# taz.de -- Ceuta und die Festung Europa: Mit freundlicher Unterstützung der Europäischen Union
> Nach Ceuta wurde vor allem darüber gesprochen, wie Marokko Migration
> instrumentalisierte. Nicht aber über die EU-Wirtschaftsinteressen, die
> dies ermöglichten.
(IMG) Bild: Migranten, die beim Versuch, nach Ceuta zu gelangen, ums Leben kamen, werden auf dem muslimischen Friedhof der Stadt beigesetzt
60.000 bis 70.000 Menschen, die genaue Zahl kennt niemand, sollen Ende Juli
versucht haben, von Marokko über [1][die spanische Enklave Ceuta] nach
Europa zu gelangen. Über die Hintergründe wird noch immer viel und
lautstark spekuliert.
Zahlreiche Politiker*innen nutzen die Gelegenheit, eine weitere
Verschärfung der Grenzbewachung zu fordern – obwohl die Europäische Union
seit Jahrzehnten Millionen von Euros jährlich in die spanisch-marokkanische
Grenzsicherung um Ceuta steckt und diese kaum stärker bewacht sein könnte.
Einige Expert*innen deuten die Ereignisse als Instrumentalisierung von
Migration*innen zur Durchsetzung [2][geopolitischer Interessen]
insbesondere der internationalen Anerkennung von Marokkos illegalen
Souveränitätsansprüchen auf die besetzte Westsahara.
Realpolitisch spricht einiges für diese Sichtweise, auch wenn sie
ausblendet, was diese „Instrumentalisierung“ überhaupt erst ermöglicht: ein
zutiefst rassistisches, tödliches System ungleicher Bewegungsfreiheit,
dessen Ursachen und Konsequenzen Expert*innen aus Betroffenen- und
Hilfsorganisationen in [3][einem offenen Brief] anlässlich des
Weltsozialforums in Benin analysieren. Die Gleichgültigkeit gegenüber den
mindestens 150 Toten, die dieses europäische Grenzregime wieder einmal
gefordert hat, ist erschreckend offensichtlich.
## Klarer Rechtsverstoß
Als Juristin empört mich vor allem die wenig diskutierte Tatsache, dass die
meisten Menschen, die nach Ceuta kamen, mehr oder weniger umgehend und ohne
individuelle Prüfung nach Marokko zurückgeschickt wurden. Die spanischen
Behörden verstießen klar gegen die aktuelle Rechtslage nach EU- und
internationalem Recht.
Viel zu selten wird auch in der angemessenen Tiefe über die sogenannten
Fluchtgründe gesprochen. Menschen, die sowohl aus Marokko selbst wie auch
aus anderen Regionen Afrikas in die Europäische Union gelangen wollen, tun
dies, weil ihnen das Leben in ihren Herkunftsländern unerträglich gemacht
wird – durch bewaffnete Konflikte, Klimawandel, Umweltzerstörungen und
ausbeuterische Arbeitsbedingungen.
In diesem europäischen Hitzesommer bekommen wir zwar praktischen
Anschauungsunterricht dafür, was die Auswirkungen des Klimawandels für
unser aller Leben bedeuten. Doch die schwersten, aufgrund des Klimawandels
bereits eingetretenen Schäden verzeichnet nicht etwa Europa, sondern
zahlreiche afrikanische Länder.
Abgesehen von den bereits auftretenden verheerenden Überschwemmungen,
beispielsweise im Südsudan, prognostizieren die Vereinten Nationen wie auch
das Potsdam Institute for Climate Research allein [4][für Südsudan] und
Mali eine Zunahme an Ernteausfällen, den vollständigen Verlust von Land und
Lebensgrundlagen und die Zerstörung von Infrastruktur durch sich
verschärfende extreme Dürre und Überschwemmungen.
## Die Ursachen der Flucht
Während wir also in Europa die wirtschaftliche Entwicklung und damit
unseren Wohlstand auf fossilen Energien und die Ausbeutung von natürlichen
Ressourcen in den damaligen Kolonien Afrikas aufgebaut haben, tragen nun
diese Staaten nicht nur die Folgen kolonialer Ausbeutung, sondern auch
[5][die Lasten der Klimakrise].
Dabei haben sie zu den weltweiten Treibhausgasemissionen nur minimal
beigetragen, während europäische Wirtschaftsinteressen weiterhin
ökologische Krisen verschärfen, Ausbeutung ermöglichen und bewaffnete
Konflikte anheizen. Nur ein Beispiel: Um Erdgas zu gewinnen, hat sich der
französische Konzern Total mutmaßlich an Kriegsverbrechen in Mosambik
beteiligt.
Europäische Regierungen verhindern darüber hinaus eine faire Gestaltung der
Weltwirtschaft, in der Wohlstand ansatzweise gerecht verteilt sein könnte
und afrikanische Regierungen in der Lage wären, mit den Herausforderungen
der Klimakrise umzugehen. So setzt sich eine starke Koalition afrikanischer
Staaten für ein derzeit bei der UNO verhandeltes, globales Steuerabkommen
ein. Es würde ihnen ermöglichen, multinationale Unternehmen, insbesondere
für die Gewinnung von Rohstoffen, angemessen zu besteuern. Deutschland und
die EU sind dagegen.
Gesetze wie das [6][deutsche Lieferkettengesetz] und die Corporate
Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) der EU werden verwässert,
währen sogenannte strategische Rohstoffpartnerschaften – allem Anschein
nach ungeachtet ihrer Auswirkungen auf Umwelt- und Menschenrechte –
gefördert werden. Das Credo konservativer und rechtsradikaler
Politiker*innen lautet weiterhin: Zugang zu strategischen Rohstoffen
sichern, egal welche ökologischen und menschenrechtlichen Konsequenzen das
vor Ort hat.
## Abschottung statt Weitsicht
Anstatt also eine faire und zukunftsgerichtete Weltwirtschaftspolitik zu
betreiben und ein progressives globales Steuerregime einzuführen, steckt
die EU [7][lieber Millionen in Abkommen mit Regierungen in Marokko,
Tunesien, Ägypten und Libyen]. Damit diese dann mit Gewalt und Repression
Menschen daran hindern, die EU zu erreichen.
Die europäische Grenzsicherung verschiebt sich immer weiter auf den
afrikanischen Kontinent und wird mit Milliarden an EU-Geldern
subventioniert. Wieder einmal sind es europäische Unternehmen, die mit
dieser Aufrüstung und Technisierung der EU-Außengrenzen viel Geld
verdienen.
Entsprechend interessiert sind sie am Ausbau dieses Geschäftszweiges –
während er in Afrika Konflikte und Repression wie die des marokkanischen
Staates gegen die unter illegaler Besatzung lebende Bevölkerung der
Westsahara befeuert. So werden dann weitere gute Gründe geschaffen, sich
auf den Weg nach Europa zu machen.
23 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ceuta/!t5047205
(DIR) [2] /Migration-nach-Europa/!6204313
(DIR) [3] https://www.medico.de/unsere-koerper-sind-nicht-eure-grenzen-20620
(DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.isipedia.org/report/will-climate-change-increase-the-exposure-to-river-flooding/ssd/&ved=2ahUKEwi3j9Ltz7aWAxW-BNsEHS4cAkQQFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw0vGAp5y626JPVCpGpkrBHl
(DIR) [5] /Der-Nahe-Osten-im-Jahr-2050/!6186908
(DIR) [6] /Auhoehlung-des-Lieferkettengesetz/!6202596
(DIR) [7] /Nach-dem-Ansturm-auf-Ceuta/!6201294
## AUTOREN
(DIR) Miriam Saage-Maaß
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