# taz.de -- Kritische Infrastruktur in Deutschland: Die Lage ist bedrohnlich
> Wie geschützt ist Deutschlands kritische Infrastruktur? Nach dem
> Drohnenfund am Flughafen Leipzig wird Kritik am Konzept des
> Bundesinnenministers laut.
(IMG) Bild: Wer ist zuständig? Kritiker bemängeln Kompetenzgerangel bei der Abwehr hybrider Angriffe
Es waren große Worte, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am
Mittwochabend verwendete. Der Minister hatte nach dem Fund einer Drohne mit
Sprengstoff am Flughafen Halle-Leipzig seinen Sommerurlaub unterbrochen und
sprach nun von einer „neuen Gefahrenqualität“ und einem „hybriden
Anschlagsszenario“.
Die Drohne mit Sprengladung wurde in der Nacht zum Mittwoch von einem
Flughafenmitarbeiter entdeckt. Der Flughafen gilt als Umschlagplatz für
militärische Hilfslieferungen für die Ukraine. Experten der Bundespolizei
entschärften die Sprengladung, die offenbar nur deshalb nicht detonierte,
weil der Zünder defekt war.
Tags darauf entbrannte eine Diskussion, was aus den markigen Worten
Dobrindts folgen müsse – für die deutsche Haltung gegenüber Russland und
für die deutschen Sicherheitsbehörden. Für den CDU-Außenpolitiker Roderich
Kiesewetter sind die bisherigen Schutzmaßnahmen im Bereich kritischer
Infrastrukturen in Deutschland nicht ausreichend. „Es fehlt in Deutschland
an rechtlichen Befugnissen zum effektiven Schutz, an technischen
Schutzmöglichkeiten, an Abschreckungsmaßnahmen auch im Cyberbereich, an
physischem und personellem Schutz sowie am Mindset“, sagte Kiesewetter der
taz.
Deutschland befinde sich im Zentrum hybrider Angriffe und sei besonders
vulnerabel, weil man hierzulande für das moderne Bedrohungsbild und hybride
Angriffsvektoren bislang kaum aufgestellt sei. Und: Kiesewetter hat klare
Worte für die brenzlige Lage. „Ich weiß nicht, wie viele Weckrufe es noch
braucht, um zu begreifen, dass Russland Krieg gegen Europa und auch
Deutschland führt und den Terror längst nach Deutschland trägt“, so der
Außenexperte. „Das müsste eigentlich seit dem Tiergartenmord 2019 dem
Letzten klar sein – aber in Deutschland überwiegt häufig Russlandromantik,
Wunschdenken und strategische Blindheit.“
## Probleme mit Kompetenzen
Kiesewetter geht noch einen Schritt weiter und spricht sich für
Konsultationen der Nato-Staaten im Rahmen von Artikel 4 aus. „Die hybriden
Angriffe betreffen ja auch andere Nato-Staaten wie Polen, Rumänien, das
Baltikum, in denen Angriffe mit Drohnen und auch mit einer ballistischen
Rakete stattfanden und Russland nachweislich zugeschrieben werden konnten.“
Die Vize-Vorsitzende des parlamentarischen Kontrollgremiums, Sonja Eichwede
(SPD), lobte dagegen die bisherigen Schritte der schwarz-roten Koalition
für den Schutz kritischer Infrastrukturen. Man sei dabei, die
Sicherheitsarchitektur in Deutschland „umzubauen und neu aufzubauen“, sagte
sie im Deutschlandfunk. „Unser Land wird vermehrt durch hybride Angriffe
bedroht.“ Dies äußere sich in Drohnenüberflügen und
Desinformationskampagnen wie etwa die Video-Desinformationskampagne in
Sachsen-Anhalt, die russischen Ursprungs ist. Eichwedes aktuelle
Einschätzung: „Die unterschiedlichen Angriffe sind jeweils
hochprofessionell und könnten aus der gleichen Richtung stammen.“
Die SPD-Politikerin verwies auf die Einrichtung des gemeinsamen
Drohnenabwehrzentrums von Bund und Ländern und des gemeinsamen
Abwehrzentrums Hybrid. Beide seien im Fall des jüngsten Drohnenfundes aktiv
geworden. Die Bundesregierung sei zudem dabei, „die Flughäfen in
Deutschland mit entsprechender Drohnenabwehr auszustatten“ und „neue
Technik auch entsprechend einzubauen“. Außerdem gebe das neue
Luftsicherheitsgesetz der Bundeswehr die Möglichkeit, gegen Drohnenangriffe
einzuschreiten, sagte Eichwede. Und die Bundespolizei habe ebenfalls neue
Befugnisse bei der Drohnenabwehr bekommen.
