# taz.de -- Krisentreffen gegen Niedrigwasser: Immer tiefer Rhein
> Niedrige Pegelstände großer Flüsse bedrohen auch Ökosysteme. Der
> Bundesverkehrsminister plant trotzdem nur Maßnahmen für die Rettung der
> Wirtschaft.
(IMG) Bild: Tiefer gelegt: Ein Tanker tuckert auf dem Rhein bei Oberwesel. Große Ladungen führen kann er derzeit nicht
Das Niedrigwasser in deutschen Wasserstraßen ist eine Folge des
Klimawandels, das machte Steffen Bilger (CDU) am Donnerstag klar – klarer,
als es wohl vielen seiner Parteikolleg:innen gelungen wäre. Und doch
sieht der Bundesverkehrsminister in den niedrigen Pegelständen vor allem
eine „konkrete Herausforderung für unsere Wirtschaft und unsere
Versorgung“.
Kurzfristig will Bilger, noch frisch im Amt, dieser Herausforderung mit der
Verlagerung von Gütertransporten vom Schiff auf die Straße und die Schiene
begegnen. Dafür wolle etwa die Deutsche Bahn mehr Kapazitäten im
Schienengüterverkehr bereitstellen, und für die Straße plant Bilger, das
Lkw-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen abzuschaffen. Wie genau das Verbot
ausgesetzt wird, wolle er mit den Verkehrsminister:innen der Länder
besprechen. Die seien schon jetzt weitgehend offen für seine Idee, so
Bilger am Donnerstagnachmittag in Bonn.
Wegen der außergewöhnlich niedrigen Pegelstände in den großen Flüssen
Rhein, Donau und Elbe hatte Bilger für Donnerstag [1][zu einem
Krisentreffen eingeladen]. Mit betroffenen Unternehmen, Industrie-, Häfen-,
Schifffahrtsverbänden und Behördenvertreter:innen tauschte sich der
CDUler über den Umgang mit dem Niedrigwasser aus. Auch die [2][DB Cargo,
Güterverkehrstochter der Deutschen Bahn], und der Lkw-Lobbyverband BGL
nahmen teil. Umweltorganisationen waren nicht eingeladen.
Am Ende des Treffens sagte Bilger, dass sich die Teilnehmenden in vielen
Punkten einig gewesen seien. Mittelfristig müssten etwa Schiffe
modernisiert werden, um besser in niedrigem Wasser fahren zu können.
Langfristig gehe es um den „Ausbau unserer Wasserstraßen“, an vorderster
Stelle stehe die „Engpassbeseitigung Mittelrhein“.
## Lange absehbar
Am Mittelrhein, besonders an der Engstelle Kaub zwischen Koblenz und
Wiesbaden, fordert der Bundesverband der Binnenschifffahrt schon seit einer
Weile eine Fahrrinnenvertiefung: Die sogenannte Fahrrinne, also der Teil
einer Wasserstraße, der für den Schiffsverkehr bestimmt ist und deshalb
eine gewisse Mindesttiefe haben muss, müsse mit Spezialschiffen vertieft
werden. „Jeder Zentimeter mehr Tiefe bedeutet mehr Ladung auf den
Schiffen“, sagte Bilger nun am Donnerstag in Bonn, und das bedeute, dass
weniger Güter mit Lkws auf der Straße transportiert werden müssen.
An mehreren Orten haben die Pegelstände in den vergangenen Tagen
historische Tiefpunkte erreicht. Am Rhein in Köln wurde schon am Samstag
der tiefste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen, an der Stelle
Kaub sanken die Werte am Dienstag auf 24 Zentimeter, unter das bisherige
Tief aus dem Jahr 2018. Bis zum Wochenende erwartet die Wasserstraßen- und
Schifffahrtsverwaltung dort ein weiteres Absacken auf 17 Zentimeter. Die
Elbe in Magdeburg führte am Donnerstag so wenig Wasser wie noch nie seit
1727, als die Messungen dort begannen. An der Donau wurde zuletzt an 78
Prozent der Messstellen in der Bundesrepublik extremes Niedrigwasser
verzeichnet.
An der Donau, die im Schwarzwald entspringt und dann durch Bayern weiter
nach Österreich fließt, hat das vor allem Auswirkungen auf den Tourismus,
Ausflugsschiffe und Flusstouren sind eingeschränkt. Auf der Elbe ist
[3][derzeit keine Binnenschifffahrt möglich] – ohnehin läuft der meiste
Güterverkehr per Binnenschiff aber über den Rhein. Dort wiederum können
viele Frachter aktuell oft nur noch ein Fünftel ihrer gewöhnlichen Ladung
tragen, besonders schwere Schiffstypen können gar nicht ablegen. Entlang
des Rheins sind historisch große Industriestandorte gewachsen, die
typischerweise von der Flussnähe profitierten und den Gütertransport per
Binnenschiff fest in ihre Lieferketten integriert haben.
Die niedrigen Pegelstände in großen deutschen Flüssen seien ein
Extremszenario, sagte Tillmann Buttschardt der taz – und zwar eines, das
sich über mehrere Jahre hinweg angebahnt hat. Buttschardt ist Professor für
angewandte Landschaftsökologie und ökologische Planung an der Universität
Münster, dort lehrt er unter anderem im Studiengang Wasserwissenschaften.
