# taz.de -- Migration nach Ceuta: Sie wurden benutzt
       
       > Weil Tausende in eine spanische Exklave durchbrachen, galt Spaniens
       > Premier schnell als Buhmann der EU. Dabei schiebt er härter ab, als es
       > Recht ist.
       
 (IMG) Bild: Gnadenlos: Junger Flüchtling und spanischer Soldat in Ceuta
       
       Es ist eine Größenordnung, die alles Vergleichbare um ein Vielfaches
       übersteigt. Auf insgesamt rund 72.000 korrigierte der spanische
       Innenminister Fernando Grande-Marlaska mittlerweile die Zahl der Menschen,
       die in der vorigen Woche die Grenze der spanischen Exklave Ceuta von
       Marokko aus durchbrochen hatten.
       
       Beobachter:innen schilderten der taz, wie Busse ungehindert durch
       Marokko in Richtung Ceuta unterwegs waren und die Insassen vor den Augen
       der marokkanischen Sicherheitskräfte nahe der Grenze ausstiegen.
       Migrant:innen berichten zudem davon, dass marokkanische
       Sicherheitskräfte sie über die Grenze getrieben hätten, teils mit Gewalt.
       In sozialen Medien häuften sich Gerüchte, dass Spanien angeblich nicht mehr
       abschiebe.
       
       Marokko wird seit etwa 20 Jahren von Spanien und der EU dafür bezahlt, die
       Grenzen der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla dichtzuhalten. Pro Jahr
       fließen deutlich über 100 Millionen Euro nach Rabat. Die Zäune um Ceuta
       sind sechs Meter hoch, stark überwacht. „Und plötzlich gehen da die Tore
       auf. Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Helena Malo von der NGO
       Caminando Fronteras mit Sitz in Madrid.
       
       Spanien bemühte sich, Marokko keine Vorwürfe zu machen. „Es muss nicht
       unbedingt jemand schuld sein“, sagte Innenminister Grande-Marlaska. Das
       Portal [1][Euractiv] schrieb, die Regierung in Madrid habe auch die anderen
       EU-Staaten gebeten, Marokko wegen des Grenzdurchbruchs nicht öffentlich zu
       kritisieren.
       
       ## Bloß nicht die Zusammenarbeit gefährden
       
       „Wenig überraschend“ nennt das Daniele Saracino vom Bonn International
       Centre for Conflict Studies. Saracino ist Experte für die
       Instrumentalisierung von Migration. Dieses Phänomen wurde erstmals breit
       diskutiert, als [2][Belarus und Russland im Herbst 2021 rund 30.000
       Menschen nach Polen und ins Baltikum durchließen], um Druck auf die EU
       aufzubauen. Belarus wurde damals „Instrumentalisierung“ und „hybride
       Bedrohung“ vorgeworfen. Doch die EU sei dabei „sehr selektiv“, sagt
       Saracino. Das oberste Ziel sei die weitere Grenzschutz-Zusammenarbeit mit
       Marokko und anderen Staaten. „Das will man nicht gefährden.“
       
       Die EU hatte es schon 2021 nicht als „Instrumentalisierung“ bezeichnet, als
       Marokko rund 8.000 Menschen nach Ceuta durchließ, um Spaniens Anerkennung
       von Marokkos Herrschaft über die Westsahara zu erzwingen. Und nun tat die
       EU es auch nicht. „Damit ist einmal mehr klar geworden, dass aktiv
       herbeigeführte Migrationsbewegungen bei asymmetrischen Machtverhältnissen
       erfolgreich sein können“, sagt Saracino. Solche Provokationen seien ein
       „starkes außenpolitisches Instrument“.
       
       Die EU-Staaten fielen zunächst über Spanien her. Italiens
       Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte Spaniens Ausschluss aus dem
       Schengenraum. 22 EU-Regierungschefs machten Spanien in einem Brief Vorwürfe
       wegen seiner progressiven Migrationspolitik, die die Krise in Ceuta als
       „Pullfaktor“ angeheizt habe. Bundeskanzler Friedrich Merz ließ Spanien im
       gewohnten Befehlston wissen, er habe die „klare Erwartung“, dass es seiner
       „Pflicht zur Grenzsicherung nachkommt“.
       
       Der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber (CSU), forderte
       gar, dass die EU-Grenzschutzagentur Frontex künftig das Kommando in
       EU-Staaten an sich ziehen dürfe, die ihre Außengrenzen nicht selbst sichern
       könnten oder wollten. Die Ereignisse in Ceuta aber sind nicht darauf
       zurückzuführen, dass Frontex irgendetwas nicht gedurft hätte – sondern
       darauf, dass die EU sich beim Grenzschutz seit Jahren von Partnerstaaten
       abhängig macht.
       
       ## Wurde der Durchbruch absichtlich herbeigeführt?
       
       Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte „physische Barrieren“
       an den Außengrenzen. Dabei sind die Grenzbarrieren nirgends massiver als in
       Ceuta.
       
       Madrid empfand die Schuldzuweisungen als Affront. „Hätten sie alle Ruhe
       walten lassen und gesagt: ‚Wir vertrauen Spanien‘ – was für ein starkes
       Signal wäre das nach außen gewesen!“, sagt auch Forscher Saracino. Doch so
       habe die EU den Schaden selbst angerichtet, die Einigkeit sichtbar
       zerbröseln lassen.
       
