# taz.de -- Nach dem Sturm auf die spanische Exklave: Die Vergessenen von Ceuta
> Rund drei Wochen nachdem Tausende Migranten nach Ceuta kamen, ist die
> Lage für sie katastrophal. Auch die Einwohner fühlen sich im Stich
> gelassen.
(IMG) Bild: Ceuta im August: Migranten aus Marokko müssen ihre Notunterkünfte am Strand räumen
Mehr als drei Wochen [1][nach dem Massenansturm] dauert der Streit zwischen
Marokko und Spanien um die in Ceuta verbliebenen minderjährigen Migranten
und den Status der Exklave an. Zugleich wächst unter den Bewohnern von
Ceuta der Unmut über die Regierung in Madrid.
Klar ist aber auch: Die Lage der bis zu 10.000 Migranten aus Marokko und
Subsahara-Afrika wird immer dramatischer. Augenzeugen berichten von
sexualisierter Gewalt, dem Ausbruch von übertragbaren Hautkrankheiten und
Bewohnern, die zusammen mit spanischen Soldaten in der Nacht Jagd auf
Migranten machen.
Inmitten dieser humanitären Krise hatte Marokkos Justizminister Abdellatif
Quahbi erstmals vor 11 Tagen im TV-Sender Asharq die Übergabe von Ceuta und
der zweiten spanischen Exklave Melilla angemahnt. Beide Territorien seien
ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit und marokkanisch, so Quahbi. Die
spanische Regierung dagegen pocht auf den Verbleib der nordafrikanischen
Exklaven unter spanischer Hoheit.
## Populisten instrumentalisieren den Fall Ceuta
Man wolle dies ausschließlich durch Verhandlungen mit Madrid erreichen, so
Quahbi in dieser Woche. In marokkanischen Medien werden Ceuta und Melilla
neuerdings fast immer mit dem Zusatz „besetzt“ versehen. In
Regierungskreisen in Rabat und Madrid betont man, den Fall Ceuta weiterhin
gemeinsam lösen zu wollen. In den sozialen Medien nutzen Populisten
allerdings das Thema für sich. Die einen warnen vor Islamisten unter den
Migranten. Andere behaupten, Marokkos Erzfeind Algerien würde Menschen an
die Grenze zu Marokko bringen, um die spanisch-marokkanischen Spannungen zu
erhöhen.
Auf marokkanischen Tiktok-Seiten tauchten Werbevideos für einen [2][neuen
Sturm von Ceuta auf.] Wer dahintersteckt, ist unklar. Die marokkanische
Polizei reagierte mit der Verhaftung von Jugendlichen, die am 30. Juli in
Ceuta waren und Aufnahmen von ihren Erlebnissen online teilten. Aktivisten
der Menschenrechtsorganisation AMDH in der nordmarokkanischen Stadt Tetouan
zählten bisher 70 Festgenommene.
Auch in Casablanca und Rabat wurden Jugendliche verhaftet. Die Festnahmen
gingen einher mit einer Welle von Ermittlungsverfahren gegen Rapper oder
Künstler, die für ihre regierungskritische Haltung bekannt sind.
## Frust treibt die Jugendlichen auf die Straße
Bereits im vergangenen Oktober ließen die Behörden rund 2.000 Personen
festnehmen, um die sogenannten GenZ-212-Straßenproteste zu beenden. Damals
gingen etliche auf die Straße, um ihren Frust über die hohe
Jugendarbeitslosigkeit und die prekären Beschäftigungsbedingungen deutlich
zu machen. [3][Ende Juli war es dann Ceuta.]
Dort waren letzte Woche einige Migranten in den Hungerstreik getreten. Der
Grund: Am „Trampolin“-Strand hatten sich Krätze und Hepatitis ausgebreitet.
Mehrere Frauen berichteten von Vergewaltigungen. Vor wenigen Tagen räumten
die Behörden den Strand und brachten die Bewohner in Lagerhallen unter.
Seitdem ziehen verzweifelte Menschen aus weiter südlich gelegenen Gebieten
der 80.000-Einwohner-Stadt nach Norden, auf der Suche nach Baumaterial für
Zelte zum Schutz gegen die mittlerweile kühlen Nächte.
Viele Bürger Ceutas fühlen sich in diesem Chaos alleingelassen. Eine
Delegation von Innenminister Fernando Grande-Marlaska wurde letzte Woche
mit Pfiffen und wütenden Beschimpfungen empfangen. Immer mehr Häuser Ceutas
sind mit Stacheldraht gesichert, in einigen Stadtteilen patrouillieren
kleine Gruppen von Bewohnern auf der Suche nach Migranten durch die
Straßen.
## Jugendliche sollen auf spanisches Festland gebracht werden
500 Minderjährige sollen nun auf das spanische Festland gebracht werden.
Rechte Parteien sind empört, sie interpretieren dies als Motivation für
einen zweiten Sturm auf die Stadt. Marokkos Justizminister forderte auch
die Rückgabe der in Ceuta verbliebenen minderjährigen Marokkaner und
kritisierte komplizierte EU-Prozeduren.
Juan Jesús Vivas, der den Titel „Bürgermeister und Präsident“ Ceutas trägt,
schätzt die Zahl der Migranten auf 10.000, darunter 2.000 Minderjährige.
Vivas bezieht sich bei seiner Schätzung auf die Ausgabe von Essenspaketen.
Das Innenministerium in Madrid spricht hingegen von 5.000. 1.200 könnten
laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR Anspruch auf Asyl haben.
Wie es in der Krise nun weitergeht, ist unklar. Auch weil in Spanien und
Marokko die meisten Behördenvertreter und Politiker noch in der Sommerpause
sind. Zumindest in einem sind sich Migranten und Bewohner in Ceuta wohl
einig: dass sie im Stich gelassen werden.
26 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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