# taz.de -- Olivia Wilde's Kinofilm „The Invite“: Die Sehnsüchte des anderen
> Ein Beziehungsfilm, der im besten Sinne aufrüttelt. Mit Witz und Wärme
> erzählt Olivia Wilde in „The Invite“ von Paaren, Intimität, Sex und
> Risiko.
(IMG) Bild: Der Abend nimmt langsam Fahrt auf. Szene aus „The Invite“
Mit welcher Leidenschaft noch vor Kurzem über „Triggerwarnungen“ gestritten
wurde – über den Sinn oder Unsinn von „Content Notes“, die nicht nur vor
diskriminierenden Stereotypen, sondern auch vor aufwühlenden Bildern warnen
sollen. Dabei lässt sich längst nicht alles, was im Innersten aus dem
Gleichgewicht bringen kann, durch einen Warnhinweis kenntlich machen.
Auch ein Film wie „The Invite“ wäre wohl niemals in die Verlegenheit
geraten, mit einer „Triggerwarnung“ versehen zu werden. Trotzdem besitzt
Olivia Wildes dritte Regiearbeit das Zeug dazu, einen Gedankengang
auszulösen, der Beziehungen retten oder beenden kann. Zumindest solche, die
eigentlich längst eingeschlafen, zu betäubendem Ballast geworden sind. Und
in einer solchen steckt das Paar, dessen Perspektive hier eingenommen wird.
Dass ihre zunächst sehr klischeehaft wirkenden Eheprobleme eine
überraschende Sprengkraft entfalten werden, scheint anfangs allerdings kaum
vorstellbar. Der männliche Part, Joe, wirkt wie eine der Figuren, wie sie
Seth Rogen seit vielen Jahren verkörpert: Im Auftakt radelt er durch San
Francisco, macht auf seinem viel zu kleinen Klapprad eine lächerliche
Figur, scheint unzufrieden mit seiner Position als Lehrer an einer
Musikschule und ist doch zu sehr in seiner Behäbigkeit gefangen, als dass
er etwas ändern würde. Zu Hause, es hat wohl eine psychosomatische Ursache,
rebelliert der Rücken.
Zeit für Erholung bleibt nicht, denn Angela hetzt aufgeregt durch das
Apartment. Auch sie gibt ein bekanntes Bild ab, als Hausfrau und Mutter,
die ihre überschüssige Energie, seit die zwölfjährige Tochter sie weniger
braucht, in immer neue Dekorationsprojekte steckt. Ihren Selbstwert bezieht
sie aus der Anerkennung von Fremden.
## Joe hat den Wein vergessen
Auch deswegen muss alles in bester Ordnung sein, wenn die Nachbarn von oben
gleich zum Abendessen aufschlagen. Dem steht nun im Wege, dass Joe keinen
Wein mitgebracht hat, so wie Angela es ihm angeblich aufgetragen hat. Schon
entbrennt ein Streit.
Nichts an dieser Konstellation wirkt besonders außergewöhnlich; auch als
Remake scheint „The Invite“ dazu prädestiniert, erwartbar zu sein. Zumal
die Kammerspielformel mit erkennbarer Lust an der Eskalation nach schwer zu
übertreffenden Vorbildern wie „Der Gott des Gemetzels“ oder „Im August in
Osage County“ kaum noch Raum für Überraschungen lässt.
Und doch zeichnet sich schon hier eine wichtige Verschiebung ab: Während
sich die handelnden Figuren etwa bei [1][Roman Polanski] oder [2][Orson
Welles] lange damit aufhalten, die schöne Fassade aufrechtzuerhalten, weist
sie hier direkt deutliche Risse auf – wenn sie nicht längst dahin ist.
So machen sich die Nachbarn Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton)
gar nicht erst die Mühe zu behaupten, sie hätten den lautstarken Zank vor
der Wohnungstür überhört. Ganz frei heraus fragen sie, ob es noch immer ein
guter Zeitpunkt für ihren Besuch sei.