Viele der Stellen und Möglichkeiten hatte Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt Ende vergangenen Jahres einrichten lassen. Dazu kam wenige Monate
später eine neue Antidrohnen-Einheit der Bundespolizei, die er mit viel
Tamtam nahe Berlin präsentiert hatte.
## Woanders ist man schon erfahren
Doch Kritiker erkennen in den vielen neuen Stellen und Einheiten eher eine
zusätzliche Quelle für Chaos. Grünen-Innenexperte Konstantin von Notz
sprach von einem „diffusen Zuständigkeitsnetz“. Er kritisierte Dobrindt,
klare Zuständigkeiten zwischen den Behörden zu scheuen. „Er hat dieses
Drohnenabwehrzentrum gegründet, aber er ist eben nicht bereit zu sagen,
eindeutig hat die Bundespolizei den Hut auf für die Drohnenabwehr, sondern
er kaschiert das“, so von Notz, der auch das parlamentarische Gremium zur
Kontrolle der Geheimdienste stellvertretend leitet.
Und auch Parteifreunde Dobrindts sehen Bedarf bei Verbesserungen im Bereich
Drohnenabwehr allerdings mit anderem Schwerpunkt als die Grünen. Nach den
Vorstellungen des Vorsitzenden des parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc
Henrichmann (CDU), sollen auch die Betreiber von kritischer Infrastruktur
(Kritis) wie Flughäfen aktiv Drohnen abwehren können. „Wo rechtlich
zulässig und erforderlich, sollten Drohnen abgewehrt werden dürfen,
notfalls auch durch Betreiber von Kritis-Einrichtungen“, sagte Henrichmann
der Rheinischen Post.
Was in Deutschland derzeit fast wie eine Überraschung wirkt, ist nahezu
täglich der Fall im Osten und Nordosten Europas. Genauer gesagt, vor allem
in den Grenzregionen zu Belarus und Russland. Besonders betroffen sind die
baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen. Erst im Mai schoss ein
Nato-Kampfjäger ein solches Flugobjekt über Estland ab. Verletzt wurde
niemand, die Drohne fiel in ein Sumpfgebiet. Nur wenige Tage später meldet
die litauische Hauptstadt Vilnius Luftalarm wegen einer Sichtung. Im Juni
wurde in Lettland eine Drohne vom Himmel geholt.
Zu Vorfällen mit Drohnen kam es auch in Rumänien oder Finnland immer
wieder. In Helsinki wurde der Flughafen zeitweise geschlossen.
Sicherheitsexpert:innen sprechen von elektronischer Kriegsführung in
dieser Phase des Krieges zwischen der Ukraine und Russland. Klar ist in
allen betroffenen Staaten: Die russische Armee ist verantwortlich dafür,
dass die Drohnen Nato-Territorium ansteuern.
Unterdessen dauerten die Ermittlungen im Zusammenhang mit einem zweiten
verdächtigen Objekt an. Eine wegen des Drohnenfundes nach Hannover
umgeleitete Maschine war in der Nacht zu Mittwoch nahe Leipzig mit einem
weiteren Flugobjekt zusammengestoßen.
6 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
(DIR) Adam Schwedhelm
(DIR) Frederik Eikmanns
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