       Erst als sich abzeichnete, dass Spanien fast alle Angekommenen schnell und
       weitgehend ohne Gewalt wieder nach Marokko zurückgebracht hatte, änderte
       sich der Ton. Spanien gebühre „Anerkennung für seine rasche Reaktion auf
       die Lage in Ceuta aus“, sagte der irische Innenminister Jim O’Callaghan,
       Vorsitzender der EU-Innenministerkonferenz. Die beschloss am Dienstag unter
       anderem, für den Schutz der Außengrenzen, „enge Partnerschaften mit
       Drittländern aufzubauen“.
       
       Dabei geschieht genau das seit Jahren – und hat die Eskalation in Ceuta in
       dieser Form erst möglich gemacht. „Offensichtlich ist es so, dass Marokko
       den Grenzdurchbruch absichtlich herbeigeführt hat“, sagt Saracino. Dafür
       müsse es einen Grund geben, doch der sei noch ungeklärt.
       
       Manche vermuteten Russland hinter dem Grenzdurchbruch, denn Moskau hat die
       Situation über seine Propagandakanäle ausgeschlachtet. Spanien hatte
       bereits 2022 vor durch Russland getriggerten Migrationsbewegungen aus
       Afrika gewarnt. Andere mutmaßten, die USA oder Israel hätten Rache für die
       Haltung Spaniens im Gaza- und Irankrieg genommen. Der Thinktank American
       Enterprise Institute hatte Marokko im März dazu aufgerufen, die Exklaven
       Ceuta und Melilla mit „unbewaffneten Zivilisten“ zurückzuerobern.
       
       ## Den EU- und Nato-Zusammenhalt untergraben
       
       Alles Spekulation, sagt Saracino. Er plädiert dafür, das genuin eigene
       Interesse Marokkos in den Blick zu nehmen – die Kontrolle über die
       Westsahara. Spanien plant, Bewohnern seiner Ex-Kolonie, die vor dem
       spanischen Abzug 1976 geboren sind, die spanische Staatsangehörigkeit
       anzubieten – was Rabat missfällt.
       
       Auch die desolate wirtschaftliche Lage dürfte viele junge Marokkaner für
       den Ausbruch anfällig gemacht haben. Doch bis Donnerstag wurden 75 Leichen
       geborgen, viele weitere Menschen werden vermisst. Auch für die Übrigen gab
       es keinen Neuanfang in Europa. Sie wurden benutzt, ohne selbst zu
       profitieren.
       
       Die in Berlin ansässige NGO [3][Cyfluence Research Center] hat Posts in elf
       Sprachen aus den ersten 24 Stunden nach dem Grenzdurchbruch von Ceuta auf
       den Plattformen X und Reddit analysiert. Demnach zeigten sich typische
       Muster „feindlicher Einflussnahme“, wie sie von Akteuren wie China und
       Russland bekannt seien. Die laufenden Ereignisse seien mithilfe
       „verschwörungstheoretischer Narrative“ instrumentalisiert worden.
       „Influencer“ hätten „böswillige Botschaften verstärkt“, um den Zusammenhalt
       in Europa und der Nato zu untergraben. So sei verbreitet von einer
       „islamischen“ oder „militärischen“ Invasion die Rede gewesen, etwa auch bei
       X-Eigner Elon Musk. Andere richteten sich gegen die liberale
       [4][Migrationspolitik der Sánchez-Regierung].
       
       Die EU hat in ihrem neuen Asylsystem Geas einen Mechanismus eingeführt, der
       bei der Instrumentalisierung von Migration greifen soll. Doch wie zuvor
       Polen machte auch Spanien von der Regelung keinen Gebrauch. Beide setzten
       lieber auf direkte Pushbacks. „Die Instrumentalisierungsklausel im Geas
       erlaubt aber keine Pushbacks, menschenrechtliche Standards müssten weiter
       eingehalten werden, wenn auch in abgesenkter Form“, sagt Saracino.
       
       Und auch sonst wird das im Juni in Kraft getretene Geas missachtet. Spanien
       müsste Ankommende eigentlich in Aufnahmezentren einem Screening-Verfahren
       unterziehen und gegebenenfalls ein Asylverfahren durchführen. Doch das Land
       schiebt in Ceuta und Melilla Ankommende seit Jahren direkt nach Marokko
       zurück – und denkt nicht daran, diese „heißen Abschiebungen“ aufzugeben. In
       der EU wird das akzeptiert. „Kein Mitgliedstaat wird von Spanien erwarten,
       wegen des Geas nun ein Screening-Zentrum in Ceuta zu errichten“, sagt
       Saracino. „Was sie erwarten, ist, dass Migranten da nicht hinkommen.“
       
       7 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://euractiv.com/de/news/die-migrationskrise-in-ceuta-schlagt-in-der-eu-politik-hohe-wellen/
 (DIR) [2] /Grenze-zwischen-Polen-und-Belarus/!5816565
 (DIR) [3] https://www.cyfluence-research.org/post/ceuta-and-melilla-russian-aligned-narrative-exploitation-of-the-border-crisis
 (DIR) [4] /Liberale-Einwanderung/!6164573
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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