# taz.de -- Buch von queerer Iranerin: Leben im Konjunktiv II
       
       > Sayan Kouhzad hat im deutschen Exil ein Buch geschrieben: Über das Leben,
       > das ihr der Iran als queere Frau verwehrte. Eine persönliche Begegnung im
       > Park.
       
 (IMG) Bild: Der Tschador ist hier weit verbreitet: Frauen in der iranischen Hauptstadt Teheran im Juli 2026
       
       Wenn Sayan Kouhzad nicht im Iran geboren worden wäre, hätte sie dieses Buch
       nie schreiben müssen. Wahrscheinlich hätte sie sich trotzdem in ihre beste
       Freundin verliebt, hätte es ihren Eltern erzählt und wäre zum Studium
       aufgebrochen. Vielleicht würde sie schreiben, ihre klugen Gedanken und
       Beobachtungen zu Papier bringen, sicher hätte sie Themen, die sie bewegten
       und für die sie kämpfen würde. Höchstwahrscheinlich wäre sie trotzdem
       Feministin – nur wäre da nicht immer diese Angst.
       
       Aber Sayan ist im Iran geboren und aufgewachsen, in einer kleinen Stadt am
       Rande der Berge. Und so hat sie unter einem Pseudonym für den Querverlag
       ein kleines, sehr persönliches Buch geschrieben, das einen tiefen Einblick
       in das Leben von Frauen und Queers [1][im Iran] gibt. Denn obwohl sie
       Deutsch erst während der Coronapandemie als Fremdsprache erlernte,
       entschied sie sich bei dem Essay „Wenn ich nicht im Iran geboren worden
       wäre“ für die komplizierte grammatikalische Form des Konjunktiv II. Und
       genau dieser Konjunktiv ist es, der ihrer Geschichte Tiefe und Hoffnung
       gibt. Er dreht sich um die Frage: Was wäre (gewesen) wenn? Wer wäre diese
       rebellische Frau in einer Parallelwelt, ohne die starren Regeln der
       Islamischen Republik?
       
       „Dies ist keine helle, strahlende, heroische Geschichte“, schreibt die
       Anfang-Zwanzigjährige gleich zum Auftakt. „Es ist eine Geschichte des
       Überlebens, des Versuchs, aufrecht und authentisch zu bleiben, während man
       unter der Last des Schmerzes zerbricht.“
       
       Ich möchte wissen: Wer ist diese Autorin, die so berührend, mutig und
       nahbar über ihre persönlichen Erlebnisse schreibt? Sie blickt in dem Band
       auf ihr Leben als lesbische Frau in einem Land, in dem die Scharia über
       allem steht. Sie ordnet Geschehnisse ein, schreibt über Coming-out,
       Glauben, Depression und Angststörung. Ich treffe sie schließlich, nach
       einer langen vorsichtigen Kontaktaufnahme, in einem kleinen Park. Sie lebt
       seit einigen Jahren in dieser deutschen Stadt, deren Name hier nicht
       genannt werden darf. Trotz der großen Entfernung zu ihrem Herkunftsland ist
       sie vorsichtig: „Ich weiß nicht, wie viel sie wissen können. Es kann immer
       sein, dass sie herausfinden, dass ich hinter diesem Buch stehe.“ Deshalb
       traut sie sich nicht mehr, ihre Familie im Iran zu besuchen.
       
       ## Die alltägliche Freiheit
       
       Sayan Kouhzad ist zum Studium nach Deutschland gekommen und fühlt sich hier
       wohl. „Ich mag es hier, deswegen bin ich geblieben“, lacht sie, während die
       Sonne durch die Bäume in dem stillen Park bricht. Der schmale Grünstreifen
       zwischen den Plattenbauwohnungen ist einer ihrer Lieblingsorte. Oft wird
       sie gefragt, warum sie nach Deutschland gekommen ist. Dann antwortet sie:
       „Weil ich mir keine Zukunft im Iran vorstellen konnte. Aber die Wahrheit
       ist, ich hatte dort auch keine Gegenwart, kein normales Leben und ich
       wollte normal leben.“
       
