# taz.de -- Roman „Sonnenspiel“: Sperr die Journalistin in die Speisekammer
> Andrea Grill erzählt in „Sonnenspiel“ eine queere Liebesgeschichte vor
> malerischer italienischer Landschaft. Der Roman strotzt nur so vor
> Klischees.
(IMG) Bild: Klischee pur: Italienisches Dorf im Abendlicht
Die Ausgangslage des neuen Romans „Sonnenspiel“ der österreichischen
Schriftstellerin Andrea Grill klingt vielversprechend: Die amerikanische
Modejournalistin Stella trifft in der Sommerhitze eines apulischen Dorfes
auf die prekär arbeitende apulische Näherin Loredana. Als Ich-Erzählerinnen
geben beide in Rückblenden, kapitelweise abwechselnd und zeitversetzt, ihre
Begegnungen preis. Leider verschenkt die Autorin das erzählerische
Potenzial dieser fiktiven Annäherung, indem sie, statt auf vielschichtige
Frauenfiguren zu setzen, ihre Protagonistinnen in antagonistisch am
Reißbrett entworfene Schablonen presst.
Die geistig arbeitende, politisch denkende, gut verdienende und allem
Häuslichen gegenüber unbedarfte Moderedakteurin auf der einen Seite und die
handwerklich geschickte, politisch nicht engagierte Dreifachmama, die nach
dem Tod ihres Mannes mit ihren drei Kindern wieder bei den Eltern lebt,
keinerlei soziale Kontakte pflegt, aber – als idealisierte Italienerin –
naturschön ist, im Garten arbeitet und bäuerliches Wissen hat, auf der
anderen.
Diese Stereotype lassen keinerlei Spielraum für Ambivalenzen und machen die
Handlung bereits nach wenigen Kapiteln erwartbar. Denn selbstredend hat
Stella als wandelndes Klischee der übereifrigen kosmopolitischen
Weltverbesserin sogleich eine Idee, sobald sie Loredanas gewahr wird: die
Arbeitsbedingungen ihrer unterdrückten Schwester im Geiste, die für
italienische Luxusmodemarken die finale Feinarbeit in Heimarbeit [1][für
einen Hungerlohn] anfertigt, mittels eines Enthüllungsartikels
anzuprangern. Und natürlich will Loredana, die mit neuen Aufträgen alle
Hände voll zu tun hat, von der selbst ernannten Retterin nichts wissen und
sperrt die übereifrige Journalistin kurzerhand in die Speisekammer.
An dieser Stelle gleicht der Roman bereits mehr einem überzeichneten
Filmplot, in dem ein Cliffhanger den nächsten jagt, als einer nuancierten
Ausarbeitung eines plausiblen Handlungsverlaufs. Auch Loredanas rasante
Kehrtwende von der argwöhnischen, der Touristin gegenüber auf Distanz
bleibenden Einheimischen zur Vertrauten und dann – Sie ahnen es – Geliebten
vollzieht sich ohne nachvollziehbare Motivation, sodass man als Leser:in
zunehmend unwillens ist, dem eingegangenen Fiktionsvertrag die Treue zu
halten.
## Eigenartiges Italienisch
Die schiere Menge stereotyper Zerrbilder verursacht ebenso Kopfschmerzen
wie die eigenartigen Einsprengsel des vorgeblich kolloquialen
Italienischen, die Authentizität suggerieren sollen, jedoch unecht klingen:
Welche:r Italiener:in, möchte man die Autorin fragen, würde Auberginen
„melanzani“ statt des grammatikalisch korrekten „melanzane“ nennen?
Selbiges gilt für die internen Fokalisierungen, die immer augenfälliger in
Richtung Eintönigkeit verschwimmen, bis man als Leserin irgendwann –
nunmehr vollkommen leidenschaftslos – hinnimmt, dass selbst die
Kinderstimmen wie die Erzählerinnen klingen.
Auch das zweite Grundmotiv des Romans – die Mode – bleibt oberflächlich. In
ermüdenden Monologen tut Stella ihr Wissen mittels Info-Dumping kund:
„Weißt du, dass die derzeitige Kreativdirektorin von Dior aus der Gegend
hier ist, Maria Grazia Chiuri. Sie stammt aus Tricase, väterlicherseits.[…]
Ihr Vater war beim Militär, die Mutter arbeitete als Schneiderin. Maria
Grazia Chiuri ist die erste Frau in dieser Position seit der Gründung des
Unternehmens im Jahr 1946.“
Dass besagte Kreativdirektorin für den T-Shirt-Schriftzug „We Should All Be
Feminists“ ihrer ersten Dior-Kollektion berechtigterweise viel Gegenwind
kassierte – immerhin sind 80 Prozent aller Textilarbeiter:innen
Frauen, die unter kläglichen Arbeitsbedingungen Kleidung nähen, die
privilegierte Feministinnen dann stolz präsentieren, ohne die Ironie zu
erkennen: Das scheint die Autorin indes nicht zu tangieren, obschon dies
doch der Gegenstand ihres Romanes ist.
Diesen Widerspruch zu offenbaren hätte jedoch vermutlich die krampfhaft
unternommene Geschlechteraufteilung im Roman in Gut (Frauen) und Böse
(Männer) kompromittiert. Immer wieder entsteht beim Lesen der Eindruck, die
Autorin sei davor zurückgeschreckt, literarische Risiken einzugehen. Jede
reizvolle Amoralität ihrer Protagonistinnen wird postwendend im Keim
erstickt. Dabei hatte der Dichter John Keats den literaturtheoretischen
Begriff der „Negative Capability“ bereits 1817 als Prämisse allen großen
Dichtens und Denkens geprägt: Jene Fähigkeit also, einen Zustand der
Unsicherheit bei komplexen Sachverhalten und ihren zahllosen
Wahrnehmungsmöglichkeiten auszuhalten.
Einem Roman jedoch ein fadenscheinig feministisches Gewand überzustülpen –
die Schmerzensmadonna im Hosenanzug respektive eine queere Anbandelung –
ohne charakterliche Figurentiefe, moralische Uneindeutigkeit oder echte
fiktive Ausbrüche aus gesellschaftlichen Konventionen: Das sorgt für lahme
Literatur.
„Mach nicht zu viele Pläne, die mich einschließen, ja? Du weißt, wer ich
bin. Mutter dreier schulpflichtiger Kinder, einzige Tochter eines alten
Ehepaars“, so spricht die Frau im Roman. Auch mit Leykam können
Autor:innen, Mitarbeiter:innen und Leser:innen nur noch bis zum
Jahresende rechnen: Der österreichische Verlag stellt die Sparten
Literatur, populäres Sachbuch und Kinderbuch ab 2027 aus
[2][wirtschaftlichen Gründen] ein. Die verlegerische Entscheidung sorgte
für Erschütterung – anders als der vorliegende Roman.
10 Aug 2026
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