einbestellt, das Russische Haus soll geschlossen werden,
       ebenso das Generalkonsulat in Bonn.
       
       Zu den von Außenminister Johann Wadephul ebenfalls angekündigten
       Verschärfungen der Visaregeln für Russinnen und Russen sind allerdings
       viele Fragen noch offen. Wer genau betroffen sein wird, ob bereits
       ausgestellte Visa zurückgenommen werden und wie mit politisch Verfolgten
       umzugehen ist, die nach Deutschland geflohen sind, bleibt unklar.
       
       Denkbar ist, dass russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger keine
       Touristenvisa mehr erhalten. CDU-Abgeordnete forderten in den vergangenen
       Wochen EU-weite Regelungen und verwiesen darauf, dass sich derzeit
       Hunderttausende russische Touristinnen und Touristen in Europa aufhalten.
       Die meisten Russinnen und Russen in Deutschland sind jedoch mit anderen
       Visa hier. Schätzungen reichen von einigen Hunderttausend bis zu über einer
       Million.
       
       Unterdessen arbeiten die Behörden mit Hochdruck daran, die Täter von
       Leipzig zu ermitteln. Medien berichteten am Mittwoch, zwei Verdächtige
       seien identifiziert: ein Lette und ein Belarusse mit russischem Pass.
       
       ## Der Nato Artikel 4 soll nicht genutzt werden – bisher
       
       Auf europäischer und Nato-Ebene informierte der deutsche Nato-Botschafter
       am Mittwoch seine Amtskollegen. Die Bundesregierung verzichtet bislang
       darauf, Artikel 4 des Nato-Vertrags zu aktivieren. Dieser würde
       Konsultationen ermöglichen, Abschreckungsmaßnahmen besser koordinieren und
       mehr militärische Übungen in strategisch wichtigen Regionen, etwa den
       baltischen Staaten, einleiten.
       
       [3][CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter] sieht genau dies als
       möglichen nächsten Schritt. „Die Systematik der Angriffe richtet sich auch
       gegen die Nato und soll das Verteidigungsbündnis spalten und schwächen“,
       sagte er der taz.
       
       Von der Leyen setzt auf die „Kraft des Binnenmarkts“ und will alle
       Schlupflöcher für Russland schließen, etwa durch weitere Sanktionen. Das
       will auch EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas vorantreiben. Bei einem Treffen
       der EU-Außenminister:innen in Irland am Mittwoch kündigte sie an, dass
       bereits Vorbereitungen liefen. Konkret sollen rund 1600 Personen und
       Unternehmen mit Verbindungen zum russischen militärisch-industriellen
       Komplex sanktioniert werden.
       
       ## Sanktionen in Häppchen
       
       Das 21. Sanktionspaket wurde vor der Sommerpause nach zähen Verhandlungen
       verabschiedet. Nun soll es schneller gehen. Vor allem baltische Staaten
       fordern, Sanktionen in kleineren, aber gezielten Schritten zu verhängen –
       präzise Nadelstiche gegen Russlands Wirtschaft und Rüstungsindustrie. Am
       Treffen nehmen auch Vertreter aus Großbritannien, Norwegen, Kanada, Island
       und der Ukraine teil.
       
       Estlands Außenminister Margus Tsahkna erneuerte seine Forderung nach einem
       schengenweiten Einreiseverbot für ehemalige russische Kämpfer. „Diese
       Menschen mit Kampferfahrung können ein Sicherheitsrisiko darstellen und
       könnten russischen Diensten als Rekrutierungspool dienen, um etwa
       Sabotageakte umzusetzen.“
       
       Auch neue Hilfen für die Ukraine stehen zur Debatte. Geprüft wird ein
       Antrag der Ukraine auf Geld für neue Flugabwehr. Die Zahlungsforderung hat
       einen Wert von mehreren Milliarden Euro und soll auch zur Investition in
       Patriot-Luftverteidigungssysteme dienen. Die Ukraine spricht von rund 300
       Abfangraketen, die derzeit gebraucht werden. Die russische Armee greift
       derzeit verstärkt die Energieinfrastruktur der Ukraine an, was im
       bevorstehenden Winter gravierende Folgen haben könnte.
       
       2 Sep 2026
       
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