       Es sei ihr Freiheitsdrang gewesen, der sie in die Ferne trieb. Damit meint
       sie nicht nur die großen politischen Schlagworte – wie Meinungsfreiheit
       oder Religionsfreiheit – sondern vor allem die kleinen Dinge. „Was uns viel
       mehr einschränkt und zu dem Punkt bringt, an dem wir unser ganzes Leben,
       unsere Familie, alles verlassen oder manchmal alles gefährden, sind die
       alltäglichen Freiheiten, wie zum Beispiel auf dem Gras zu liegen“, sagt
       sie, während sie mit glänzenden Augen im Schneidersitz auf der karierten
       Picknickdecke sitzt, die sie auf der Wiese ausgebreitet hat. Auch wenn das
       Picknicken im Grünen [2][in der Islamischen Republik] nicht direkt verboten
       ist, hatte sie dort stets Angst vor den Blicken. „Wenn man unter so einem
       autoritären und ideologischen Regime lebt, ist es, als ob man immer
       gefangen ist.“
       
       Dieser permanente Druck war es, der sie forttrieb. Für Kouhzad steht fest:
       Auch wenn nicht alle Frauen, die in religiös autoritären Systemen (wie der
       Iran) geboren wurden, die Theorien oder Begriffe kennen, sind sie
       zwangsläufig Feministinnen: „Wir werden gezwungen, Feministin und
       Aktivistin zu sein, weil jede Kleinigkeit, die wir machen möchten, ein
       Kampf ist.“ Im Buch spricht sie von Trauma und Schmerz. Sie beobachtete bei
       einer Tante, dass [3][Frauen] bei einer Scheidung keine Rechte haben, bis
       hin zum Sorgerechtsentzug für Kinder. Ihre Großmutter musste nach dem Tod
       ihres Mannes ihren Schwager heiraten. Und als Kouhzad selbst einen
       Reisepass beantragen wollte, musste das ihr Vater erlauben. „Das war immer
       ein Thema für mich. Ich wusste, ich muss um alles kämpfen.“
       
       ## Die Sache mit der Religion
       
       Heute bezeichnet sie sich als „Ex-Muslima“, aber wenn sie verreist und
       ihren Reisepass aufschlägt, ist da noch das Foto mit dem Kopftuch. Dabei
       trägt sie seit Jahren ihr langes, dunkles Haar unverhüllt. Für sie steht es
       für alles, was sie an dem totalitären Staat ablehnt. Schon mit sieben
       Jahren musste sie in der Schule Hidschab tragen. Ab dem „religiösen
       Verantwortungsalter“ von neun trug sie immer Hidschab, außer im engsten
       Familienkreis. Bis zur Pubertät hielt sie sich an die Regeln, eine Zeitlang
       griff sie sogar zu dem im Iran verbreiteten Tschador – ein langes dunkles
       Tuch, das Kopf und Körper verhüllt. „Weil ich so viel Angst hatte, wollte
       ich mich so gut wie möglich verstecken.“
       
       Und dann, ab 13, verlor sie den letzten Bezug zum Glauben. „Ich glaube, als
       ich Muslimin war, kam das niemals aus Überzeugung, sondern immer aus Angst.
       Trotzdem kann ich sagen, dass ich nicht gezwungen wurde, sondern
       gehirngewaschen, durch ein System, durch meine Tante und durch die vielen
       Sünden, die drohten.“ Sie spricht von „Rape-Culture“ und
       „Victim-Blaming-Culture“, davon, dass Frauen für ihre eigene Sicherheit
       verantwortlich gemacht werden. Hier auf der Wiese und in ihrem Buch benutzt
       sie klare Worte der Abgrenzung. Mit 16 legte sie schließlich in ihrer
       kleinen Stadt im Iran das Kopftuch ab. Nur bei ihrer religiösen
       Verwandtschaft trug sie es noch – nicht aber auf der Straße. Damals gab es
       dort keine Sittenpolizei, es blieb die Gefahr der Nachbarschaft.
       