## Es gibt nur eine Antwort darauf
Seit 2011 haben Wetterforscher:innen in Deutschland mehrere besonders
trockene Jahre verzeichnet, der Deutsche Wetterdienst beschreibt auch die
Frühlings- und Sommermonate dieses Jahres als mild, sehr sonnig und
deutlich zu trocken. Seit Wochen bleiben in vielen Regionen Regenfälle aus.
Und schon seit dem Hitze- und Dürresommer 2003 hätten sich die
Grundwasserstände in Deutschland nicht richtig erholt, sagte Buttschardt.
Außerdem sei der [4][Schnee in den Alpen], der zum Beispiel dem Rhein dann
als Schmelzwasser zufließt, in diesem Jahr früher geschmolzen als in den
meisten anderen Jahren, weil es früher warm wurde. „Die Alpen werden das
Wasserschloss Europas genannt“, sagte Buttschardt. „Aber da ist nichts mehr
drin.“
Das habe dann nicht nur Auswirkungen auf die Wirtschaft, sondern auch auf
die Ökosysteme. Niedriges Wasser erwärme sich noch mal schneller, dann
wachsen Algen und Bakterien schneller. Sauerstoff fehlt, „dann kriegen die
Fische und andere Lebewesen Stress“.
Was sich dagegen tun lässt? „Wenn ich das als Klausurfrage stellen würde,
müssten meine Studierenden immer mit ‚Klimaschutz‘ antworten“, so
Buttschardt. Eine kurzfristige Lösung gebe es dafür nicht. Langfristig
müsse die [5][europäische Wasserrahmenrichtlinie] konsequent umgesetzt,
Feuchtgebiete wiedervernässt oder Auen renaturiert werden, um wieder mehr
Wasser in der Landschaft zu halten. Nur von Fahrrinnenvertiefungen hält
Buttschardt nichts – damit fließe durch die stark kanalisierten
Wasserstraßen nur noch mehr Wasser schneller ins Meer ab.
6 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/live/uzN_gV2OsbY
(DIR) [2] /Ueberraschende-Halbjahresbilanz/!6200369
(DIR) [3] /Experte-ueber-Klima-und-Niedrigwasser/!6199683
(DIR) [4] /Ewiges-Eis-schmilzt-dahin/!6074211
(DIR) [5] /Zu-viele-Schadstoffe-im-Wasser/!6139929
## AUTOREN
(DIR) Nanja Boenisch
## TAGS
(DIR) Schifffahrt
(DIR) Wassermangel
(DIR) Rhein
(DIR) Güterverkehr
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Steffen Bilger
(DIR) Berlin geht baden
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Steffen Bilger
(DIR) Flüsse
(DIR) Flüsse
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Baden in der Spree: Spreebaden gegen soziale Ungerechtigkeit
Paris und Kopenhagen machen es vor: Baden im stadteigenen Fluss ist
möglich. In Berlin gibt es regelmäßig Proteste gegen das Spree-Badeverbot.
(DIR) Zu wenig Wasser im Rhein: Es droht Schaden für die Wirtschaft
Trockenheit und Hitze beeinträchtigen den Verkehr auf Deutschlands
wichtigster Wasserstraße, Ökonom*innen sorgen sich um das
Wirtschaftswachstum.
(DIR) Boni für Bahn-Manager: Warum erst jetzt?
Verkehrsminister Bilger will das Gehalt der Bahn-Manager an die
Pünktlichkeit auf der Schiene knüpfen. Wieso ist das nicht längst der Fall?
(DIR) Niedrigwasser in deutschen Flüssen: BUND kritisiert Aussetzung von Lkw-Fahrverbot
Schiffstransport dürfe nicht wegen Niedrigwasser durch mehr Lkw-Fahrten
ersetzt werden, warnt die Umweltorganisation. Die Industrie begrüßt dagegen
die Lockerung.
(DIR) Bilgers Vorschlag für Güterschiffe: Eine Fahrrinne im Rhein zaubert kein Wasser her
Manche denken, dass man in Flüssen nur tiefer buddeln muss, damit sie
wieder mit Wasser volllaufen. Doch diese Idee übersieht das wirkliche
Problem.
(DIR) Folgen der Klimakrise: Wie das Niedrigwasser die Landwirtschaft trifft
Wegen der geringen Pegelstände lädt der neue Verkehrsminister zum
Krisengipfel ein. Aber auch den Äckern setzt der fehlende Regen stark zu.
(DIR) Niedrigwasser in Mittel- und Osteuropa: Stromkrise mit Ansage
Die Trockenheit zeigt Europa die neue Realität in Zeiten des Klimawandels.
Es muss dringend gehandelt werden, nicht nur bei der Energiepolitik.
(DIR) Wassermangel in der Donau: Ungarn schaltet AKW Paks komplett ab
Da die Kühlung des Kraftwerks nicht mehr gesichert ist, gibt es Probleme
bei der Stromversorgung in Ungarn. Auch andere Donauanrainer kämpfen mit
den Folgen.