# taz.de -- Buch der Geliebten François Mitterrands: Dafür kommen wir also auf die Welt … für die Galeere
       
       > Erstmals auf Deutsch: „Renata wasweißich“. Catherine Guérard schrieb in
       > den 60ern über entfremdete Arbeit und den Wunsch, als Frau ein freies
       > Leben zu führen.
       
 (IMG) Bild: Gilt als große Unbekannte der französischen Literatur: Catherine Guérard
       
       In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es vor
       allem um die Befreiung von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen.
       Dabei stand die Befreiung von entfremdeter Arbeit ganz oben auf der Agenda.
       Auch Catherine Guérards „Renata wasweißich“, 1967 im französischen Original
       erschienen, befindet sich in der Tradition dieser Zeit.
       
       Der Roman, von [1][Olga Radetzkaja] überzeugend übersetzt, liegt nun zum
       ersten Mal auf Deutsch vor. In einer Mischung aus Stream of Consciousness
       und direkter Rede erzählt darin eine junge Frau ihre Geschichte.
       
       „Renata wasweißich“, wie sie später einmal sagt, arbeitet als
       Haushaltshilfe bei „Madame und Monsieur“. Als sie eines Tages kündigt, ist
       die Überraschung groß. Auf die erstaunte Frage ihrer Arbeitgeber nach dem
       Warum gibt sie keine Antwort. Auf den Einwand, man müsse doch Geld
       verdienen, außer man heiße Rothschild (aber auch die müssten ja schließlich
       arbeiten), erwidert sie, „dafür kommen wir also auf die Welt … für die
       Galeere“.
       
       Am Ende hilft ihr Madame, ihre Siebensachen, darunter ein Stapel
       Liebesbriefe, in drei Kartons zu packen und mit Schnüren zu umwickeln, denn
       einen Koffer will sie nicht. „Klar wäre ein Koffer besser, aber ein Koffer
       ist dafür da, dass man Sachen von einem Ort zum anderen bringt, und ich
       will meine Sachen ja von einem Ort zu keinem Ort bringen, da wäre ein
       Koffer nicht das Richtige.“
       
       ## Wozu die ganze Fragerei?
       
       Der Moment des Ausbruchs, der Selbstbefreiung aus dem immergleichen
       (Arbeits-)Leben, aktiviert in Renata Energien, die alle Überlegungen über
       die Grenzen der Freiheit über den Haufen werfen. Ohne die Folgen zu
       bedenken, zieht sie einfach los. Nur die Fragen nerven sie. Sie beantwortet
       sie entweder gar nicht oder mit Lügen. „Wozu überhaupt die ganze Fragerei
       im Leben, dachte ich, wenn die Leute keine Fragen stellen würden, bräuchte
       man nicht zu lügen.“
       
       Es sind banale Probleme, über die sie sich dann ärgert: dass es zu wenig
       Platz für ihre Kartons im Bus gibt oder der Schaffner sie fragt, wohin sie
       fahren will. In einem Park, in dem sie für einen der Stühle bezahlen soll,
       die eine Frau vermietet, wird sie als Clochard beschimpft, der sie nicht
       sein will. „Also heißt frei sein, dass man ständig unglücklich ist, dass
       man beschimpft wird, und ich dachte, wer für einen Chef arbeitet und wer
       Geld verdient, der wird nicht beschimpft.“
       
       Am Ende dann beginnt es zu regnen, und die Kartons fangen an, Feuchtigkeit
       aufzusaugen. Renata umwickelt sie mit Zeitungspapier, und spätestens ab
       diesem Punkt wird klar, dass es Catherine Guérard nicht nur um die Frage
       der Freiheit geht, sondern auch um die Frage, weshalb zum Beispiel
       sogenannte Bag Women, wie sie in den USA genannt werden, obdachlose Frauen,
       die mit einem Einkaufswagen voller gefüllter Tüten durch die Stadt ziehen,
       warum diese Frauen – trotz aller Widrigkeiten ihres Alltags – ihr Leben
       nicht aufgeben wollen. Warum sie die Hilfe, die ihnen angeboten wird, meist
       ablehnen: Weil Hilfe vor allem ihre Souveränität, ihre Freiheit infrage
       stellen würde.
       
       ## Die Liebesbriefe sind das Wichtigste
       
       Worauf Catherine Guérard hinaus will, wird in „Renata wasweißich“ schnell
       deutlich. Manche Wendung der Geschichte erscheint deshalb überflüssig, auch
       wenn die Übertreibung durch Wiederholung das Problem deutlicher werden
       lässt. Vielleicht könnte man „Renata wasweißich“ aber auch anders lesen.
       Denn das Letzte, was Renata hergeben würde, ist das Paket mit den
       Liebesbriefen.
       
       Das ist einerseits verständlich, weil sie offenbar die Verbindung zu einer
       großen Liebe darstellen; andererseits rätselhaft, denn der Leser erfährt
       über Renatas Geliebten außer seinem Namen nichts. Zusammen mit der Widmung
       des Romans – „für François“ –, könnte man „Renata wasweißich“ deshalb auch
       als Brief lesen. Als Brief an François, hinter dem sich [2][François
       Mitterrand] verbirgt, der zeitweise Geliebte von Catherine Guérard, der
       später Präsident Frankreichs wurde. Ihm ist das Buch gewidmet.
       
       26 Aug 2026
       
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