       Heute ist Kouhzads Verhältnis zu Religion kompliziert: „Einerseits möchte
       ich über meine Erfahrungen sprechen, über alles, was passiert ist, über
       reale Konsequenzen.“ Welche Folgen hat systematische religiöse Kontrolle
       für ein Kind? Inwieweit prägt sie bis heute ihr alltägliches Leben?
       Eindrücklich hat sie das mit dem Konjunktiv zu Papier gebracht. „Aber“,
       sagt sie leise, „ich will nicht zum antimuslimischen Rassismus beitragen.“
       Mitunter wird ihr das vorgeworfen. In Deutschland erlebt sie als (obwohl
       nicht mehr gläubige) Muslima Diskriminierung, gleichzeitig wird ihr
       vorgeworfen, diese mit ihren Äußerungen zu verstärken. „Ich versuche immer,
       diese Differenz deutlich zu machen, wenn ich über meine Erfahrungen
       spreche.“ Trotzdem spürt sie den Druck aus der deutschen muslimischen
       Community, lieber zu schweigen.
       
       ## Coming-out unter unmöglichen Bedingungen
       
       Aber Sayan Kouhzad kann nicht schweigen. Kann sich nicht verstecken. Und so
       verliebte sie sich in eine Freundin, in einem Land, in dem Peitschenhiebe
       und Todesstrafe auf Homosexualität stehen. Sie alberten mitten in der
       Schule rum, lachten und plötzlich war da dieser Moment. „Das war das erste
       Mal, dass ich jemanden küssen wollte“, schwärmt sie. Es war schön und
       bedrohlich zugleich. Als sie mit 15 Jahren einen eigenen Internetzugang
       hatte und Filme, Serien und Webseiten aus aller Welt sehen konnte, verstand
       sie allmählich. Heute erinnert sie sich strahlend an die romantische
       Kinokomödie „Love, Simon“ von 2018.
       
       Was unter den vielen Konjunktiven im Essay klar wird, sind Angst und
       Panikattacken als ständige Begleiter in ihrem Leben. „Ich habe wirklich
       sehr viel Angst, dass ich verhaftet werde und was danach passiert.“ Mehr
       als den Tod fürchtet sie Folter und sexuelle Gewalt. Sie kann es kaum
       aussprechen, so real ist die Furcht auch hier im sonnigen Park: „Ich weiß,
       dass ich mich nicht an die Regeln halten kann.“
       
       Das Verhältnis zu ihren Eltern ist liebevoll, aber kompliziert. Ihr Vater –
       selbst nicht religiös – pflanzte ihr früh Angst ein, aus Sorge um sie.
       Wider all ihre Erfahrungen hat sie sich vor ihnen geoutet. „Ich verstehe,
       aus welchen Hintergründen sie mich, wie ich bin, nicht akzeptieren können,
       aber es tut trotzdem weh.“ Heute haben sie regelmäßig Kontakt. Als letztes
       Jahr der Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran wütete, studierte
       sie bereits in Deutschland. „Und, weil Krieg war und ich nicht wusste, wann
       wir uns das nächste Mal sprechen können, ob sie am Leben bleiben, habe ich
       das Thema wieder geöffnet“, erzählt sie stockend. Sie wollte wissen, ob sie
       sie trotzdem lieben können. Im Buch analysiert Kouhzad die
       Lebensgeschichten ihrer Eltern und versteht ihre Perspektiven: „Auch sie
       sind unter diesem krassen ideologischen Regime geboren und aufgewachsen.“
       
       Die Auswirkungen von Unterdrückung und stetiger Angst ziehen sich durch ihr
       Buch, dabei wirkt sie auf der Wiese so fröhlich und selbstbewusst.
       „Vielleicht hätte ich in einem anderen Leben einfach ich selbst sein
       dürfen. Stattdessen wurde ich Zeugin einer Welt, die niemand jemals sehen
       sollte“, schreibt sie. Am Ende lässt einen die Lektüre von „Wenn ich nicht
       im Iran geboren worden wäre“ sprachlos zurück. Und während die Sonne
       langsam hinter den grünen Bäumen verschwindet, rollt sie die Picknickdecke
       wieder ein. Wenn Sayan Kouhzad nicht im Iran geboren worden wäre, hätte es
       diese Begegnung sicher nicht gegeben und so würde dieser Welt eine wichtige
       Stimme für Frauen und Queers aus dem Iran fehlen.
       
       25 Aug 2026
       
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