## Die dünne Decke der Wahrheit
Das wiederum zieht weitreichende Konsequenzen nach sich: Das Drehbuch von
Will McCormack und Rashida Jones ist weder auf das große Entlarvungsmoment
hin geschrieben noch steuert es auf die mittlerweile ermüdend oft bemühte
Erkenntnis zu, wie dünn die zivilisatorische Decke doch in Wahrheit ist.
Stattdessen beobachtet „The Invite“ – ohne Zynismus, aber mit schneidendem
Witz – die feineren Zwischenmenschlichkeiten, von verborgenen Wünschen bis
zu kaum merklichen Verletzungen. Dass dies gelingt, ist nicht zuletzt dem
ungewöhnlichen Entwurf von Piña und Hawk zu verdanken.
Ihre entwaffnende Ehrlichkeit mag Angela anfangs noch vor den Kopf stoßen,
bald aber setzt dieselbe Offenheit übliche Höflichkeitsrituale außer Kraft,
die weniger der Rücksichtnahme dienen als der Wahrung vor vermeintlich
schützender Distanz.
Darüber zeichnet die beiden Nachbarn allerdings auch eine faszinierende,
weil fast unerschütterliche Zugewandtheit aus. Als Figuren wirken sie
dadurch zwar fast überweltlich, als Resonanzkörper, die Verdrängtes ans
Tageslicht befördern, funktionieren sie jedoch hervorragend.
## Joints und laute Sexgeräusche
Während Piña sich trotz seines rüden Auftretens mit Joe ins Arbeitszimmer
zurückzieht, um mit ihm einen Joint zu rauchen, und sich dabei für seine
Musik interessiert, denkt Hawk an der Seite von Angela mit derselben
Ernsthaftigkeit über den richtigen von drei kaum voneinander zu
unterscheidenden Blautönen für eine Wand nach.
Erst auf diesem Fundament, als sich so bereits zeigte, wie sehr sich sowohl
Angela als auch Joe nach dieser Aufmerksamkeit sehnen, steigert sich „The
Invite“ zur wohl titelgebenden Provokation: Nachdem sich das Quartett
wieder zusammengefunden hat und sich Piña und Hawk für die lauten
Sexgeräusche aus ihrer Wohnung entschuldigt haben, erzählen sie von ihren
Sexpartys – und laden ihre Nachbarn kurzerhand ein, noch am selben Abend
mit ihnen zu schlafen.
Die gierig angenommene Einladung legt endgültig ein tiefer liegendes
Verlangen frei, vor allem aber eine folgenreiche Erkenntnis: Joe und Angela
widmen sich längst nicht mehr einander mit der Intensität, nach der sie
sich eigentlich sehnen.
Nicht ihre Gedanken, nicht ihre Hoffnungen, nicht ihre Körper scheinen für
den anderen noch eine reizvolle Dringlichkeit zu besitzen. Und es verletzt
sie mehr, als sie wahrhaben wollten.
## Gewohnheiten überschreiten
Seinen stärksten Impuls – oder, wenn man so will, seinen eigentlichen
„Trigger“ – hebt sich „The Invite“ aber für den Schluss auf.
Gegen den Hang des heutigen Beziehungskinos, Trennungen vor allem als
Schritt zur individuellen Selbstverwirklichung zu erzählen, setzt Olivia
Wilde auf eine beinahe anachronistische, da stärker auf gegenseitige
Verantwortung bedachte Idee: Liebe kann nicht darin bestehen, nur die
eigenen Sehnsüchte ernst zu nehmen und zu verteidigen, sondern ebenso die
des anderen.
Das Verstummen des anderen im eigenen Leben wird so zur eigentlichen
Tragödie einer Beziehung – und „The Invite“ zu einem eindrucksvollen Beleg
dafür, dass man vor manchen Zumutungen besser nicht gewarnt werden sollte.
1 Aug 2026
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